Katholische Kirche zwischen Zeitgeist-Disko und Tradition
Der Gang mit der eigenen Großmutter, die abends wie von einem Magneten angezogen schnellen Schrittes zum Gottesdienst in die Kirche geeilt ist, hinterlässt besonders bei Kindern einen bleibenden Eindruck – oft bis ins Erwachsenenalter. Diese immaterielle Anziehungskraft ist rational schwer erklärbar, prägt jedoch die emotionale Ebene nachhaltig.
Die eigene Oma, im Italienischen "Nonna" genannt, verfügte als Vertreterin der Kriegsgeneration vielleicht über keinen akademisch reflektierten Glauben, dafür aber über einen umso stärkeren gefühlsgetragenen. Die katholische Kirche und ihre damaligen Repräsentanten – vom Dorfpfarrer bis hin zu Papst Johannes Paul II. – galten nicht nur der älteren Generation als Respektspersonen, sondern bildeten einen tragenden Pfeiler des sozialen und gesellschaftlichen Gefüges.
Papst Johannes Paul II., mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyła und in seiner Jugend begeisterter Laienschauspieler, spielte als gebürtiger Pole eine zentrale Rolle nicht nur in der metaphysischen Wirkung auf die Gläubigen, sondern ebenso in der Solidarność-Bewegung. Diese trug maßgeblich zum Ende des Kommunismus in Polen bei und inspirierte darüber hinaus Unabhängigkeitsbestrebungen innerhalb der gesamten Sowjetunion. Im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren führte dies in Wechselwirkung vieler Einzelteile zum Zusammenbruch des Ostblocks.
Heute erscheint es kaum vorstellbar, dass ein Papst wie früher direkten oder indirekten Einfluss auf internationale Konflikte ausüben könnte. Sein Einfluss ist eher moralischer Natur.
Der Umbruch im kirchlichen Machtgefüge Österreichs setzte spätestens mit den Vorwürfen gegen Kardinal Hans Hermann Groër sowie der aufkommenden Priesterinitiative ein. Der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl nahm dabei einst, seiner eigenen Beschreibung zufolge, die Haltung eines "kritischen Gehorsams" ein. Selbst der wortgewaltige Bischof Kurt Krenn, Repräsentant des konservativ-traditionellen Lagers, konnte dieser Dynamik nicht wirksam entgegentreten. Die katholische Kirche leidet heute im übertragenen Sinne beinahe an einer dissoziativen Identitätsstörung.
Im Spannungsfeld zwischen jahrhundertealten Traditionen und neuen Wertedebatten innerhalb der katholischen Gemeinschaft wie gleichgeschlechtlicher Ehe oder Frauen in kirchlichen Führungspositionen droht sie im rauen sozialen Klima gesellschaftlicher Realität zerrieben zu werden. Dieser Spagat ist selbst für den neuen Wiener Oberhirten, der über ein hohes Maß an Differenzierungsfähigkeit verfügt, kaum zu bewältigen. Welche Zugeständnisse wird er neuen Strömungen machen können, ohne – frei nach dem ultrakonservativen Ewald Stadler – letztlich in der "Zeitgeist-Disko" einer Welt inflationärer Werte zu landen?
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.
