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Indien, wo die Zukunft abfährt

Indien, wo die Zukunft abfährt

Der Abschluss eines Handelsabkommens der EU mit Indien ist nicht nur aus europäischer Perspektive wichtig. Er ist das noch viel mehr deshalb, weil er den Blick auf das einwohnerstärkste Land der Welt richtet, das wir lange ignoriert haben, das lange im Schatten Chinas gestanden ist, das aber einer der dynamischsten Teile des Globus ist, das eine sensationelle innere Wandlung durchgemacht hat.

Indien hat China nicht nur in Sachen Einwohnerzahl überholt. Es ist nicht nur die größte Demokratie der Welt mit entwickelter Rechtsstaatlichkeit und großer Meinungsvielfalt, wenn auch immer wieder mit antichristlichen Zwischenfällen durch die selbstbewusst gewordene Hindu-Mehrheit. Die Inder haben in wirtschaftlicher Hinsicht auch unglaubliche Perspektiven durch ihre Jugend: Im Median sind sie um mehr als zehn Jahre jünger als die Chinesen, die sogar etwas älter sind als die US-Amerikaner. Die Inder haben auch bildungsmäßig stark aufgeholt, auch wenn sie kaum relevante Forschungseinrichtungen haben.

Vor allem haben sie seit Abwahl der sozialistischen Kongresspartei (der Partei der Nehru-Gandhi-Familie) im Inneren stark aufgeholt. Damals war Indien stark reglementiert und durch scharfe Importrestriktionen von der internationalen Konkurrenz abgeschottet und daher sehr rückständig. Doch inzwischen hat es sich stark geöffnet. Der Handelsvertrag mit der EU ist der Abschluss dieses Prozesses. Zugleich profitiert Indien davon, dass die aggressive Politik Chinas immer mehr ausländische Investoren davon abbringt, in China zu investieren oder zu kaufen.

Global gesehen ist also die Entwicklung Indiens noch viel wichtiger als der Weg der EU. Diese steht ja unter einem finsteren Schatten, weil linke und rechte EU-Parlamentarier den Handelsvertrag mit Kanada in selbstbeschädigender Weise auf die lange Bank geschoben haben.

Da ist zweifellos der Pakt mit Indien für die EU eine sehr gute Antwort und alles andere als eine Notlösung – auch wenn gewiss die indische Herausforderung vielen europäischen Branchen noch Kopfzerbrechen bereiten wird. Die Inder gehen ja – zu Recht – durchaus optimistisch in diesen Vertrag und wissen, dass sie durch die Qualität der Arbeitskräfte und ihr niedriges Lohnniveau überaus konkurrenzfähig sind. Vor allem aber leben sie in einem stabilen Land, mit innerer Ruhe und im Unterschied zu China ohne Eroberungspläne, wenn auch mit Grenzkonflikten zu zwei Problemnachbarn, nämlich Pakistan und eben China.

Ich schreibe in jeder Nummer von Österreichs einziger Finanz- und Wirtschafts-Wochenzeitung "Börsen-Kurier" die Kolumne "Unterbergers Wochenschau".