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1984 – 2003 – 2062

1984 – 2003 – 2062

Es ist erschreckend: Das gegenwärtig meistgelesene Buch in Europa scheint "1984" zu sein, eine Schau in die Zukunft aus dem Jahr 1948. Sehen die Menschen die dort beschriebenen Zustände bereits heraufdämmern, die der in Indien geborene Engländer Georges Orwell in seiner bescheiden "Roman" benannten Vision vorgezeichnet hat?

Drei Mächte teilen sich die Weltherrschaft: Eurasien, das das ganze heutige Noch-Europa um ein vermutliches Zentrum Moskau einschließt; Ostasien, das leicht mit China und derzeit noch umgebenden Staaten zu identifizieren ist; und Ozeanien, also die an Atlantik, Pazifik, Arktis und Antarktis grenzende Landmasse. Kurzdefinitionen, die den Ausbruch brutaler Auseinandersetzungen sozusagen schon in ihren Namen tragen.

Innenpolitisch werden die drei Diktaturen am Beispiel Ozeaniens vorgeführt, das zumindest teilweise einmal als Bollwerk für Humanität galt. Ozeanien wird vom Großen Bruder geführt, den jeder zu lieben und dem jeder zu gehorchen hat.

Dazu dient die Ausdrucksweise "Neusprech", in der alle wichtigen Worte die gegenteilige Bedeutung annehmen. Krieg heißt Frieden, Sklaverei offiziell Freiheit. Ein Liebesministerium organisiert den Hass gegen alle, die der jeweils neuesten und mitunter rasch wechselnden Politlinie zu widersprechen scheinen.

Jede persönliche Bindung ist strikt verboten, sie könnte die Liebe zum Großen Bruder beeinträchtigen. Zuständig für die Brechung jeder Individualität ist die allgegenwärtige Gedankenpolizei, die mit Hilfe der modernsten technischen Schikanen jede Lebensäußerung verfolgt, sogar die ihrer eigenen Funktionäre. Abweichler sind vom ersten Verdacht an der Todesstrafe verfallen.

Wir nähern uns rasant Orwells Alptraum "19-84" aus dem Jahre 19-48 an – ein bewusster Zahlensturz.

Die Fortsetzung dieser Vision besorgte schon 28 Jahre vorher (!) der kritische satirische Schriftsteller Erich Kästner.

1930, drei Jahre vor (!) der Machtübernahme Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus schrieb er "Das letzte Kapitel", gemeint der Menschheit. In diesem Gedicht teilt die Weltregierung am 12. Juli 2003 (Zahlensturz 19-30/20-03) mit, dass der Plan, Frieden zu stiften, sich nicht anders verwirklichen lasse, als alle Beteiligten zu vergiften. Die späteren technischen Möglichkeiten wie Atom- und Neutronenbomben konnte Kästner nicht vorausahnen. Auch nicht, wie nahe seine Sicht der historischen Wahrheit einmal kommen würde.

Zum (realen) Krieg des Jahres 2003 im Nahen Osten kommentierte am 14. Juli 2003 eine Salzburger Tageszeitung: "Man kann das Geschehen im Irak für einen bloßen Raubkrieg um Ölquellen und wirtschaftliche Macht halten. Wird der Nahe Osten aber den Sieg der Westmächte nicht als Schritt der endgültigen Versklavung der Palästinenser und letztlich der gesamten arabischen Welt verstehen? Wird die letzte alliierte Bombe auf Bagdad nicht der Startschuss sein für einen mörderischen Krieg, der rund um die Erde geführt werden wird?" Man vergegenwärtige sich die Schlagzeilen der letzten beiden Jahre.

Kästner kam für das Jahr 2003 zum Ergebnis: "Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer." Die Schlussstrophe erklärt die Resignation: "Jetzt hatte die Menschheit erreicht, was sie wollte. Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human. Die Erde aber war aber endlich still und zufrieden und rollte, völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn."

Sollte sich der Dichter um ein paar Jahrzehnte geirrt haben, bleiben die Auswirkungen in der Erdgeschichte unbedeutend.

