Franz Kerschbaum
Franz Kerschbaum | 13. Oktober 2011

Die Wissenschaftler sind ja selbst schuld!

(Thema: Wissenschaftsverdrossenheit)

Normalerweise ärgere ich mich gar nicht mehr über Umfragen mit manchmal allzu durchsichtiger Motivation von Seiten der jeweiligen Auftraggeber. Wenn ich aber im Wirtschaftsblatt lese, dass 78% der österreichischen Bevölkerung wenig bis gar nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert sind und gleichzeitig 60% die Wissenschaftler selbst für die Misere verantwortlich machen, weil diese „nicht genug Anstrengungen unternehmen, um die Öffentlichkeit über ihre Forschung zu informieren“,  dann kann ich nicht umhin nachzuschauen, wo diese Zahlen herkommen.

Quelle dieser Meldung ist das aktuelle Forschungstelegramm "Wissenschaft und Technik: Wie die Österreicher zu wissenschaftlicher Forschung stehen" des Instituts für Freizeit-und Tourismusforschung, das auf Basis von den Eurobarometerdaten 340/341 aus dem Jahr 2010 diesen Fragenkreis in einen Entwicklungs- bzw. europäischen Kontext stellt. Die im Wirtschaftsblatt zitierten Zahlen finden sich dort gut nachvollziehbar und scheinen (leider) plausibel. Viele andere Umfrageergebnisse aus dieser Studie wären ebenso ein Nachdenken wert und bestätigen die generell sehr wissenschaftsskeptische wenn nicht gar -feindliche Grundstimmung in Österreich besonders im Vergleich zu den EU-27.

Sind wir Forscherinnen und Forscher also wirklich selbst schuld, dass die Öffentlichkeit verkürzt gesagt an Wissenschaft nicht interessiert ist, vor vielen Forschungsdisziplinen geradezu Angst hat und letztlich gar keinen Nutzen an unserer Arbeit erkennen kann? Ist es noch dazu Mangel an Vermittlung, ob qualitativ  oder quantitativ?
Natürlich gibt es immer noch Forscher, die kein Interesse an Öffentlichkeitsarbeit haben und derartige Aktivitäten ihrer Kollegen sogar geringschätzen – doch deren Zahl ist heute sehr, sehr  klein geworden. Heutige Studierende wachsen in einem universitären Umfeld heran, in dem es selbstverständlich ist, Presseaussendungen zu verfassen, Medienanfragen zu beantworten, Führungen und Tage der offenen Tür abzuhalten. Ob University meets Public oder Kinderuni, noch nie waren unsere Türen so offen, noch nie investierten wir so viel Zeit und Kreativität, um weite Teile der Bevölkerung zu erreichen. Buchhandlungen  bieten eine fast schon unüberschaubare Flut von seriösen und weniger seriösen einschlägigen Druckwerken. Auch sind TV oder Internet voll mit wissenschaftsnahen Formaten, die auch beachtliche Einschaltquoten erzielen.

Ferienspiel "Astronomie"
 Wiener Ferienspiel 2007

Vor wenigen Wochen wurde eine schon geradezu inflationäre Medienpräsenz in meinem eigenen Fach, der Astronomie von BM Töchterle in Alpbach diagnostiziert, welcher sinngemäß meinte, dass wir es mittlerweile schaffen, die Entdeckung eines jeden noch so kleinen Himmelskörpers in die Medien zu bringen – welch tolle Aussichten bei unseren wahrhaft „astronomischen“ Objektzahlen…

Wo ist also das Problem? An den Angeboten kann es ja wohl nicht liegen! Werden diese nur nicht wahrgenommen? Besucherzahlen und Einschaltquoten sprechen dagegen. Oder werden diese Angebote uns, den Forscher gar nicht mehr zugeordnet? In manchen populären TV-Formaten könnte man glauben, der fesche Moderator hat das alles selbst herausgefunden. Ein paar schnelle Experimente und schon haben wir wieder etwas gelernt. Wissenschaft ist doch so einfach!? Auch werden Universitäten fast nur noch als Ausbildungsort, und das meist negativ medial thematisiert - von dortiger Forschung keine Rede, als gelte es dort nur noch, neue Rekordzahlen an Studierenden zu bewältigen.

