Das mangelnde Interesse der Europäer an der Suche nach Ressourcen kann teuer werden
Grönland, mit seiner Hauptstadt Nook und seinen 56.500 Einwohnern ist zu vier Fünftel mit Eis bedeckt. Die eisfreie Fläche ist in etwa so groß wie Deutschland. Es ist die größte Insel der Welt.
Aus geologischer Sicht ist sie aus den ältesten Gesteinsregionen der Erde aufgebaut und mit Kanada und Skandinavien vergleichbar. Auch ist das Rohstoffpotential ähnlich dem von Kanada oder Skandinavien.
Das Wissen über Bodenschätze in Grönland hat sich seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stark entwickelt und dennoch wissen wir noch sehr wenig, denn was gefunden wurde, war durch die Erosion im Laufe der geologischen Geschichte freigelegt worden. Vergleicht man Grönland mit Kanada – mit ähnlichen geologischen Gegebenheiten –, so stehen noch große Funde aus.
Eine gute Zusammenfassung der Mineralvorkommen und deren aktiven Bergbaus sind im "Review of the critical raw material resource potential in Greenland", verfasst von Diogo Rosa, Per Kalvig, Henrik Stendal & Jakob Kløve Keiding im MiMa rapport 2023/1 enthalten.
Grönland besitzt großes Potenzial für kritische Rohstoffe: 25 von 34 im "Kritischen Rohstoffe Material Akt" aufgeführte Materialien wurden dort gefunden. Von 55 untersuchten Vorkommen ist bislang nur Feldspat in Produktion.
Eine besonders große Dichte verschiedener Elemente sind in zwei geographischen Bereichen festzustellen. Das sind die Regionen Südwestgrönland und Zentralostgrönland. Ich vermute, dass in früheren Bergbauaktivitäten in diesen Regionen die damit einhergehende detailliertere geologische Kartierung begründet ist.
In Zentralostgrönland war das der ehemalige Blei-Zinkbergbau Blyklippen bei Mesters Vig und in Westgrönland die ausgeerzte Kryolit-Lagerstätte. Das größte Potential offenbart sich bisher in den Lagerstätten für Grafit, Seltenen Erden, Molybdän, Niob, Tantal, Platinmetalle, Titan, Vanadium und Zirkonium, die sich vor allem in den zwei genannten Regionen, nämlich Zentralostgrönland und Südwestgrönland abzeichnen.
Erstaunlich ist, dass sich europäische Bergbaugesellschaften aus der Untersuchung des Potentials vornehm heraushalten. Risikokapital für Lagerstättenerforschung scheint in Europa nicht zur Verfügung zu stehen. Hingegen:
- China interessierte sich schon vor mehr als einem Dutzend Jahren für die Seltenen Erden in Kvanefeldt in Südwestgrönland.
- China Nordic Mining (CNM) explorierte auch zwischen 2010 und 2013 den Kupferschiefer in Zentralostgrönland.
- Die australische Explorationsgesellschaft Green X verfolgt auf Ymers Ö die Antimon-Gold-Wolframvorkommen (ist auch aktiv in Deutschland und untersucht die altbekannten permischen Kupferschiefer).
- Kobalt-Vorkommen in Südwestgrönland werden von der kanadischen North American Nickel Inc. bearbeitet.
- Die britische Gesellschaft Green Roc Strategic Materials PLC untersucht in Westgrönland Grafitvorkommen.
- Ebenso war die nicht mehr existierende britische Graphite Field Resources Ltd. in der Grafit-Exploration tätig.
- Weit fortgeschritten und großteils durch Bohrungen untersucht sind die Seltene-Erden-Vorkommen in Südwestgrönland. Sie gehören zu den weltgrößten. Im Bereich des Kvanefjeld und Motzfeldt explorierten australische Unternehmen. Genannt wurden Energy Transition Minerals Ltd., Tanbreez Mining Greenland (mittlerweile in 2025 von Critical Metals erworben). Zu beachten ist, dass auch das Lithium-Projekt Wolfsberg Critical Metals gehört.
- Die Bergrechte des Malmberg in Zentral Ostgrönland (von mir und H. Wöber untersucht) gehören der kanadischen Greenland Resources. Der Abbau der Lagerstätte soll 2029 beginnen und Stahlwerke in der Europäischen Union mit Molybdän versorgen.
- Die australischen Gesellschaft Platina Resources hält die Bergrechte der Platinmetalle – Goldvorkommen der Skaergaard Intrusion in Ostgrönland.
- Bluejay Mining und Green Roc Mining, beides britische Gesellschaften, untersuchen die Titan-Vanadium-Vorkommen in Westgrönland.
Viele andere Mineral-Vorkommen, wie Barit, Beryllium, Wismut, Chrom, Strontium, Phosphor, Hafnium und Zirconium könnten ebenfalls von Interesse für die Europäische Union sein.
