Italien, ein Land hat zu sich gefunden
Jahrzehntelang war Italien fast ein Synonym für den kranken Mann Europas. Heute ist es ein Land, das immer öfter als Vorbild gehandelt wird. Die brillante wie schwungvolle, moderne wie kulturbewusste, witzige, auch selbstironische Eröffnung der Olympischen Winterspiele kann gleichsam als äußeres Zeichen dieses Erfolges gewertet werden. Dies gilt auch für die Tatsache, dass zwischen Mailand und Cortina bis zum letzten Moment große und typisch italienische Konfusion geherrscht hat. Dass aber schließlich alles rechtzeitig gepasst hat.
Und vor allem ist es politisch stabil. Das kann nur der schätzen, der die Jahrzehnte der fast ununterbrochenen Regierungskrisen und -Neubildungen noch in Erinnerung hat, des ständigen Kampfes der einzelnen "Correnti" Flügel in der christdemokratischen Dauerregierungspartei, des Hasses zwischen den Parteien – vor allem zwischen den als unberührbar geltenden Kommunisten auf der einen Seite und den ebenso als unberührbar geltenden Neofaschisten auf der anderen – und nicht zuletzt des blutigen Links- wie Rechtsterrorismus, wobei jener der Linken eindeutig von Moskau aus inspiriert und finanziert gewesen ist.
Inzwischen haben sich die Kommunisten demokratisiert und zusammen mit den nach links gewanderten Funktionärsresten der an Korruption zerbrochenen Democristiani eine Zeitlang regiert, ohne dass die Welt untergegangen wäre. Und dann gab es unter einer Rechtsregierung den endgültigen Stabilisierungserfolg und Wiederaufstieg Italiens zu einer reihum auch politisch respektierten Nation (ihre großartigen Kulturschätze vom alten Rom bis zur Renaissance waren sowieso immer Weltmeister und werden es immer sein – auch wenn ein Wiener Banause die Sprache der alten Römer für überflüssig hält, obwohl sie zu den großartigsten kulturellen und intellektuellsten Schätzen der Menschheit zählt).
Dieser Erfolg Italiens, diese Stabilisierung ist eindeutig zwei Faktoren zu danken:
- An der Spitze steht dabei die Leistung einer kleingewachsenen Alleinerzieherin ohne den italienischen Hang zu Pathos und Selbstdarstellung. Giorgia Meloni ruft im Land wie in der Welt mehr Bewunderung und Begeisterung hervor, als es irgendeinem anderen Regierungschef seit langem gelungen ist. Sie schafft es, eine Mehrparteienregierung relativ friktionslos zusammenzuhalten (was die Italiener überhaupt nicht gewöhnt sind); sie hat aus einer einst von den Faschisten abstammenden Partei eine normale Gruppe der rechten Mitte gemacht; sie hat sich klarer denn viele andere Politiker total hinter die Ukraine gestellt; sie ist gleichzeitig total pro-amerikanisch wie pro-europäisch und vergisst dabei keineswegs die Interessen ihres eigenen Landes; am Rande sei erwähnt, dass sie auch ein gutes Verhältnis zu den sich anfangs vor einer angeblichen Neofaschistin fürchtenden Südtirolern hergestellt hat (die auch einen der vielen Schauplätze der Spiele stellen dürfen, der mit der deutschen Bezeichnung gezeigt wird); und – das vielleicht Schwierigste von allem – sie hat sogar zu Donald Trump einen sehr guten Draht gefunden. Woran alle anderen europäischen Regierungschefs gescheitert sind. Kein Wunder, dass einem italienischen Restaurator ihr Gesicht in den Pinsel geflossen ist, als er in einer Kirche ein Fresko-Antlitz eines Engels zu renovieren hatte ...
- Der zweite Faktor für die gute Entwicklung Italiens war der Umstand, dass die drei Parteien rechts der Mitte schon lange vor der Wahl eine perfekte Lösung für den Umgang miteinander gefunden haben, statt sich wie in den vielen Jahren davor immer gegenseitig zu bekriegen. Diese Lösung hatte einst vor allem der inzwischen Verstorbene Silvio Berlusconi eingefädelt, ein anderer großer Politiker Italiens.
Die Formel war einfach und klar:
- Die drei Parteien sagten schon vor der Wahl, dass sie miteinander eine Regierung bilden wollen.