Vielleicht liegt es also am falschen Wissenschaftlerbild! Langfristige, mühsame Beschäftigung mit einem kleinen – die Welt nicht täglich revolutionierenden Thema, unterbrochen von Lehre, Administration und Geldbeschaffung für viele der Jüngeren verbunden mit persönlichen Existenzängsten ist nun nicht so attraktiv vermittelbar wie hemdsärmelige Welterklärung oder das, was man als „Popscience“ bezeichnen könnte.

Ein zweites Problem mag beim potentiellen Konsumenten unserer populären Angebote selbst zu finden sein. Einer zweifellos steigenden, interessierten, aktiven Öffentlichkeit – wir erleben dies bei all unseren einschlägigen Angeboten – steht eine noch schneller wachsende durch mediale Übersättigung passiv gewordene Gruppe gegenüber, die auch in wissenschaftlichen Angeboten, so überhaupt wahrgenommen, nur noch deren beliebig austauschbaren Unterhaltungswert sieht. Eigenes Erfahren wird abgelöst durch passives Konsumieren - Neugier durch Kuriositätenschau. Zwischen den „Tödlichsten Tieren im Universum“ und „Germany's Next Topmodel“ kann man ohne Gehirnverrenkung hin- und her zappen.

Sind also die Österreicher selbst schuld? Ich will nun den Spieß keineswegs umdrehen. Derartige gesellschaftliche Entwicklungen kann man auch selten an einem einzigen Parameter festmachen. Trotzdem denke ich, sollten da bei Bildungsverantwortlichen, und damit uns allen, die Alarmglocken läuten. Gibt es zur Bring- nicht auch eine Holschuld?  Nicht nur Wissenschaft,  Forschung oder auch Kunst werden in Zukunft darunter leiden, wenn die seriöse, ja oft auch anstrengende, doch letztlich lohnende Beschäftigung mit einer Sache mehr und mehr von austauschbaren Ablenkungen verdrängt wird. Das Lernen eines Instrumentes macht sich selten in den ersten Übungsstunden bezahlt, der langfristige Gewinn ist aber durch nichts sonst erzielbar.

 

Anmerkungen der Redaktion

Über den Autor:

Franz Kerschbaum
Institut für Astronomie, Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und
Astronomie, Universität Wien

Franz Kerschbaum, Jg. 1963, lehrt seit Anfang 2001 beobachtende Astrophysik am Institut für Astronomie der Universität Wien. Die zentralen Forschungsgebiete umfassen die Spätstadien der Sternentwicklung, astronomische Instrumentenentwicklung mit Schwerpunkt Weltraumexperimente sowie wissenschaftshistorische Fragestellungen. Längere Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Frankreich, Schweden, Spanien und Chile. Beratende Tätigkeiten führt Franz Kerschbaum für eine Vielzahl von renommierten internationalen Einrichtungen, Universitäten und Fachzeitschriften durch. Eine wichtige Ergänzung seiner Arbeit stellen Ausstellungen, populäre Artikel und Vorträge, Medienarbeit sowie interdisziplinäre Projekte dar.

