ORF: Die Liste offener Fragen wird immer länger
Würde man an den ORF noch in irgendeiner Hinsicht Qualitäts- oder gar Objektivitätsanforderungen stellen, dann wäre das wieder ein Tag besonderer Tiefpunkte gewesen. Jedoch: Qualität und Objektivität haben weder den suspendierten Generaldirektor gekümmert, noch die vielen derzeit interimistisch oder dauerhaft Verantwortlichen. Dafür haben wir erfahren, welche Unzahl von Krenreiber-Gremien dort um unser Zwangsgebührengeld beschäftigt wird.
Aber zuerst zur Qualität, die im ORF allen längst völlig wurscht geworden ist, mit zwei besonders provozierenden Beispielen vom Tag.
- Zur Qualität müsste bei einem Milliardenunternehmen unbedingt auch die technische Qualität gehören. Bei hunderten Veranstaltungen können täglich anderswo andere Tontechniker diese auch gewährleisten. Nicht jedoch können das die bestbezahlten Tontechniker der Nation. Die ORF-Techniker können nicht eine direkt übertragene Veranstaltung tontechnisch verständlich machen. Sie können sich nur in einem Insert für die schlechte Tonqualität entschuldigen. Obwohl die Veranstaltung im ORF-eigenen Haus stattfindet. Obwohl sie eine Stunde lang gedauert hat, also eine Zeit, in der Profis die Mikrophone dreimal austauschen hätten können. Obwohl es eine Veranstaltung mit den beiden obersten Chefs des obersten ORF-Gremiums gewesen ist, für die man normalerweise nicht nur Lehrlinge einteilt. Obwohl der ORF einen eigenen Technischen Direktor mit Spitzengage hat. Obwohl bei einem anderen Unternehmen ein solcher am nächsten Tag gehen müsste, ist doch ein solches Versagen eindeutig mehr unternehmensschädigend als das, worüber sich eine anonyme ORF-Mitarbeiterin vier Jahre verspätet auf wessen Aufforderung auch immer beklagt.
- Zur Qualität gehört natürlich genauso das Programm. Und da wurde gerade an diesem Tag wieder einmal nachweislich manipuliert. Gleich in mehreren Nachrichtensendungen wurden unmittelbar zum Bericht über das Eingeständnis der EU-Kommissionspräsidentin, welch großer Fehler der weitgehende Verzicht auf Atomkraftwerke gewesen ist, Berichte über den japanischen Tsunami von vor 15 Jahren samt dramatischen Sequenzen von im Wasser treibenden Autos und Häusern gestellt. Bei diesem Tsunami ist zwar auch ein Atomkraftwerk zerstört worden, aber kein einziger der mehr als 20.000 Toten ist in Wahrheit durch dessen Zerstörung ums Leben gekommen, sondern alle waren Opfer der verheerenden Flutwelle. Diese zweifellos entscheidende Tatsache ist aber in all den ORF-"Desinformationsberichten", die ich dazu gehört habe, verschwiegen worden. Statt dessen musste jeder uninformierte ORF-Konsument den Eindruck bekommen: Jetzt wurde von der EU etwas beschlossen, was schon einmal Zehntausende Menschen verrecken lassen hat. Manipulatives Framing nennt man das in der Fachsprache. Man könnte auch von übelster Panikmache auf Kronenzeitung/Greenpeace/Grünpartei-Niveau sprechen.
