Eine Gesellschaft ohne Unschuldsvermutung kann keine gerechte sein
Die Affäre um einen angeblichen Fall sexueller Belästigung im ORF hat die österreichische Medienwelt erschüttert. Oder zumindest durchgerüttelt. Roland Weißmann, als Führungspersönlichkeit eine unscheinbare Figur, wird von einer ORF-Mitarbeiterin beschuldigt, er habe sie vor einigen Jahren – wann das war, ist derzeit Gegenstand von diversen Ermittlungen und vor allem Gerüchten –, er habe sie also ... ja, was eigentlich genau?
Zur Stunde ist nämlich nur bekannt, der ORF-Chef – ein Generaldirektor ist das mittlerweile, ein »Generalintendant« würde bei der Programmausrichtung dieser Rundfunkanstalt auch aus meiner Sicht überzogen klingen – hätte sie »sexuell belästigt«. Eine nicht näher bekannte rechtsfreundliche Vertretung der betroffenen Dame hat – interessanterweise – nicht Strafanzeige erstattet, wie das bei kriminellem Verhalten eigentlich eine Tradition darstellt, sondern sich an den Stiftungsrat des ORF gewandt und dort – offensichtlich – so viel an »belastendem Material« gegen Weißmann vorgelegt, dass dieser unter Führung des ehemaligen SPÖ-Kommunikationschefs Heinz Lederer Weißmann den »sofortigen Rückzug« von seiner Funktion nahegelegt hat. Das hat Weißmann am 8. März getan und mittlerweile auch Strafanzeige gegen mehrere Personen erstattet. Er bestreitet in einer Sachverhaltsdarstellung alle an ihn gerichteten Vorwürfe, spricht von einer »von 2019 bis 2021 dauernden, privaten und einvernehmlichen Beziehung« und wirft mindestens zwei Personen Nötigung und Erpressung vor.
Das ist alles eine ausnehmend unangenehme Situation. Als ein Substrat bisher, zeigt sich mir Österreich als ein Land, in dem jemand Jahre später eine »sexuelle Belästigung« in den Raum stellen kann und in dem das klare und wünschenswerte Verhalten dann der sofortige Rückzug des »alten, weißen Mannes« ist, weil er – bevor irgendwelche Sachverhalte einer richterlichen Prüfung unterzogen sind – Täter ist.
Um es ganz deutlich zu sagen, mir sind sexuelle Belästigungen, noch dazu, wenn sie unter Ausnutzung einer beruflichen Stellung passieren, mehr als zuwider. Ich bin in der glücklichen Position, bei tausenden gesellschaftlichen Anlässen in den letzten dreißig Jahren – in einem vor allem bürgerlichen, oft ÖVP-nahen Umfeld –, bis auf ein einziges Mal keiner wie immer gearteten auch nur »Fragwürdigkeit« in diesem Bereich begegnet zu sein. Das eine Mal, das war eine übergriffige Berührung einer Kellnerin an einer unangemessenen Stelle bei einem abendlichen Buffet. Ich war noch Funktionär der Jungen ÖVP und habe laut und deutlich diesem Chef einer Interessensvertretung klargemacht, dass sich das nicht gehöre. So laut, dass es alle im Raum Anwesenden vernommen haben, und so laut, dass der Kollege die Zurechtweisung als solche wohl verstanden hat.
Das heißt jetzt nicht, dass es sexuelle Belästigung nicht gäbe, oder auch nur, dass sie in einem sehr geringen Ausmaß vorkäme. Das ist ausschließlich meine persönliche Empirie. Und das heißt auch auf gar keinen Fall, dass ich irgendetwas in diesem Bereich verharmlosen möchte. Ganz im Gegenteil, ein Mann, der eine Frau belästigt, sie unanständig berührt oder ihr auch nur unsittliche Avancen macht, verdient unser aller Verachtung. Übrigens genauso, wie es ein weiblicher Täter verdienen würde. Und ja, da gibt es deutlich weniger.
Was auch Verachtung verdient, ist aber die ungeheure Vorverurteilung, die in diesem konkreten wie auch in anderen Fällen gerne stattfindet. Der Mann ist der Täter. Punktum. Die »Solidarität« gehört »der Frau«. Das kann insbesondere bei einem solch unklaren wie unüberschaubaren Vorgang, noch dazu mit zahlreichen politischen und persönlichen Verstrickungen aller Beteiligten, doch nicht unser Ernst sein. Zum einen macht es Frauen in einem furchtbaren Automatismus ein weiteres Mal zum Opfer – es wird ihnen etwa jede »Täterfähigkeit« von vornherein abgesprochen; die Motivlage der beteiligten Dame ist jedenfalls mehr als hinterfragenswert. Zum anderen ist es schlicht ungerecht dem Gros aller Männer gegenüber, die ein solches Verhalten eben nicht an den Tag legen. Ganz egal, wie sich der Sachverhalt in der Causa ORF irgendwann einmal klären wird.
Den Vogel an Antifeminismus hat übrigens unser Vizekanzler und Medienminister abgeschossen: Dessen schlichte Forderung, »der neue ORF-Chef muss eine Frau sein«, lässt jede nächste ORF-Generalin per Einfalt zur Quotenlösung mutieren. Der Beste muss nächster ORF-Chef werden. Und nur ein schlichter Geist verfügt nicht über die Vorstellungskraft und die sprachliche Präzision, dass das natürlich auch eine Frau sein kann. Worüber ich mich freuen würde.
Christian Klepej ist Unternehmer und gibt in Graz das Monatsmagazin Fazit heraus. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Hirschegg-Pack und Graz.