Eine der Ursachen, warum Gesellschaften der Europäischen Union sich nicht an der Erschließung der Rohstoffe in Grönland beteiligen, könnten die nichtexistierenden, sogenannten Junior Explorers (Startups) sein, wie sie aus Kanada, Großbritannien und Australien bekannt sind. Inwieweit man dafür unsere Universitäten verantwortlich machen kann, wäre zu untersuchen. Einen Hinweis dazu liefert die vom Bundesministerium Wirtschaft Energie und Tourismus veröffentlichte "Entrepreneurial Impact Study". Sie untersuchte den wirtschaftlichen Einfluss akademischer Einrichtungen. Österreich liegt im Ranking deutlich zurück. Bleibt abzuwarten, ob die Montanuniversität Leoben darauf mit einer Anpassung ihrer Studiengänge reagiert. Eher nicht.
Ohne massive staatliche oder private Unterstützung zu explorieren, bedarf großer Begeisterung, wie sie Entdeckern eigen ist. Typisches Beispiel für private Initiative war die Suche nach Diamanten. Dass dafür entsprechende Geologie in Kanada vorhanden ist, wurde neben anderen von den beiden kanadischen Geologen Charles Fipke und Stuart erkannt. Nach mehr als einem Jahrzehnt erschöpfender Exploration unter extremen Bedingungen entdeckten sie 1985 etwa 200 Kilometer von der nächsten Verkehrsanbindung Yellowknife in den kanadischen Nordwest-Territorien Diamanten-haltigen Kimberlit. Diese Entdeckung führte zu weiteren Kimberliten, nicht nur in der kanadischen Arktis, sondern auch in Quebec. Auch diese Entdeckungen wurden nicht von großen wohlfinanzierten Bergbaugesellschaften, sondern von kleinen Juniors gemacht.
Der erste Diamanten-Bergbau, die Ekati Grube, wurde 1998 eröffnet. Weitere Diamanten-Minen folgten. Mittlerweile ist Kanada der fünftgrößte Diamantenproduzent.
Ein weiteres Beispiel ist die Entdeckung und Entwicklung von Blyklippen bei Mesters Vig in Zentral Ostgrönland. Mesters Vig (Blyklippen) war ein Blei- und Zinkvorkommen in Ostgrönland, das von Dr. Lauge Koch 1948 entdeckt wurde. Es wurde von seinem Sohn Carl 1949 bis 1951 untersucht. 1951 wurde die Nordisk Mineselskab gegründet, die die Bergrechte zwischen 70 Grad und 74,5 Grad Nord erhielt; das ist ein etwa 500 Kilometer langes Gebiet zwischen Daneborg im Norden und Ittoqqortoormiit im Süden, der frühere Scorebysund. Noch im selben Jahr wurde ein Flugplatz mit einer Landebahn von 1800 Meter in Mestersvig angelegt. Schon 1956 begann der Abbau der Lagerstätte, der bis 1963 währte.
In dieser Periode wurde auch das Molybdänvorkommen Malmbjerget exploriert, das seither auf die Entwicklung zu einem Bergbau wartet.
Nur rund drei Wochen im August und September konnten die eisverstärkten Schiffe der Reederei Lauritzen das Packeis passieren, um die Mine zu versorgen und Konzentrate abzutransportieren. Auf Grund des Klimawandels können sich Schiffe jetzt schon im Juli durch das Packeis pflügen und die Küste erreichen.
Erfolgreicher Bergbau ist auch in abgelegenen Regionen wie Zentral-Ostgrönland und Nordkanada möglich. Viele kanadische Minen werden ausschließlich im Winter über gefrorene Wege versorgt. Das zeigt, dass fehlende Infrastruktur kein Hindernis für erfolgreichen Bergbau sein muss – insbesondere, wenn keine Probleme mit Treibeis bestehen. Arbeitskräfte können lokal angelernt oder aus dem Ausland angeworben werden. Angesichts dieser Erfahrungen sollten Einwände gegen den Bergbau in Grönland kritisch geprüft werden.
Widrige Umstände können beherrscht werden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Die Erfolge aus Grönland und der kanadischen Arktis sollten vorbildlich für Geologen und Nachwuchsunternehmer sein. Leider ist dem nicht so. Wir überlassen die Suche und Entwicklung unserer Ressourcen eher Landfremden.
- Eine australische Gesellschaft sucht in Österreich nach Erdgas,
- die Lithiumvorkommen auf der Koralm sind fest in australischer Hand.
- Mögliche Grafitvorkommen in Österreich werden von Kanadiern verfolgt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beteiligung europäischer Unternehmen an der Rohstoffexploration generell und wie gezeigt in Grönland und anderen Regionen derzeit stark hinter jener von Gesellschaften aus Kanada, Großbritannien und Australien zurückbleibt. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig und reichen von fehlenden Strukturen für junge Explorationsunternehmen über Defizite in der universitären Ausbildung bis hin zu einer restriktiven Gesetzeslage, die Innovation und Unternehmertum erschwert. Es scheint, als ob hier sowohl politisch als auch gesellschaftlich ein Umdenken notwendig wäre, um das Potenzial der heimischen Ressourcen, zu denen auch die grönländischen zu zählen sind, besser zu nutzen und damit langfristig die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Europäischen Union zu fördern.
Gerhard Kirchner ist Bergingenieur und liebt die Umwelt.
