Der zurückgekehrte Untertanenstaat
Vom verstorbenen Literatur-Kritiker Reich-Ranicki stammt das Bonmot: "Wenn Sie mal was Dummes hören möchten, fragen Sie einen Künstler nach seiner politischen Meinung." Um das omnipräsente Übel des Ersatz-Politikertums durch Künstler und Prominente aller Art und Unart genauer zu erkennen, ist Folgendes anzumerken: Nicht alle Künste sind in gleicher Weise für diese "politische Ersatzkunst" geeignet. Weder als Bildungsvoraussetzung noch als politisches Kariere-Sprungbrett.
In aller Regel sind es die Künstler des geschriebenen Wortes, (viel) weniger die Künstler der Bildenden Künste, die sich gern als öffentliche Ersatzpolitiker prostituieren (Prominente Theater- und Filmregisseure samt Schauspielern – vor allem weiblichen –, nehmen seit dem 20. Jahrhundert eine Mittelposition ein. Fehlt somit nur noch die vielfaltsreiche Prominenz der nationalen und internationalen Sportkünstler).
Am wenigsten sind es Musiker der traditionellen Kunstmusik, hingegen auffällig oft Musiker der zeitgemäßen U-Musik. Wie auch das erschreckende Grönemeyer-Faktotum der deutschen Popmusik beweist. Wobei sich der Ausdruck "Faktotum" nicht auf Grönemeyer als "Gesamtmusiker" bezieht, weil dieser deutsche Pop-Barde nur als Koryphäe des deutschen Pop-Songs ein Millionenpublikum begeistert.
Ein "Faktotum" nannte man früher – in Familien, auf Bauernhöfen und zuletzt noch in Firmen und Betrieben aller Art – einen Menschen, der sich oft selbst als "Mädchen für alles" oder als "rechte Hand" des Chefs verstand.
Als Musiker kommt Grönemeyer somit nicht als "Faktotum" in Frage und Verwendung – allenfalls als Spezial-Faktotum für stadionfähige Popmusik. Dennoch hat er sich bereits als politisches Faktotum bestens bewährt, indem er als prominenter Schoßhund Merkels an der erlauchten Seite seiner Herrin im aktuellen "Kampf gegen Rechts" brüllgewaltig mitstreitet.
Ob auch "rechtsgewaltig", muss sich erst noch zeigen. Wegen einer seiner Brüllreden gegen den neuen innerdeutschen Gesamtfeind wurde er wegen Volksverhetzung angeklagt, ob ernsthaft oder nur zum Schein der "neuen Demokratie", die mit völlig neuen Begriffen von Volk und Volksverhetzung zu operieren pflegt, muss sich ebenfalls erst noch zeigen.
Gegen "moralische Hassverbrechen" hätte sich der allzulang verstorbene Kant noch leidenschaftlich erregt: Wenn ein Staat die Gesinnungen seiner Bürger zu prüfen und davor nach tabuisierten Regeln zu erziehen beginnt, ist der Untertanenstaat, den man in Deutschland des 21. Jahrhunderts für überwunden hielt, mit (zeitgemäß ver-rockten) Pauken und Trompeten wiedergekehrt.
Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.