Franz Kerschbaum ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Details: www.science-blog.at/Autoren

Leser-Kommentare
Affinity | 25. Januar 2014 18:07
The'res nothing like the relief of finding what you're looking for. http://hvjcwiax.com [url=http://vbwttnjy.com]vbwttnjy[/url ] [link=http://kzogwb.com]kzogwb[/link ]
Hector | 08. Januar 2014 09:56
Phamnneoel breakdown of the topic, you should write for me too!
Stefan Uttenthaler | 25. November 2011 10:57
Schöner Beitrag! Zu einem gewissen Grad kann man den Spiess sehr wohl umdrehen: In Österreich regiert nun einmal der Boulevard, und das sogar im wörtlichen Sinn, wenn man sich die Verquickung von Faymann mit Krone und Co. ansieht. Leider zä...hlen da oft nur Unterhaltung und schnelle, einfache Antworten, aber bestimmt keine Bildung oder gar wissenschaftliche Neugier. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der MediaMil Konzern zerschlagen werden muss! ;-)
Franz Kerschbaum | 23. November 2011 17:18
@barbarenblog
Genau meine Erfahrung! Kinder als "Kunden" sind die größte Herausforderung als auch am meisten befriedigend (wenn’s klappt). Ich selbst mach das riesig gerne (aber zeitbedingt zu selten) in Schulen und Kindergärten, bei Kinderunis und ähnlichem. Bez. dem idealen Wissenschaftsjournalismus: auch wieder aus meiner Erfahrung entweder Wissenschaftler gemeinsam mit einem erfahrenen Journalisten in gegenseitigem Vertrauen (ja so was gibt es und kann man sich über die Jahre aufbauen) oder durch einem von beiden dann ist es aber gut wenn entweder der Journalist selbst Wissenschaftserfahrung hat, zumindest studiert hat oder der Wissenschaftler Schreib- bzw. Outreachfähigkeiten mitbringt. Hauptjob kann letzteres aber für einen Wissenschaftler schwerlich sein, da das einfach zu viel Zeit kostet (merke das selber bei solchen Projekten viel zu oft).
inge schuster | 24. November 2011 13:59
@FK 23.11.

Lieber FK,

hier gibt es ja im Prinzip noch eine Gruppe, die "sine ira et studio" Interesse und vielleicht auch einen Funken Begeisterung für verschiedene Sparten der Wissenschaft vermitteln kann.

Ich spreche hier von den "Alten", die zwar aus dem "normalen" Berufsleben bereits ausgeschieden, aber in ihren Kompetenzbereichen nach wie vor aktiv sind und deren internationale Reputation aufrecht ist, die aber vor allem auf ein sehr breites Repertoire an Wissen und Erfahrung zurückblicken können. Viele dieser "Alten" möchten sehr gerne und sind auch dazu imstande ihre Kenntnisse und ihr Können an Jüngere und Ganz-Junge weiterzugeben.

Der Vorteil: die "Alten" machen dies wirklich ohne an pekuniäre Vorteile zu denken und auch ohne zu erwarten sich dafür"Ruhm" oder irgendeine (fragwürdige) Ehrung einzuhandeln.

Zu diesem Thema hatten wir in blog bereits einen Beitrag von Georg Wick: "Auf dem Weg zu einer neuen Emerituskultur in Österreich?"

In Zeiten steigender Lebenserwartung aber (immer) knapper werdender Ressourcen bieten die "Alten" ein nicht zu unterschätzendes Potential für Wirtschaft und Wissenschaft.
barbarenblog | 21. November 2011 12:27
@ Matthias Wolf
Vielen Dank für das Echo. "Können Sie das nicht einfacher sagen? - Nein, kann ich nicht"...

Ich kenne beide Welten, die der Wissenschaft (ich bin promovierte Prähistorikern) und die des Wissenschaftsjournalismus. Als Wissenschaftlerin ich bin froh darüber, das wir unser "Fachchinesisch" haben: Ein Wort genügt und jeder Insider kennt sich aus. Aber bereits um exakt denselben Tatbestand einem Kollegen von einer "Nachbarwissenschaft" zu erläutern (etwa, weil wir zusammen an einem Projekt arbeiten), muss ich wesentlich weiter ausholen. Kommunikationsprobleme inklusive. Hat doch jeder sein eigenes Fachchinesisch, und das ist durchaus nicht immer kompatibel.

