Die verflixte Sache mit der Nation
Das Wiener Burgtheater reißt ohne echte Begründung ein großes Loch ins Staatsbudget. Macht es doch Theater gegen und nicht für das Publikum (ganz zum Unterschied von Staatsoper und – zumindest bis vor zwei Jahren – Volksoper). Diesbezüglich sind wir freilich schon seit längerem leidgewöhnt. Aber jetzt macht sich das Burgtheater auch noch dadurch absolut lächerlich, dass es zeigt, wie völlig ahnungslos es in Sachen Bildung und Geschichte ist. Freilich, was soll‘s: Der für die Bundestheater zuständige und viel Steuergeld dort hinlenkende Minister heißt Andreas Babler. Und dessen Bezugsprobleme zu Bildung und Geschichte sind ja schon österreichweit sprichwörtlich geworden.
Denn 1776 gab es weder eine österreichische Nation noch einen österreichischen Staat, sondern lediglich ein kleines Erzherzogtum dieses Namens (de facto Nieder- und Oberösterreich), das nur eines der vielen großen Besitzungen der Habsburger war. Joseph II., auf den sich die Ahnungslosen aus dem Burgtheater berufen, war römisch-deutscher König und Kaiser des "Heiligen Römischen Reiches", eine Bezeichnung, die oft noch den Zusatz "deutscher Nation" trug. Hätte dieser Joseph II. damals wirklich das Burgtheater (das "Theater neben der Burg") "österreichisches Nationaltheater" genannt, wäre das eine ziemlich provinzielle Sache gewesen, die niemand verstanden hätte.
Der Kaiser kam daher nie auf die Idee, das 1748 gegründete Theater dann 1776 österreichisch zu nennen, als er es durch ein Dekret herausheben und ihm einen großen überregionalen Anspruch geben wollte. Er nannte es natürlich "Teutsches Nationaltheater".
Die Frage, wann der Staat Österreich entstanden ist, gibt in der Folge Anlass zu vielen klugen wissenschaftlichen Erörterungen, in denen die Jahre 1804, 1867, 1915, 1918 vorkommen. Aber in Hinblick auf das Burgtheater war jedenfalls ganz eindeutig, dass es bis ins 20. Jahrhundert als deutsches Nationaltheater angesehen worden ist. Bis in die dreißiger Jahre haben sich in Österreich auch alle drei großen politischen Lager ganz selbstverständlich als Angehörige der deutschen Nation gefühlt.
Dennoch ist es heute ebenso selbstverständlich, dass es eine österreichische Nation gibt. Lediglich die Frage, wann sie entstanden ist, kann diskutiert werden. Das ist auch je nach geistigem Lager unterschiedlich geschehen, wobei zweifellos die überwiegende Ablehnung des als fremd empfundenen Hitler-Reichs, nicht zuletzt die gemeinsamen Erfahrungen der österreichischen Regimegegner im Konzentrationslager Dachau und das auftrumpfende Benehmen der nach Österreich gekommenen "Reichsdeutschen" eine große Rolle gespielt haben.
Grob zusammengefasst kann man sagen, dass für die Schwarzen die österreichische Nation in den dreißiger Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden ist, für die Roten in den vierziger Jahren und für das einst "großdeutsch", heute "freiheitlich" genannte Lager erst im 21. Jahrhundert nach dem Abgang von Jörg Haider, der die österreichische Nation noch als "Missgeburt" bezeichnet hatte. Dann wurde aber auch bei den Freiheitlichen unter H.C. Strache der geistige Wechsel nach Österreich sehr deutlich.
Diese Entwicklung ist eine langsame und stufenweise gewesen. Sie ist aber jedenfalls wertfrei und unverkrampft zu sehen. Nationen entstehen nicht durch staatliche Anordnungen, sondern durch den Konsens der Bürger, sich als etwas Gemeinschaftliches zu erleben. Das kann durch geschichtliche, kulturelle, sprachliche oder religiöse Faktoren geprägt worden sein, oder durch gemeinsames Leiden in Kriegen. Da gibt es kein Gut und Böse.
Österreich kann jedenfalls froh sein, dass seine Bürger sich heute in der ganz großen Mehrheit als Österreicher und als Angehörige einer gemeinsamen Nation fühlen. Es gibt nämlich Staaten auch in Europa, wie Spanien, Großbritannien Italien und Belgien, wo das keineswegs so ist. Die Österreicher würden zweifellos für die Republik Österreich und für die Zugehörigkeit zu einer österreichischen Nation stimmen, würden sie das gefragt (wenn auch eine bedenklich wachsende Zahl für ein totalitär-islamisches Kalifat). Sie singen ganz selbstverständlich die Bundeshymne mit (und dabei ebenso selbstverständlich nicht die von oben verordnete kampffeministische Variante). Und sie freuen sich ganz besonders, wenn sie im Sport (etwa im Medaillenspiegel olympischer Spiele) besser sind als "die Deutschen".
Denn Nationalgefühl ist eine zutiefst emotionale Sache, die nichts mit einer Verfassung zu tun hat, und die nicht durch staatliche Anordnungen geschaffen werden kann. Es gibt nur in theoretischen Lehrbüchern einen "Verfassungspatriotismus". Im wirklichen Leben gibt es nur einen österreichischen und jenseits von Freilassing einen deutschen (oder gar einen bayerischen?) Patriotismus.
Deshalb ist es so lächerlich und peinlich, wenn staatliche Institutionen mit lügnerischen Verdrehungen in Sachen Nation zu manipulieren versuchen. Das ist schon bei Nazis und Kommunisten total unglaubwürdig gewesen. Österreich ist wahrlich heute eine so gefestigte, so tief in den Menschen verankerte Nation, dass die Bürger es auch ganz locker und gelassen hinnehmen, dass der Name Österreich – in Abwandlungen – zwar über tausend Jahre alt ist, dass aber die Nationwerdung noch keine hundert Jahre alt ist. Sie leiden mehr darunter, dass das Burgtheater heute fast nur noch aus Vergangenheit, aus einstigen Namen großer Schauspieler besteht, die Stücke noch so aufführen durften, wie ein Dichter sie geschrieben hat.
Liebe Steuergeld verprassende Leute aus dem Burgtheater: Es genügt völlig, wenn ihr euch auf der Bühne lächerlich macht, wenn ihr das Haus selbst mit Gratiskarten nicht einmal mehr zu drei Viertel füllen könnt. Ihr braucht euch nicht auch noch als verkrampfte Geschichts-Manipulatoren lächerlich zu machen.
PS: Wenig überraschend, dass auch die Anti-Bildungs-Institution ORF den Unsinn vom 250-jährigen österreichischen Nationaltheater unreflektiert nachplappert.
