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Allah im Diversity-Workshop: Wie der Westen seine eigene Schizophrenie integriert

Allah im Diversity-Workshop: Wie der Westen seine eigene Schizophrenie integriert

Man muss schon eine bemerkenswert dekadente Zivilisation sein, um sich derart kunstvoll selbst zu verwirren. Während draußen die Weltgeschichte wieder Kapriolen schlägt, führt der Westen seinen bizarren Kulturkampf mit fest zugewiesenen Rollen. Rechts verdächtigt den Islam des finsteren Rückfalls ins Mittelalter; links verklärt ihn zur bunten Folklore des Widerstands gegen das weiße Patriarchat. Auf der einen Seite sieht man das Minarett als Belagerungsturm, auf der anderen als ethno-romantisches Weltkulturerbe – irgendwo zwischen Couscous, Bauchtanz und Alhambra.

Der Konservative erkennt im Islam eine importierte Gegenzivilisation: kollektivistisch, männerdominiert, gewalttätig. Schon der Ruf des Muezzins klingt ihm wie ein Unterwerfungsbefehl. Die Linke hingegen erblickt darin das immerwährende Opfer einer westlichen Hybris. Derselbe Aktivist, der daheim kein Pronomen vergessen darf, verteidigt beim Islam das Recht auf das Patriarchat mit erstaunlicher Zärtlichkeit. Was hier toxische Männlichkeit heißt, ist dort gelebte Authentizität. Der Kopftuchzwang wird zum Modestatement, die arrangierte Ehe zum fröhlichen Lokalkolorit.

Beide Lager eint ein leidenschaftlicher Hang zur Projektion. Die Rechte sieht nur Bart und Bombe, die Linke nur islamophoben Rassismus. Der Islam als Spiegel, nicht als Gegenüber – das ist der wahre Kern des westlichen Kulturkampfes. Einer schaut hinein und sieht die Apokalypse, der andere die unschuldige Seele des edlen Wilden. Wahrheit? Zu kompliziert für eine Talkshow.

Denn die Wirklichkeit ist unerquicklich. Der Islam ist zugleich Mystik und Machtapparat, Gebet und Gesetz, persönliche Frömmigkeit und politische Organisation. Es gibt liberale Muslime, die ihren Glauben mit der Aufklärung versöhnen wollen, aber allzu oft schweigen – und andere, Lautstärkere, die von der Aufklärung so viel halten wie die Inquisition von Galileo. Dass in den islamisch geprägten Gesellschaften Meinungsfreiheit mit Religionskritik endet, Gleichberechtigung an der Hausschwelle und Toleranz am Grab des Apostaten, gilt hierzulande als unhöflicher Hinweis, wenn man es ausspricht.

Aber der Westen hat eine Begabung, Widersprüche zu umarmen, bis sie ersticken. Er nennt es Integration. Europas politische Klasse glaubt ernsthaft, Zivilisation sei eine pädagogische Übung: Man müsse nur genug Begegnungsabende, Förderprojekte und Sensibilisierungstrainings anbieten, dann würden die vormodernen Clans schon zu modernen Multikulti-Familien mutieren. Eine gesellschaftliche Alchemie der Bürokratie – so macht man Gold aus Wertekursen.

Währenddessen empfiehlt man dem eigenen Volk, seine Irritationen als Narrativ zu verstehen, also als Missverständnis der Wirklichkeit durch zu wenig Empathie. Wer die Spannungen sieht, gilt als Hetzer; wer sie leugnet, als moralisch verblendeter Gutmensch. So driftet man in die groteske Lage, dass Wahrheit zur Gesinnungsfrage wird. Die Rechte postuliert einen Krieg der Zivilisationen; die Linke führt einen Kampf gegen Diskriminierung. Am Ende sind beide gleichermaßen unbrauchbar: Die einen schüren Angst, die anderen fürchten alles, was Angst machen könnte.

Das Ergebnis dieser moralischen Choreografie ist Gesprächsunfähigkeit als Staatsräson. Wer differenzieren möchte, wird schon augenblicklich einsortiert: islamophob oder relativistisch, je nach Akzent. Der Westen, der einst stolz auf seine kritische Vernunft war, betreibt heute Identitätspolitik als Ersatzreligion. Die Debatte über den Islam ist zur liturgischen Frage geworden – man diskutiert nicht, man bekennt.

Darin liegt die Komik unserer Epoche: Ein Kontinent, der Gott verworfen hat, entdeckt ihn wieder – als interkulturelles Integrationsprojekt. Der Glaube kehrt zurück, diesmal begleitet von Sozialarbeitern und Genderbeauftragten. Allah im Diversity-Workshop: das hätte sich selbst Dostojewski nicht ausdenken können.

Und so taumelt der Westen zwischen Furcht und Folklore, unfähig, das Offensichtliche auszusprechen: dass die Welt nicht durch Gesprächskreise erlöst wird, sondern durch die Mannhaftigkeit, Widersprüche zu ertragen, ohne sie zu leugnen. Und Übergriffigkeiten zu begegnen, ohne zu zaudern. Solange die einen jede Kritik als Rassismus brandmarken und die anderen jeden Muslim zum Verdachtsfall erklären, bleibt der Dialog über Kultur das, was er geworden ist – ein Monolog in zwei hysterischen Tonlagen.

Der Westen diskutiert seine Identität, während sie ihm unter den Händen davonläuft. Er hat gelernt, alles zu tolerieren – außer der Wirklichkeit.

 

Silvio Pötschner ist HNO-Facharzt und Gerichtssachverständiger.