Der Papst, der die Kirche zurück zu den Wurzeln führt
Selten hat ein Papst so klare, so unmissverständliche, so begeisternde Worte gefunden. Deutlicher als all seine Vorgänger hat Leo XIV. in seiner ersten Neujahrsansprache an die Botschafter beim Vatikan eine schlimme europäische Entwicklung gegeißelt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich derzeit alle Linkskatholiken winden und sich vor allem krampfhaft bemühen, dass die Worte des Papstes möglichst nicht verbreitet werden. Womit sie bei den Mainstream-Medien ja etlichen Erfolg haben. Dadurch versuchen sie zu verhindern, dass die sich christlich nennenden Parteien in Anbetracht dieser Rede nachzudenken beginnen, dass man einfach nicht bei jedem linken Irrsinn mitmachen darf. Der Papst hat aber auch für Nichtchristen, die genuin liberal, also freiheitsorientiert sind, so etwas von Recht, dass auch sie sich damit befassen sollten.
Es geht bei Vance wie Leo ganz zentral um die Meinungsfreiheit. Beide machen sich um deren Einschränkungen in Europa große Sorgen. Gewiss, vor der geschichtlichen Entwicklung zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert mutet es aufs erste erstaunlich an, wenn sich heute ausgerechnet zwei hohe katholische Repräsentanten große Sorgen um die von einer Cancel culture, von Political Correctness, von europäischen Zensurgesetzen in die Mangel genommene Meinungsfreiheit machen, während die meisten jener Politiker, die sich als "liberal" ausgeben, mit dem Wert der Meinungsfreiheit ganz offensichtlich nichts mehr anfangen und sich sogar vor nicht genehmen Äußerungen der Meinungsfreiheit fürchten (siehe etwa die Strafanzeigen roter und grüner Politiker gegen sich über sie lustig machende Internet-Postings).
Aber in der größeren historischen Perspektive sollte man das Wesentlichste nicht vergessen: Der Begriff der Freiheit jedes Menschen, der wesensgemäß auch die Meinungsfreiheit als eines ihrer wichtigsten Elemente umfassen muss, ist vor 2000 Jahren überhaupt erst durch das Christentum in die Menschheitsgeschichte gekommen. Das Christentum hat als erstes den bis dahin weltweit absoluten Staatsbegriff relativiert und statt dessen die menschliche Freiheit absolut gesetzt (zu der, theologisch formuliert, die Freiheit zur Sünde wie auch die Freiheit zum Guten gehört). Auch wenn es in der Kirchengeschichte seither viele üble Abweichungen von dieser Freiheitsorientierung gegeben hat, so ist doch die erste große politische Ansprache von Leo XIV. eine präzise Rückkehr zu den eindeutigen Wurzeln des Christentums.
Am besten ist es, ihn wörtlich zu zitieren:
"Die Rede- und Meinungsfreiheit …" (Anmerkung: Schon diese Gleichsetzung ist eine klare Betonung, dass man seine persönliche Meinung nicht nur haben, sondern auch frei aussprechen darf) " … wird gerade durch die Gewissheit der Sprache und die Tatsache garantiert, dass jeder Begriff in der Wahrheit wurzelt. Es ist daher bedauerlich, dass insbesondere im Westen (!!!) der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache …" (Anmerkung: Wer denkt bei "neue Sprache" nicht ans Zwangsgendern!) "… mit orwellschem Beigeschmack …" (Anmerkung: Die von Orwell beschriebene Diktatur hatte ganz eindeutig als erstes Opfer die Sprache im Zentrum!) "… entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist."
Dieser Schlüsselsatz sei nochmals ohne die vielleicht störenden Anmerkungen wiederholt:
"Es ist daher bedauerlich, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist."
Diese Worte, diese Hinweise auf die ideologische Ausschlussstrategie durch eine angebliche "Inklusion", diese klare Erkenntnis des Beginns von Diktaturen über die Sprache sind absolut sensationell und historisch. Sie sollten im Grund täglich öffentlich den nationalen und europäischen Gesetzgebern, den Gerichten und der Polizei entgegengehalten werden, wenn diese die Meinungsfreiheit im Dienste einer Ideologie, im Dienste der Macht immer weiter einschränken. Und sie sollten auch allen Journalisten bei alten Medien eingehämmert werden, die absurderweise die Einschränkungen der Meinungsfreiheit bejubeln oder schweigend begleiten. Denn sie glauben, diese Einschränkungen träfen ja eh nur die neue ungute Konkurrenz aus dem Internet und würden ihnen diese Konkurrenz vom Leibe halten, statt zu begreifen, dass sie selbst die nächsten Opfer sind.
Deswegen hat man in den alten Medien auch erstaunlich wenig über die Neujahrsansprache des Papstes gefunden. Was man nicht mag, berichtet man möglichst nicht. Diese Medien sind am Papst immer nur dann interessiert, wenn er die USA oder Israel zu kritisieren scheint, oder wenn ein Wort als Öffnung zum Frauenpriestertum (miss)verstanden wird.
