Social-Media-Verbot für Politiker
Einst wurde die vierte Kulturtechnik, das Internet, hoch gepriesen. Welche Möglichkeiten sich für uns alle auftun würden! Nun wird aus Überforderung mit den Auswüchsen bei Kindern und Jugendlichen zur "schwarzen" pädagogischen Methodik des Regulierungswahns und staatlicher Verbote gegriffen. Die Sozialpsychologie bietet hierzu die wesentlich wirkungsvollere Methode des Lernens.
Siehe das Modell nach Albert Bandura: Menschen durchlaufen Lernprozesse nicht gerne abstrakt. Schnelles, intuitives Lernen erfolgt durch Beobachtung, Nachahmung und Empathie. Wir benötigen daher authentische Vorbilder statt Regeln und Verbote. Spiegelneuronen bilden das neurobiologische Fundament für diesen Ansatz. Beim Beobachten einer Handlung oder Emotion imitieren diese Nervenzellen im Gehirn des Beobachters das neuronale Muster des Modells und lösen ein "inneres Nachahmen" aus.
Die Vorbildfunktion von Eltern, Mentoren und Lehrkräften ist in diesem Zusammenhang von essenzieller Relevanz. Nur Verhaltensweisen, die als positiv und wirkungsvoll wahrgenommen werden, werden erlernt und gespeichert. Dabei muss niemand päpstlicher als der Papst sein. Kinder übernehmen Stärken wie Defizite gleichermaßen wie viele von uns aufgrund von Selbsterfahrung wissen. Da diese Fähigkeit für die individuelle Genese zentral ist, besitzen junge Menschen einen feinen Sensor für Unstimmigkeiten und Dissonanzen, die sofort bei den scheinbaren Vorbildern detektiert werden.
Social Media: Prohibition statt Vorbildfunktion
Aus Einfallslosigkeit und weil manche Eltern sowie Lehrkörper die Verantwortung gerne an den Staat delegieren, greift die Politik mit Regulierungen ein, die in einer Art Social-Media-Prohibition münden. Sind wir unseren Heranwachsenden im Sinne der genetischen Evolution bei allen Schutzgedanken nicht längst hinterher? Nicht nur die KI lernt durch Daten- und Informationsfluss. Das "Garbage in, garbage out" – Prinzip, welches sich auf manche Inhalte von sozialen Medien übertragen lässt, einmal außen vor gelassen.
Wenn schon Gebote, sollten Entscheidungsträger und vor allem Politiker frei nach dem Modelllernen mit bestem Beispiel vorangehen. Keine Selfies und Selbstdarstellungen in sozialen Medien mehr! Nur was man selbst vorlebt, kann man glaubwürdig von anderen verlangen. Wie steht es zudem um die Doppelmoral millionenschwerer Werbung durch Politiker auf digitalen Plattformen internationaler Konzerne, die von ebenjenen als Bösewichte markiert werden? Werden diese ebenso in Zukunft eingestellt? Die Politik wäre, um in der Schüler Analogie zu bleiben, gut beraten ihre Hausaufgaben zu machen und nicht in das Leben von Menschen hineinzuregieren. Man muss nicht jeden Lebensbereich an den Staat oder die EU auslagern. Gerade jene Institutionen, die aktuell mit vielen Aufgaben selbst überfordert sind. Wo wir wieder beim Lernen am Modell wären.
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.
