70 Jahre Suez-Krise: Heute aktueller denn je
Im Schatten der Ungarn-Krise eskalierte 1956 in einer anderen Weltgegend eine Konfrontation, die im Zusammentreffen von regionalen Interessen mit globalen Spannungen frappant an die Gegenwart erinnert. Vor allem zeigt sich vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen, dass eine Kanonenboot-Politik traditionell eine zutiefst europäische Domäne war. Erst recht verstärkt durch eine globalisierte Wirtschaft, in der jedes Land weltweit Interessen zu verteidigen hat. Nebenkriegsschauplätze und Stellvertreterkriege bilden Dominosteine, die schließlich (beinahe) zu Weltkriegen führen.
In den Auseinandersetzungen um die Verstaatlichung des Suezkanals, dem israelischen-ägyptischen Krieg von 1956 und der britisch-französischen Intervention verdichteten sich die politisch-militärischen Entwicklungen. Es ging um globale Wirtschaftsdominanz, Handelsrouten und territoriale Forderungen. Zahlreiche Akteure von damals sind auch aktuell auf der politischen Bühne anzutreffen.
Im Februar 1956 kam es zur Bildung einer neuen sozialistischen Regierung in Paris. Zentrales Anliegen der neuen Regierung war die Befriedung ihrer damaligen Kolonie Algerien. Der algerische Guerillakrieg war seit dem Aufstand von 1954/55 gegen die französische Kolonialherrschaft kontinuierlich eskaliert. Die ägyptische Revolution und deren anti-imperialistische Rhetorik unter Gamal-Abdul Nasser hatten der algerischen Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) seit langem zusätzlichen Auftrieb gegeben. In Paris setzte daher eine härtere französische Politik auch gegenüber Ägypten ein.
Im Februar 1956 nahmen Israel und Frankreich erste Gespräche auf. Der israelische Generalstabschef Moshe Dayan erläuterte der Regierung Frankreichs, dass sich die ägyptische Politik gegen jeglichen europäischen Einfluss in der arabischen Welt richtete. Zudem hatte Nasser seit seinem Machtantritt nie einen Hehl aus seiner Feindschaft gegen Israel gemacht.
Sowohl der amerikanische Außenminister John Foster Dulles als auch der britische Premierminister Eden erklärten sich dessen ungeachtet bereit, Ägypten beim Bau des Assuan-Staudamms zu unterstützen. Allerdings kamen die Amerikaner kurz darauf zu der Überzeugung, dass Nasser für den Westen nicht mehr zu gewinnen war, da der Einfluss der Sowjetunion zu groß erschien. In der Folge widerriefen die USA und Großbritannien ihre Zusagen für eine finanzielle Unterstützung des Staudammprojekts.
Daraufhin verstaatlichte Ägypten die Suez-Kanal-Gesellschaft, an der Frankreich die Mehrheit hielt und britische Banken bzw. Unternehmen zu etwa vierzig Prozent beteiligt waren, und sicherten den Kanal militärisch ab. Die USA versuchten die dadurch ausgelöste internationale Krise mittels öffentlicher Stellungnahmen, Verhandlungen, Konferenzen und Beratung der UN zu entschärfen, doch die Europäer und Israel suchten die Konfrontation.
Ende Oktober 1956 trafen sich unter strengster Geheimhaltung die Vertreter Frankreichs, Großbritanniens und Israels in Sèvres bei Paris, um ihr Vorgehen gegen den ägyptischen Präsidenten Nasser zu beraten und zu koordinieren. Die Verbündeten schlossen einen Pakt, das "Protokoll von Sèvres": Die damaligen ägyptisch-jordanischen Kriegsvorbereitungen sollten Israel den Vorwand für einen Angriff gegen Ägypten liefern. Darauf reagierten Paris und London mit einem Ultimatum an Kairo. Nasser verweigerte sich diesem Ultimatum, und gab damit den französischen und britischen Militärs den Vorwand, den Kanal zu "befreien". Frankreich und Großbritannien erklärten sich außerdem bereit, Israel Waffen zu liefern.
In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1956 startete Israel die "Operation Musketier" auf der Sinai-Halbinsel und dem Gazastreifen. Am selben Tag begannen massive Luftangriffe der Briten und Franzosen gegen ägyptische Flugplätze und vorrückende Verbände. Innerhalb von zwei Tagen wurde die ägyptische Luftwaffe nahezu vollständig vernichtet. Am 2. November forderte die UN-Generalversammlung die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, was Frankreich und England jedoch mit ihrem Veto blockierten, um den Israelis ausreichend Zeit zu geben, ihre militärischen Ziele zu erreichen.
Anfang November 1956 begann der Vormarsch der britisch-französischen Expeditionsstreitkräfte mit der Landung von Fallschirmjägern. Am 6. November landeten britische und französische Marineeinheiten am Nordende des Kanals und nahmen Port Said ein. Völlig unerwartet für die beiden europäischen Mächte war nun allerdings die Reaktion der USA: Eisenhower verfügte sofort Sanktionen. Bereits am 31. Oktober stoppte er die Entwicklungshilfe für Israel. Daraufhin akzeptierten sowohl Israel als auch Ägypten die Forderung der Vereinten Nationen, die Kampfhandlungen einzustellen. Nun aber drohte die sowjetische Regierung, mit Gewalt den Frieden im Nahen Osten in ihrem Sinn neu zu ordnen. Eisenhower, der während der Krise die entscheidende Phase seines Präsidentenwahlkampfes zu bestehen hatte, war entschlossen, die Sache schnell zu beenden.
Dem israelischen Premierminister Ben-Gurion wurde dadurch klar, dass das sowjetische Eingreifen in die Krise – und dessen Akzeptanz durch die USA – die Situation völlig geändert hatte. Ein israelisches Festhalten an den Landgewinnen war ausgeschlossen. Israel hatte militärisch seine Ziele zwar erreicht, musste aber akzeptieren, dass es den Sinai auf Dauer nicht besetzt halten konnte.
Die Krise ging ihrem Ende entgegen. Frankreich und England akzeptierten die Waffenruhe, wie zuvor Ägypten und Israel. Die Vereinten Nationen übernahmen das Krisenmanagement. Als die ersten UN-Verbände in Ägypten eintrafen, zogen sich die beiden europäischen Mächte Ende Dezember 1956 aus der Kanalzone zurück, ohne dass die Kriegsziele der europäischen Mächte bleibend erreicht worden wären. Dem Einflussverlust ging auch ein Verlust an politischer Glaubwürdigkeit mit einher.
Für Österreich und Bundeskanzler Raab war der Nahe Osten sehr weit weg. Das Hauptinteresse im Jahre 1 nach dem Staatsvertrag galt der Ungarn-Krise, und die strikte Einhaltung der staatspolitischen Neutralität wurde von Wien überall gewahrt. Mitte November 1956 fand die UNO-Vollversammlung in New York statt, wo der universelle Schutz der Vereinten Nationen für alle Völker betont wurde, im Grunde aber alle realen Machtverhältnisse akzeptiert wurden.
Vor 70 Jahren zeigten sich bereits die begrenzten Mittel der UNO gegenüber einzelnen zu allem entschlossenen Großmächten.
Dr. Hannes Schönner, Geschäftsführer des Karl von Vogelsang-Instituts.
