SPÖ: Kadavergehorsam und die Brandmauer der Einfallslosigkeit
Wo noch vor Kurzem heftig am Sessel des Vorsitzenden gesägt wurde, herrscht nun im Kontext des SPÖ-Parteitages plötzlich gute Miene zum bösen Spiel. Der "Kampf gegen rechts" und "Solidarität für alles und nichts" sind die neuen und zugleich ewig gestrigen Gassenhauer. Doch die Platte hängt nicht nur in der Wahrnehmung der Menschen; es scheint, als läge seit der Abwahl Werner Faymanns ein Fluch über der SPÖ. Dieser geht im Sinne eines mentalen Mantras mittlerweile so weit, dass die beschworene "Brandmauer" projektiv und unbewusst zu einem latenten und manifesten Flächenbrand innerhalb der Partei geführt hat.
Die permanente Zwangsfixierung auf den faschistischen Feind und die rechten Kapitalisten hat zur paradoxen Folge, dass die Jahrhundertbewegung innerlich degeneriert und zunehmend einfallsloser geworden ist. Selbst der zur Schau gestellte Kampf gegen das Böse in der Welt ist zum metaphorischen Spiegelfechten geraten. Wie zahlreiche Untersuchungen belegen, kaufen die Wähler dies der Sozialdemokratie nicht mehr ab. Analog zur sich überschlagenden Stimme und den – nennen wir es einmal – kreativen Wortkreationen Bablers überschlägt sich die Partei in unzähligen inhaltlichen Purzelbäumen in Dauerschleife selbst. Es ist das makabere Bild einer stolzen Bewegung, die einst von Bruno Kreisky über Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Alfred Gusenbauer bis hin zu Werner Faymann den Führungsanspruch im Land gestellt hat.
Der nach außen beschworene Flächenbrand hat sich durch die Brandmauer der Einfallslosigkeit in die eigenen Reihen verlagert. Warum aber gelingt es der Sozialdemokratischen Partei Österreichs nicht, sich selbst zu reinigen? Wie formulierte es der Parteichef am Parteitag so treffend: "Wir sind nicht dort, wo wir gerne wären!" Wo aber wäre die SPÖ gerne – außer, wie alle anderen Parteien auch, an den Futtertrögen der Macht? Einst stand die Partei tatsächlich dafür, von der individuellen Wohnung bis hin zum Arbeitsplatz praktische Problemlösungen für ihre Mitglieder und Sympathisanten anzubieten. Heute ist, bis auf wenige Ausnahmen, außer Spesen nichts gewesen.
Dieses Phänomen würde die FPÖ ebenso treffen, ließe man sie an die Regierung. Das sozialdemokratische Branding der Solidarität wird selbst an der Spitze nicht mehr gelebt, worauf zahlreiche Abkanzelungsversuche aus dem Süden und fernen Osten unseres Landes und darüber hinaus hinweisen. Zu guter Letzt mangelt es der SPÖ, wie allen anderen Bewegungen, an einer differenzierten Personalauswahl. Nicht "Survival of the fittest" ist das Prinzip der Selektion; stattdessen kommt nur an die Spitze des "Austrian Way of Life", wer nach oben buckelt und nach unten tritt. So kann es nicht nur für die SPÖ nicht aufwärtsgehen – ebenso stagniert ganz Österreich in einer Koalition der Zwangsverbündeten.
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.