Wenn ich mit meiner Information aber einen völlig unbedarften Dritten erreichen will, dann muss ich mir einiges mehr einfallen lassen, um die geplante Aussage so zu kommunizieren, dass mich der Andere wirklich versteht. Das beste Beispiel dafür bietet die Kinderuni. Zitat eines bekannten Experten: "So geschwitzt habe ich noch nie in meinem Leben."
barbarenblog | 18. November 2011 13:17
http://barbaren.blog.de/2011/11/18/uebersetzung-fachchinesisch-12186743/
Das ist der link zum Nachlesen des gesamten Artikels
barbarenblog | 18. November 2011 13:12
Zum Kommentar von Inge Schuster:

Unter "Abkupfern" verstehe ich Diebstahl von geistigem Eigentum. Etwas dem Leser, Zuseher oder Zuhörer zu erklären - und zwar so zu erklären, dass er es auch versteht - das ist kein Diebstahl sondern Kommunikation. Kein Wunder, wenn in der Folge auf solche Arbeiten lieber zurückgegriffen wird als auf das schwer verständliche Original. Der Autor der Originalarbeit sollte für eine solche Übersetzungsarbeit dankbar sein. Sie ist nicht nur gratis, sondern dient darüberhinaus - durch der Verbreitung seiner Erkenntnisse - auch noch seinem Ruhm.
Matthias Wolf | 20. November 2011 16:34
@barbarenblog 13:12 & 13:17: Sie beschreiben (auch in dem verlinkten Artikel) den Wissenschaftsjournalismus, wie er sein soll, es aber leider oft nicht ist. Der Laie kann aber leider oft qualitätsvolle Arbeit von Schund (oft genug tatsächlich einfach woanders geklaut, und nicht einmal verstanden) nicht unterscheiden, mangels fachlichem Basiswissen, das er ja aben aus dem präsentierten Artikel beziehen sollte.

Auch kann ich nicht ganz mit der von Ihnen beschriebenen Wahl des "Wissenschaftler des Jahres" einverstanden sein; die Wahl, die Sie da beschreiben, sollte eher "Lehrer des Jahres" oder "Vermittler des Jahres", oder gerade eben "Wissenschaftsjourmalist des Jahres" (wenn es richtig läuft - so wie Sie das beschreiben!) heßen, wie ich meine.

Gerade die Übersetzung des Fachchinesisch (das bei Ihnen für mich offen gsagt klingt, wie etwas narzisstischer Selbstzweck) wäre nach meinem Verständnis die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus, nicht des Wissenschaftlers. Denn das Fachhchinesisch ist - seine Kenntnis vorausgesetzt - die einfachste Art, etwas zu sagen.

Student: "Können Sie das mit einfacheren Worten sagen?"
Professor, nach kurzem Überlegen: "Bedaure. Kann ich nicht."

Natürlich verstehen wir, inwiefern Ihnen die von Ihnen zitierte Formulierung aufstoßen muss, und ich kann Ihnen versichern Ihnen, dass sie so nicht gemeint ist, wie sie da offenkundig angekommen ist. Gerne sage ich Ihnen zu, das redaktionsintern zu thematisieren und dass wir mit dem Ergebnis auf Sie zukommen werden.

Liebe Grüße
Matthias Wolf
inge schuster | 21. November 2011 01:01
@barbarenblog

Es tut mir leid, wenn ich mit dem Begriff des "Abkupferns" die negative Assoziation mit einem "geistigem Diebstahl" ausgelöst habe. Ich habe damit schlicht und einfach (mehrfaches) Kopieren der Vorlage gemeint (so wie der Begriff ja von der Technik der Kupferstecher früherer Zeiten abgeleitet ist) .

Sie haben vollkommen recht, daß es qualitativ hochwertiger Kommunikation bedarf um zum Teil komplexe wissenschaftliche Ergebnisse in leicht verständlicher Sprache, aber dennoch inhaltsgetreu zu vermitteln. Zweifellos gibt es hier auch Journalisten, die dies hervorragend können.