- Sie einigten sich schon vor der Wahl über die wichtigsten inhaltlichen Eckpunkte.
- Sie legten fest, dass jene der drei Parteien, die am meisten Stimmen bekommen werde, auch den Regierungschef stellen würde.
- Die Italiener wussten daher, woran sie waren, sie konnten eine stabile Regierung wählen und brauchten sich nur noch zu entscheiden, wen sie am liebsten da als Chef hätten.
- Noch überraschender: Alle drei Parteien hielten nach der Wahl genau das ein, was sie vorher gesagt hatten.
- Da ist es fast kein Wunder, dass nach mehr als der Hälfte der Periode die Meinungsumfragen hervorragend sind: Die "Fratelli d’Italia" der Giorgia Meloni sind von 26 auf 30 Prozent gestiegen, und die anderen beiden Regierungsparteien haben sich gehalten und erreichen zusammen 17 Prozent.
Das lässt an Österreich denken: Da hatte das Land in den letzten Jahrzehnten eindeutig seine beste Zeit, als die beiden Parteien rechts der Mitte zusammen regierten – bis freilich die Zusammenarbeit jeweils aus eigener Schuld von Exponenten der beiden Parteien plötzlich kollabierte.
Die schwache Performance der folgenden Regierungsjahre mit jeweils einer Linkspartei an Bord, die fast alle sinnvollen Reformen blockierte, sollte daher dringend den Blick auf das italienische Vorbild richten lassen. Jedoch: Es gibt keine Anzeichen, dass man bei ÖVP oder FPÖ dorthin schaut. Dafür fehlen auf beiden Seiten die Staatsmänner, die zu mehr als dem Status quo oder parteitaktischen Spielchen imstande wären, oder zur dauernden Imitation deutscher Fehler.
PS zu Olympia: Bei aller Sympathie für Italien bleibt festzuhalten, dass das einzige, was in dem Land faschistisch und – speziell für Österreich – provokativ ist, der Text seiner Hymne ist (so sympathisch schwungvoll auch deren Melodie ist). In Zeiten eines vereinten Europas ist es einfach unpassend, wenn eine Nationalhymne auf eine andere Nation hinpeckt. Allerdings sei festgehalten: Der Text war auch unter früheren linken und christdemokratischen Regierungen genauso. Der ist nicht von Giorgia Meloni erfunden worden.
PPS zu Olympia: Auffallend, welche zwei Länder neben den Veranstaltern und ihren Nachfolgern beim Einzug den meisten Applaus erhielten: Die Ukraine und die USA.
PPPS zu Olympia: Nein, die Flagge der einen bösen Krieg führenden Russen ist niemandem abgegangen. Es ist gut so, dass sie ausgeschlossen bleiben, solange sie sich so verbrecherisch benehmen.
PPPPS zu Olympia: Was niemand zu sagen wagt, ist dennoch massiv auffallend: Der Wintersport ist auch 2026 trotz der großen, über 90 liegenden Zahl teilnehmender Nationen ganz massiv eine Sache des weißen Mannes, der weißen Frau geblieben.
PPPPPS zu Olympia: Interessant, dass sowohl der amerikanische Vizepräsident wie auch der US-Außenminister bei der Eröffnung in Mailand teilgenommen haben – noch interessanter ist freilich, dass absolut gleichzeitig zwei Nichtmitglieder der Regierung, die Herren Witkoff und Kushner, die derzeit weitaus wichtigsten außenpolitischen Verhandlungen der USA führen, nämlich die mit Iran in Oman. Das führt zwingend zu der Frage: Machen in den USA nur noch die Freunde und Familienmitglieder des Donald Trump die wirkliche Außenpolitik, während die verfassungsmäßig zuständigen und vom Volk beziehungsweise dem Senat gewählten Regierungsmitglieder bloß noch für die Wohlfühltermine da sind?
PPPPPPS zu Italien: Bei allem Beifall für die italienische Entwicklung darf nicht verschwiegen werden: Zwei fundamentale Daten bleiben katastrophal: Das eine Datum ist die seit mehr als einem Jahrzehnt konstant, wenn auch relativ stabil zwischen 131 und 137 BIP-Prozent liegende Staatsverschuldung; und die noch deutlich unter Österreich liegende Geburtenrate mit 1,15 Kindern pro Frau.