Man schreibt das Jahr 2026. Den Staat Eurasien gibt es (noch) nicht. Aber der Griff Russlands – fast hätten die Finger Sowjetunion getippt – nach der Ukraine ist der erste Schritt in Richtung weiterer Einverleibungen.

Ostasien-China lässt keinen Zweifel an der Annexion Taiwans. Die Zahl der Satelliten wie Nordkorea wird steigen, und auch im weiteren Verlauf wird niemand dem Aggressor in den Arm fallen.

Ozeaniens Alleinherrscher lässt an seiner Absicht niemand zweifeln, dass er sich nach Grönland auch Kanada einverleiben wird. So entsteht der dritte der drei Riesenstaaten, die Orwell vorausgesehen hat.

Wohin geht die Reise? Wagen auch wir einen Zahlensturz und blicken 20-26 auf das Jahr 20-62.

Das Ende des degenerierten und sich bevölkerungsmäßig zur Reproduktion unwilligen Europas vorauszusagen bedarf keiner großen Weisheit. Doch auch Orwells Eurasien wird man keinen langen Bestand prophezeien können.

Bereits vor acht Jahren wurde an dieser Stelle (ein Gastkommentar im Tagebuch) aus einer Pekinger Dissertation des Jahres 2117 die Entstehungsgeschichte Westchinas zitiert:

Zunächst wurde die Union der Staaten Westarabiens unter muslimischer Dominanz gegründet und der Besitz christlicher Bibeln unter Strafe gestellt. Damit wurde realisiert, was der hochrangige türkische Politiker Necmettin Erbakan im April 2001 in Deutschland angekündigt hatte: "Wir werden ganz sicher an die Macht kommen. Ob dies jedoch mit Blutvergießen oder ohne geschieht, ist eine offene Frage." Er hatte tatsächlich "mit Blutvergießen" gesagt, ohne dass man von Seiten der Politik, der christlichen Kirchen und der Medien einen Aufschrei gehört hätte.

Der Gefahr der Säkularisierung des Islams durch den grassierenden Wohlstand breiter Massen konnte durch gezielte Maßnahmen zur allgemeinen Verarmung wirksam entgegengetreten werden.

(Gedachtes) Zitat des studentischen Werkes: "In der Weltenwende befreiten wir das Gebiet des früheren Europa und schlossen es als Westchina unserem ehrwürdigen Altreich mit seiner 4000-jährigen ruhmreichen Geschichte an."

Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz dürften alle künftigen Vorgänge schneller ablaufen, sodass das dekadent gewordene Ozeanien Mitte des Jahrhunderts unregierbar und von Ostasien-China geschluckt werden könnte.

In einer optimistischen Vorschau könnte die Welt im Jahr 2062 so aussehen, wie der Pekinger Student von 2117 in seiner denkbaren Abschlussarbeit schildern würde.

Pessimisten könnten Erich Kästner glauben. Sein grausiges Gedicht datiert die Ankündigung der Apokalypse, also die Auslöschung jeglichen Lebens, mit 12. Juli und die Exekution mit 13. Juli 2003. Mehr als zwei Jahrzehnte danach existieren wir nachweislich noch. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, weiß der Volksmund.

Im grausigsten Witz, der je erzählt wurde, treffen sich zwei Planeten. Die Erde klagt, als wäre es eine Krankheit: "Ich habe Menschen!" Ein Mitgestirn beruhigt: "Mach’ dir nichts daraus. Das geht vorüber."

Denn schon vor 2062 könnte irgendwo irgendwann ein psychopathischer Staatenlenker, der mit dem Rücken zur Wand steht, auf einen der ja vorhandenen Roten Knöpfe drücken, der den Abschuss der ersten todbringenden Raketen auslöst.

In der Ewigkeit der Zeit wird nirgends archiviert werden, dass es je Menschen gegeben hat.

  

Willi Sauberer, Schüler Hugo Portischs, war ab 1961 Mitarbeiter von Alfons Gorbach, Josef Klaus und Hermann Withalm und von 1971 bis 1994 Chefredakteur einer kleinen Salzburger Tageszeitung. Der konservative Publizist schreibt vorwiegend über gesellschaftspolitische, zeithistorische und lokal-geschichtliche Themen.