In den Naturwissenschaften, zumindest in Gebieten, die mir nicht ganz fremd sind, wie beispielsweise in der biochemisch/biomedizinischen Forschung finde ich die breite Kommunikation aber sehr verbesserungswürdig. Meiner Meinung nach sind es vor allem zwei Faktoren, die sich negativ auf die Qualität auswirken können: i) Der Druck zur möglichst publicity-wirksamen Gestaltung von Meldungen und ii) unverhältnismäßiges Simplifizieren der Inhalte.

i) Publicity-wirksame Gestaltung führt häufig dazu, daß Meldungen zu Sensationen hochstilisiert werden, die möglichst spektakuläre Titel tragen und zu "stories" umgebaut werden, wobei nicht Hineinpassendes auch weggelassen wird. Gerade in der medizinischen Forschung werden aus einer äusserst vorsichtigen Ansage eines Wissenschafters dann Jubelmeldungen produziert - problematisch für alle diejenigen, die ihre Hoffnungen an einen dieser vermeintlichen heiligen Grale setzen. Fehlt doch den meisten Lesern/Hörern der Background um zwischen Science und deren Übertreibungen unterscheiden zu können.

ii) Wenn angestrebt wird den Inhalt eines für Laien schwer verständlichen Befundes in simplifizierter Form zu bringen, so erfordert dies das Sachwissen eines Experten - was und wo man kürzen, vereinfachen kann. Häufig werden hier Texte übernommen aus anderen (bereits übernommenen) Meldungen.

Wenn nun ihre Befunde in inadäquater Form in den Medien gebracht werden, sind die Autoren der Originalarbeiten kaum begeistert. Zum Ruhm trägt dies nicht bei (höchstens zum Spott der Kollegen).

Unser Blog strebt nun an naturwissenschaftliche Information "aus erster Hand", d.h von Naturwissenschaftern selbst und aus ihren Kompetenzbereichen in möglichst einfacher und möglichst verständlicher Form kommunizieren zu lassen. Wir bemühen uns diese Form der Darstellung laufend zu verbessern und sind für diesbezügliche Vorschläge dankbar!
c3l3st0 | 21. Oktober 2011 00:07
Ganz ehrlich, Berichte wie im Wirtschaftsblatt lassen mich an meiner Öffentlichkeitsarbeit für Astronomie zweifeln. Aber die Leute, die zu mir gehen, sind wirklich interessiert. Viele sind einfach zu faul, sich zu informieren und nicht motiviert genug, etwas in Erfahrung zu bringen, wenn es nicht im Fernsehen läuft. Das hier ein Wissenschaftler "auszuckt", ist sehr verständlich. Ich arbeite für eine internationale Organisation, da ist Öffentlichkeitsarbeit viel leichter, weil ich Resourcen zur Verfügung habe, die ein nationaler Verband nicht hat. Mehr als Versuchen seine Arbeit der Öffentlichkeit näher zu bringen kann ein Wissenschaftler nicht. Er muss nicht jedem hinterher hüpfen.
phaidros | 21. Oktober 2011 14:23
Information ist bis zu einem gewissen Grad eine Bringschuld: nur, wer sie hat weiß ja, dass sie existiert. Daraus wird aber in jüngster Zeit leider zunehmend abgeleitet, dass Sie die Verpflichtung hätten, Ihre Information bis in mein Hirn zu bringen. Und wenn das dort nicht ankommt, dann haben Sie versagt: »Sie konnten's mir halt nicht beibringen«.

Nichts könnte natürlich von der Wahrheit weiter entfernt sein. Denn ab einem gewissen Punkt wird Information auch zur Holschuld. Die Frage ist: unternimmt die Wissenschaft genug, die (für Laien relevante) Information bis zum »Abholpunkt« zu bringen?

