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„Die ich rief, die Geister, werd` ich nun nicht los!“

„Die ich rief, die Geister, werd` ich nun nicht los!“

Als "Der Zauberlehrling" vor über 200 Jahren geschrieben wurde konnte niemand ahnen, dass diese berühmte Zeile eines Tages wie ein Kommentar zur Künstlichen Intelligenz wirken würde. Und doch scheint genau das heute der Fall zu sein.

Ende Mai 2025 hat Google Veo 3 die Welt der Filmproduktion erschüttert. Mit einfachen Texteingaben – sogenannten Prompts – lassen sich plötzlich täuschend echte Filmszenen erzeugen: Menschen sprechen synchron, Kamerafahrten wirken professionell, Musik entsteht automatisch, ganze Handlungen entfalten sich binnen Sekunden. Was früher Millionenbudgets, Filmstudios und hunderte Mitarbeiter erforderte, kann nun theoretisch in einem kleinen Büro mit einigen leistungsfähigen Notebooks entstehen.

Noch vor wenigen Monaten klang das wie Science-Fiction. Heute existiert diese Realität bereits.

Ich habe darüber am 18. Juni 2025 hier in einem Gastkommentar für das Tagebuch geschrieben. Damals stellte ich die provokante Frage: "Ist Veo 3 das Ende der Filmindustrie?"

Was zunächst wie eine steile These wirkte, erscheint mittlerweile nicht mehr völlig unrealistisch. Denn die Entwicklung hat eine Geschwindigkeit erreicht, die selbst Optimisten überrascht – und manchen erschreckt.

Wenn KI künftig Drehbücher schreibt, Schauspieler digital erzeugt, Stimmen synthetisiert, Kulissen erschafft und Filmschnitte automatisiert: Welche Rolle bleibt dann noch klassischen Filmberufen? Werden Kameraleute, Beleuchter, Bühnenbauer, Maskenbildner oder Komponisten zu nostalgischen Erinnerungen einer analogen Epoche?

Hollywood spürt diese Unruhe bereits. Die große Traumfabrik könnte vor ihrer radikalsten Veränderung seit Einführung des Tonfilms stehen.

Und dennoch liegt in dieser Entwicklung auch etwas Faszinierendes. Denn erstmals in der Geschichte des Films können kreative Menschen ohne großes Kapital ihre Visionen verwirklichen. Nicht mehr das Budget entscheidet über die Möglichkeit eines Filmes – sondern die Idee.

Ein einzelner Mensch kann heute Geschichten erschaffen, für die früher ganze Studios nötig gewesen wären.

Gerade das erinnert mich so stark an Goethes Zauberlehrling. Der junge Lehrling entfesselt Kräfte, die er zwar bewundert, aber nicht mehr kontrollieren kann. Genau an diesem Punkt scheint die Menschheit heute angekommen zu sein. Die Geister heißen nun nicht mehr Magie, sondern Algorithmen, neuronale Netze und künstliche Intelligenz.

Um die Möglichkeiten praktisch zu testen, habe ich in meinem Beitrag vor einem Jahr ein Experiment durchgeführt. Ich beauftragte ChatGPT damit, ein Drehbuch zu Goethes Zauberlehrling zu verfassen: 90 Sekunden Länge, animiert, mit Ton und Dialogen.

Die Aufgabe war in weniger als zwanzig Sekunden erledigt.

Die KI lieferte Figuren, Szenen, Dialoge, Kameravorschläge und musikalische Ideen – in erstaunlicher Qualität. Ich wartete anschließend bewusst einige Monate, um die technische Entwicklung weiter zu beobachten. Nach zahlreichen Versuchen kam ich zu dem Schluss, dass sich besonders das Programm GROK von Elon Musk hervorragend für die visuelle Umsetzung eignet.

Gemeinsam mit meinem Freund Thorsten und seinem privaten Studio "Vativonfynn" entstand daraus schließlich ein etwa elf Minuten langer animierter Film über den Zauberlehrling, den ich auf YouTube hochgeladen habe. Hier der Link.

Das Bemerkenswerte daran: Die gesamte Produktion entstand im Wesentlichen mit einem Notebook und drei KI-Programmen, deren monatliche Kosten im Abonnement zusammen etwa 46 Euro betragen.

Noch vor wenigen Jahren hätte man für ein ähnliches Projekt ein professionelles Studio, Zeichner, Sprecher, Musiker und enorme finanzielle Mittel benötigt.

Andreas Unterberger hat mich nach Ansicht des Kurzfilms daraufhin gebeten, seinem Leserkreis zu erklären, wie solche Produktionen konkret entstehen. Nach einiger Überlegung entschied ich mich gemeinsam mit Thorsten für die Leser des Tagebuchs aufgrund des großen Interesses ein Gratisseminar auf einem kostenlosen YouTube-Kanal zu eröffnen, auf dem wir Schritt für Schritt zeigen, wie man mithilfe Künstlicher Intelligenz selbst Filme generieren und dann zur weltweiten Veröffentlichung hochladen kann.

Dort erklären zwei Avatare das Projekt – ein bewusst gewähltes Symbol für die neue digitale Welt, in der reale und künstliche Identitäten zunehmend ineinanderfließen.

Das erste Tutorial startet am 1. Juni 2026. Ziel ist es, Menschen zu ermutigen, ihre Phantasie nicht bloß zu konsumieren, sondern selbst kreativ zu werden. Vielleicht entsteht daraus eine völlig neue Generation von Geschichtenerzählern.

Hier der Einführungstrailer.

Vielleicht stehen wir tatsächlich am Beginn einer neuen Epoche. Nicht am Ende des Films – sondern bei seiner Wiedergeburt.

Doch wie bei Goethes Zauberlehrling bleibt die entscheidende Frage offen:

Wer beherrscht am Ende wen? Der Mensch die Maschine – oder die Maschine den Menschen?

 

Dr. Franz Luger ist Jurist und war 37 Jahre lang bei der OMV-Raffinerie Schwechat tätig. Seit mittlerweile vier Jahren beschäftigt er sich als Autodidakt intensiv mit Künstlicher Intelligenz und den tiefgreifenden Veränderungen, die diese Technologie für Kunst, Kultur und Gesellschaft mit sich bringt.

Besondere Aufmerksamkeit erregt er als zeitgenössischer KI-Komponist, der sich vor allem auf Wiener Walzer im Stil von Johann Strauss spezialisiert hat. Seine als "Reloads" veröffentlichten Werke erscheinen auf Plattformen wie Spotify, Apple Music und YouTube. Darüber hinaus entstehen unter seiner kreativen Leitung moderne Interpretationen klassischer Musik, Tanzkompositionen unterschiedlichster Stilrichtungen sowie musikalische Vertonungen literarischer Texte.