In Wahrheit sind viele der alten Medien sogar selbst aktiv an der Entwicklung einer "neuen Sprache mit orwellschem Beigeschmack" beteiligt. Als ich diesen wunderbaren Papst-Ausdruck gelesen habe, sind mir gleich ein paar Beispiele eingefallen (in Anklang an Orwells "Liebesministerium", das für die Verbreitung von Angst, Folter und Gehirnwäsche zuständig ist).
- "Unsere Demokratie verteidigen": Das wird immer dann als Rechtfertigung für den Kampf gegen andere Parteien gesagt, wenn diese auf demokratischem Weg zu Mehrheiten gelangen und so den bisherigen Parteien die Mehrheit nehmen, das zeigt also eine extrem undemokratische Einstellung.
- "Wintermarkt" wird in dieser neuen Sprache für Weihnachts- oder Christkindlmärkte gesagt, um den wahren Kern und Anlass zu verschweigen.
- "Nichtregierungsorganisationen (NGOs)": Das sind fast durchwegs vom Staat subventionierte Organisationen, also Regierungsorganisationen, mit denen Parteien auf Steuerzahlerkosten ihre politische Agitation betreiben.
- "Zivilgesellschaft": Damit werden in Summe politisch gleichgeschaltete linke Organisationen gemeint, die meist als einzigen Zweck die Propaganda und Willensbildung an der demokratischen Mehrheit vorbei haben, die aber dennoch vorgeben, die wahre Bevölkerung zu vertreten.
Gleichzeitig gibt es Beispiele von Ausdrücken, die dafür sorgen, wie der Papst es in seiner Rede weiter verlangt, "dass Worte wieder unzweideutig für klare und deutliche Wirklichkeiten" stehen, die aber militante Linke gleich in Kampfuniform ausrücken lassen. Dazu gehört etwa die Feststellung, dass es ein eindeutiges "biologisches Geschlecht" und in jedem Staat ein "Volk" gibt. Das "Volk" steht eigentlich sogar schon im ersten Artikel der österreichischen Verfassung. Aber allein die Verwendung dieser Ausdrücke bringt einen heute auf die linken Scheiterhaufen.
So wie Vance kritisiert der Papst besonders die Verfolgung jener Menschen, die Abtreibung oder Euthanasie ausdrücklich ablehnen. Derzeit scheine "die Gewissensfreiheit zunehmend seitens der Staaten in Frage gestellt zu werden, auch von jenen, die sich auf Demokratie und Menschenrechte zu gründen bekunden."
Und noch deutlicher: "Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet."
An sich weniger überraschend, aber umso notwendiger sind auch seine deutlichen Worte gegen die Christenverfolgung "durch die weltweiten Konflikte, durch autoritäre Regime und religiösen Extremismus". Diese Christenverfolgung sei "nach wie vor eine der größten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit". Davon seien weltweit 380 Millionen Menschen betroffen. Das ist jeder siebente Christ weltweit. Besonders nannte er Bangladesch, die Staaten der Sahelzone, Mozambique und Nigeria, wo überall der Islamismus im Vormarsch ist.
Aber auch in Europa, Nord- und Südamerika konstatiert der Papst "eine subtile Form der religiösen Diskriminierung gegenüber Christen". Diesen werde "manchmal aus politischen und ideologischen Gründen die Möglichkeit beschnitten, die Wahrheit des Evangeliums zu verkünden".
Hochinteressant ist auch seine Formulierung zur illegalen Migration: Er betonte "die Hoffnung des Heiligen Stuhls, dass die Maßnahmen, welche die Staaten gegen Illegalität und Menschenhandel ergreifen, nicht zu einem Vorwand werden, um die Würde von Migranten und Flüchtlingen zu verletzen". Damit hat er neben dem notwendigen Appell, die Würde der Migranten zu achten, auch ausdrücklich das Recht der Staaten auf ihren Kampf gegen die illegale Migration bestätigt.
Was für eine tolle Rede! Zweifellos die politisch wichtigste eines Papstes seit Jahrzehnten.
Was für ein Widerspruch zum CDU-Ministerpräsidenten Günther, der gerade erst öffentlich nach Zensur kritischer Internet-Portale gerufen hat.
Was für ein Widerspruch zur gleichzeitig einen neuen Höhepunkt erreichenden europaweiten Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Einführung staatlich finanzierter Denunzianten durch die "DSA" der EU. Das ist die derzeit schlimmste europäische Zensurinstitution, die verlogen harmlos "Digital Service Act" benannt worden ist.
Das Traurige daran ist, dass in den letzten Jahren kein einziger österreichischer Bischof zu hören gewesen ist, der mit auch nur annähernd ähnlicher Deutlichkeit solchen Klartext gesprochen hätte. Von den Herrn Landau oder Zulehner oder von Regierungspolitikern ganz zu schweigen …