Die Antwort meines Erachtens: oberflächlich betrachtet vielleicht nicht: die Naturwissenschaften sind nicht sonderlich »sichtbar«, wie etwa Sport (oder »Ausnahmefächer« innerhalb der Naturwissenschaften wie die Astronomie). Aber in Wahrheit doch: egal zu welcher Sparte, ob Biologie, ob Mathematik (gut, ist keine Naturwissenschaft - oder doch?), ob Chemie, Physik oder was auch immer: der Interessierte findet leichter als je zuvor(!!) den Zugang zu jeder erdenklichen Information. Und dem Uninteressierten könnte man sie nicht einmal näher bringen, würde man sie ihm persönlich vorlesen. Man müsste sie schon einer Big-Brother-Tussi auf's Dekolleté tätowieren, und das würde vermutlich auch nichts nützen.

BG phaidros.vie@gmail.com
ViennaCodePoet | 17. Oktober 2011 11:47
@und zuviel Junk Science

Es gibt auch massig Investor Science und Military Science

Da gibt es einfach wenig Interesse über die Konvergenz von Life-Sciences und Info-Sciences (inkludiert für mich auch die Mathematik) zu berichten. - vermutlich um das breitere Publikum nicht zu beunruhigen.

Wen Opas, Omas, Onkel und Tanten wüssten was sie finanzieren wenn sie ihren Enkelkindern, Nichten und Neffen Computerspiele bzw. die einschlägige Hardware "schenken".
Hintergrund: die enormen Fortschritte in der Genomik wären ohne vergleichsweise spottbillige Hochleistungs-HW undenkbar. Das wird ja alles auf massiv paralleler Grafik-HW "gerechnet".

Für diesen Skaleneffekt (ja es gibt ein deutsches für Economy of Scale, nur fällt es mir manchmal nicht ein - soviel zum kulturellen und mentalen Einfluss einer Lingua franca;) sorgen die "Verwandten".

Die "gierigen Fratzen" verlangen dann mehr "Power" und wir haben die perfekte Feedback-Loop. An sich ein Thema für eine Diss

@ad lesum

1) http://en.wikipedia.org/wiki/Foldit und http://fold.it/portal/info/science (Schachspielen war gestern;)

2) http://longbets.org/1/

Aus eins folgt für mich irgendwie und ziemlich zwingend zwei, kurzweilig! Und ich halte natürlich nix vom Historischen Determinismus, aber viel von gedanklicher Stringenz.

Es lohnt wieder alte Klassiker auszugraben: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Structure_of_Scientific_Revolutions

Gedankliche Stringenz in extremis
1) 1880 - 1890: Messdaten passen nicht zur Theorie (Michelson–Morley)
2) 1905: Papier und Bleistift Theorie E=mc2
3) 1945: Bumm
VCP | 17. Oktober 2011 11:49
@deutsches
ja - es muss deutsches Wort heißen - wenn die Gedanken fliegen...
phaidros | 17. Oktober 2011 12:20
economy of scale .. Skaleneffekt würde ich sagen. Oder Größen(ordnungs)vorteil.
durga | 18. Oktober 2011 17:02
Natürlich ist es äusserst begrüßenswert, wenn Computerspiele sich mit seriösen - darunter auch naturwissenschaftlichen - Themen befassen! Es bestünde dafür zweifellos ein Markt, bzw. könnte er geschaffen werden. Dabei wäre zu überdenken mit welchem Typ an Spielen man Jugendliche in welchem Alter ansprechen kann und für welche Themen man sie interessieren und darin Grundlagen vermitteln kann:

Biologie etwa in Form von Puzzles: von "Cell-Puzzle", zu "Organ Puzzle" und "Body Puzzle", etc.?

Spiele wie zB. "Kill the Virus", "Bacteria Wars", "Neuronal Labyrinths",....?

