Wiener Tagebuch: Stadt der roten Frauen

Es ist das Utopia der Wiener SPÖ. Ein Vorzeige- und Prestigeprojekt. Hier sollen rote Ideen und Träume in die Praxis umgesetzt werden. In der Seestadt Aspern. Den neuen Stadtteil hat man mitten in die grüne Wiese, abseits von verbautem Gebiet gestellt. Nur Felder und Brachland ringsumher. Die U2, die hier oberirdisch verkehrt, ist die Nabelschnur zwischen der Stadt und den derzeit rund 8.000 Einwohnern.

Der Kurier schreibt über das rote Projekt: "Die Stadt hat beim Bau penibelst auf alles geachtet: genügend Grünflächen, wenig Verkehr, belebte Erdgeschoßzonen – und vor allem soziale Durchmischung. In der Seestadt gibt es Gemeindewohnungen, geförderten Wohnbau, Wohnungen für finanziell schwächer Gestellte und bald auch Luxus-Wohnungen. Bis die Seestadt fertig gebaut ist (…) werden dort 20.000 Menschen leben und weitere 20.000 arbeiten."

Damit in der roten Modell-Stadt auch nichts aus dem Ruder läuft, hat das Rathaus sogar eine seiner berüchtigten Esoterik-Studien in Auftrag gegeben. Über die Seestadt konnte man in den vergangen Monaten und Jahren viel lesen. Selten Positives, sieht man von roten Advertorials und anderen Gefälligkeitsmeldungen in den Wiener und SPÖ-nahen Medien ab. Das Esoterik-Gutachten scheint nicht viel gebracht zu haben.

Unlängst habe ich mir die Stadt am Rande der Stadt selbst angesehen. Wollte mir ein Bild machen. An den bunten Beilagen in diversen Bezirksblättern, den Broschüren und Inseraten der Stadt Wien, die die Seestadt als urbanes Paradies anpreisen, hatte ich so meine Zweifel. Erster Eindruck, als ich aus der U2-Endstation ausgestiegen bin: Der namensgebende See ist ein eher mickriger Schotterteich. Man sollte sich von diversen Fotos in den Medien nicht täuschen lassen. Fotografen hat sie jedenfalls gute, die Stadt Wien.

Dass in der roten Satellitenstadt alles ideologisch aufgeladen ist, erkennt man unter anderem an den Straßennamen. In der Seestadt sind alle Straßen und Wege nach Frauen benannt. In einer Broschüre heißt es dazu: "Die Straßennamen in einer Stadt sind ihr kollektives Gedächtnis und prägen ihre Identität. 3750 männliche Namen stehen im Wiener Straßennetz etwa 200 weiblichen Namen gegenüber – ein Ungleichgewicht, das den Leistungen der Wienerinnen nicht gerecht wird."

Offenbar hat man sich bei der Suche nach bedeutenden Wienerinnen, die auch noch aus dem linken Lager kommen sollten, schwergetan. Deshalb sind die meisten Straßen in der Seestadt nach Frauen aus Österreich und der ganzen Welt benannt. Da gibt es unter anderem die Janis-Joplin-Promenade oder die Edith-Piaf-Straße. Nach der Margaret-Thatcher-Avenue oder Oriana-Fallaci-Gasse habe ich vergeblich gesucht. Die meisten am Wiener Stadtrand verewigten Frauen sind linke Feministinnen, Schriftstellerinnen, Psychologinnen, Therapeutinnen, Politikerinnen, Schauspielerinnen oder Philosophinnen.

Die Straßennamen in der Seestadt untermauern, was Feministinnen verleugnen und abstreiten. Technikerinnen, Erfinderinnen, Ingenieurinnen sucht man jedenfalls vergebens. Im Rahmen eines Kunstprojekts wurde sogar ein Straßenschild mit dem Namen einer RAF-Terroristin aufgestellt. Die Dame war an der Entführung und Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Martin Schleyer beteiligt. Sie hat sich bei der Familie der Angehörigen niemals glaubwürdig entschuldigt. Grund genug, die RAF-Genossin in der roten Satellitenstadt zu würdigen.