Aber wer soll sich in einem Unternehmen noch um solche Kleinigkeiten kümmern, dessen proporzbesetzte Aufsichtsratsspitze jetzt eine ganz andere Hauptsorge hat: Sie will verzweifelt ihren eigenen Doppelfehler aus der Welt schaffen, erstens den bisherigen Generaldirektor Weißmann ohne ausreichenden Grund aus dem Amt gedrängt zu haben, nachdem sie ihn zweitens zuerst aufgefordert hat, sich mit dem Anwalt der vor vier Jahren angeblich so schwer gekränkten Frau zu einigen. Sie wollen uns jetzt aber plötzlich allen Ernstes weismachen, dass Weißmann ganz freiwillig, ganz aus eigenem zurückgetreten ist, nur weil ihn ein Anwalt mit einem vier Jahre alten Vorfall konfrontiert hat. Das ist schlicht absurd. Sie können aber schon gar nicht erklären, warum für sie eine Einigung Weißmanns mit dem Anwalt für die Frage relevant gewesen wäre, ob Weißmann Generaldirektor bleiben darf.
Im Übrigen ist auch die Rolle dieses Anwalts mehr als aufklärungsbedürftig:
- Warum ist er im Gegensatz zum Anwalt Weißmanns in der Anonymität verblieben?
- Warum stellt er sich daher auch keinen Fragen wie den folgenden?
- Wer aller (außer der Frau, deren Anonymität als einzige akzeptabel ist) hat ihn beauftragt und bezahlt sein Honorar?
- Welche Forderungen hat er genau an Weißmann gestellt?
- Warum hat er sich ausgerechnet an den Stiftungsrat gewandt?
- Warum hat er nicht Anzeige erstattet, wenn etwas Rechtswidriges vorgefallen ist?
- Oder geht es ohnedies nur um harmlose Kleinigkeiten?
- Hat er nur den effektivsten Weg gesucht, um die Generaldirektorswahl zu beeinflussen, obwohl die vorgeworfenen Delikte nicht einmal die roten Staatsanwältinnen in Bewegung gesetzt hätten?
- Warum hat er nicht wenigstens eine der zahllosen Frauenbeauftragten des ORF oder der Regierung eingeschaltet?
- Warum ist er ausgerechnet knapp vor einer möglichen Wiederbewerbung Weißmanns aktiv geworden?
Die beiden Stiftungsrats-Vorsitzenden müssen sich seit ihrem jüngsten Auftritt neben all den schon auf dem Tisch liegenden offenen und weiterhin nicht beantworteten Fragen über ihr Agieren in den letzten Tagen nun auch noch einen weiteren Vorwurf zu ihrer jüngsten Entscheidung gefallen lassen: Warum haben sie nicht, wie etwa die Kirche in Sachen Missbrauch, eine unabhängige und total externe Kommission zur Überprüfung eingeschaltet, sondern zwei Frauen, denen beim besten Willen nicht die nötige ORF-Ferne nachgesagt werden kann.
Radiodirektorin Ingrid Thurnher wird nun (interimistisch oder dauerhaft) die Nachfolge antreten. Sie ist zwar viele Jahre lang eine sympathische und ohne die Schlagseite ihrer Nachfolger agierende Moderatorin gewesen. Sie übernimmt die ORF-Spitze aber jetzt unter zwei sehr negativen Vorzeichen:
- Zum einen ist das die Tatsache, dass SPÖ-Chef Babler als erstes sofort die Besetzung durch eine Frau gefordert hat (zu einem Zeitpunkt, der vermuten lässt, dass er schon viel früher die dahinterstehende Strategie gekannt hat, wenn er nicht gar in sie eingebunden gewesen ist), was ihre Glaubwürdigkeit massiv reduziert.
- Zum anderen ist das die Tatsache, dass es Thurnher zuletzt als Radiodirektorin in keiner Weise gelungen ist, den Sender Ö1 zu geistiger und ideologischer Objektivität zu bewegen, obwohl er – außerhalb der journalistischen Journale – eindeutig kommunistisch beherrscht ist. Was man an den geladenen Interview-Gästen, den behandelten Themen und rezensierten Büchern tagtäglich beweisen kann. Es gab nicht einmal Anzeichen, dass Thurnher das versucht hätte. Daher wird sie auch wohl gar nicht die Anstrengung versuchen, die knallgrünen Politredaktionen an das Gesetz, an Ausgewogenheit zu erinnern.