Obwohl die Seestadt Aspern offenbar eine Spielwiese für Sozialisten aller Härtegrade ist, will sich die rote Idylle nicht so recht einstellen. Im Gegenteil. Für Frauen ist das Wiener Banlieue eher kein gutes Pflaster. Rivalisierende Jugendbanden, die in der U-Bahnstation aufeinander losgehen, 13-Jährige die einen Jugendlichen verprügeln und das mitgefilmte Video im Internet verbreiten oder eine Terrordrohung. Das ist alles in den vergangen Tagen in der Seestadt geschehen. Schon zuvor geriet das Stadtteilprojekt immer wieder in die Schlagzeilen. Etwa als ein minderjähriger Tschetschene andere Schüler spitalsreif prügelte.

Nach den jüngsten Vorfällen bettelte der rote Bezirksvorsteher den Kurier an: "Schreiben S’ ma die Seestadt net runter, bitte." Und Christian Holzhacker, Bereichsleiter für den 22. Bezirk im Verein Wiener Jugendzentren, bestreitet, dass es in der Seestadt Jugendbanden gibt, es gäbe "maximal rivalisierende Gruppen", sagt Holzhacker.

Um diesen Unterschied zu kennen, muss man wohl sozialistischer Bereichsleiter in Wien sein. Die Seestadt entwickelt sich in dieselbe Richtung wie alle sozialistischen Projekte. Da helfen auch keine argumentativen und rhetorischen Verrenkungen, da hilft auch keine Gefälligkeitsberichterstattung.

"Eine Stadt mit Herz und Hirn, in der das ganze Leben Platz hat. (…) Auf dem Fundament von innovativen Konzepten wächst ein nachhaltiger Stadtteil, der hohe Lebensqualität mit dynamischer Wirtschaftskraft verbindet. Perfekt angebunden, zukunftsweisend geplant, vielfältig und offen (…)". Braucht man für so ein Marketing-Blabla eigentlich noch Menschen oder spucken das die Computerprogramme schon selbstständig aus?

Auch wenn man das Projekt mit politisch korrekten Satzbausteinen und linker Prosa aufmotzt, Hochglanzbroschüren verteilt, die Straßen nach Feministinnen benennt, überall ideologischer Erklär- bzw. Belehrtaferln montiert und sonstige Symbolpolitik betreibt, an den Realitäten, Konflikten und Spannungen, die man sich mit der Masseneinwanderung aus der Dritten Welt nach Österreich, nach Wien und in die "sozial durchmischte" rote Stadtrandsiedlung geholt hat, ändert das nichts. "Rivalisierende Gruppen" mit exotischen Hintergründen prügeln sich im Park, egal ob er nach Hannah Arendt oder Karl Lueger benannt ist.

Die Seestadt: Sozialismus in der Nussschale. Wenn die Luxuswohnungen leer bleiben und alle, die es sich leisten können, wieder abgewandert sind, hat man im Rathaus sicher bereits genügend Erklärungen und Ausreden parat. Das Scheitern sozialistischer Projekte geht ja immer auf die Kappe des  Klassenfeindes. Bis dahin wird die Stadt Wien noch sehr viel Geld in PR, Marketing und Integrationsprojekten verbrennen.

Ach ja, bei meinem Besuch in der Seestadt habe ich in einem zentral gelegenen Lokal einen der teuersten und wässrigsten Aperol Spritz meines Lebens getrunken. Zumindest bin ich keinen Jugendbanden begegnet. Rivalisierenden Gruppen – Gott sei Dank – auch nicht.

Werner Reichel ist Autor und Journalist. Sein neues Buch "Der deutsche Willkommenswahn – Eine Chronik in kommentierten Zitaten 2015-2016" ist soeben bei Frank&Frei erschienen.