Foldit ist eine innovative Initiative, die bereits einige erstaunliche Erfolge verbuchen konnte. Wenn hier allerdings absolute Laien in Biochemie/Strukturbiologie mittels Algorithmen um die Wette Proteinkonformationen berechnen, so ist es fraglich ob sie dabei wirklich lernen, wie Proteine funktionieren.
november | 19. Oktober 2011 16:47
Ist es sicher, dass Ray Kurzweil selbst den Turing Test bestanden hat? Erlösung durch technische Singularität, ewiges Leben durch Transzendenz der im Gehirn gespeicherten Information und Lebenserfahrung auf eine Festplatte? Ich weiß nicht recht, aber ich bleibe skeptisch.

FoldIt ist ein erster Schritt, um das Problem DNA-Sequenz -> Proteinfaltung zu lösen. Die Funktion eines Proteins ist aber schon ungleich schwieriger zu erfassen, da sie von Wechselwirkungen mit anderen Proteinen abhängt und in komplexe regulatorische Pathways eingebunden ist. Ich denke, dass dazu nach wie vor Experimente notwendig sind, welche nicht leicht durch Computersimulationen ersetzt werden können. Die DNA erscheint mir eher als die Datenbank als das Programm.
november | 19. Oktober 2011 23:04
Nachtrag:
Kurzweil kann man vielleicht als Visionär bezeichnen, aber er geht mMn zu weit.

Stringenz ist erst im Nachhinein sichtbar, zu jedem Zeitpunkt gibt es viele mögliche zukünftige Geschichten. In den nächsten 20 Jahren wird es gewaltige Fortschritte geben in Wissenschaft, Technik und Informatik, unsere Welt wird anders aussehen als heute und anders als wir uns heute die Zukunft vorstellen. Aus vergangenen Entwicklungen die Zukunft vorherzusagen ist immer problematisch.

Außerdem unterschätzt er die Komplexität unseres Gehirns. Wir sind erst am Anfang, die Zusammenhänge zu verstehen. Die DNA ist nicht einfach ein Code, den man in eine Programmiersprache übersetzen kann. Das menschliche Gehirn ist auch keine isolierte Maschine, sondern in unseren Körper integriert und lernt durch Impulse aus der Umwelt. Bewusstsein und die Intelligenz sind die Folge von Evolution. Irgendwann in der Vergangenheit haben sich diese Phänomene als Vorteil herausgestellt. Hätten solche Eigenschaften einen Sinn bei Computern? Und wie soll man die im Gehirn gespeicherte Information auf einen Computer übertragen können? Zu sagen, dass in 20 (oder 30) Jahren das möglich sein soll, ist rein spekulativ. Artificial Intelligence ist möglich, wird aber sicher anders aussehen als menschliche.

Und sollte es wirklich möglich sein, dass der menschliche Geist seinen Körper transzendiert, wäre die Folge die Mutter aller Religions (und Philosophie-) Kriege. Aber immerhin wäre das Leib-Seele-Problem endgültig gelöst.
durga | 20. Oktober 2011 12:05
@november 19. Nov 16:45

Sie haben natürlich recht - auch, wenn wir ab initio aus der Sequenz eines Proteins (in dem Fall Aminosäurensequenz - beim betreffenden Gen haben wir ja noch unterschiedliches splicing) seine Tertiärstruktur berechnen können, so sagt uns das noch sehr wenig über seine Funktion.

Heilsversprechungen wie "wir berechnen die Struktur, dann designen wir spezifische Modulatoren für diese Struktur und lösen so schwerwiegende medizinische Probleme" ist mit großer Vorsicht zu begegnen. Nach wie vor sind ja die Funktion eines beträchtlichen Teils unserer im Genom kodierten Proteine, ebenso wie deren natürliche Liganden unbekannt. Aber auch für die Proteine, deren Struktur (meistens mittels Röntgenstrukturanalyse der kristallisierten Form) und Funktion aufgeklärt wurde, gestaltet sich die Suche/das Design geeigneter Modulatoren recht schwierig: Bis jetzt sind es nur rund 2 % unserer Proteine, die als Ziel neuer Medikamente dienen!

Dazu kommt noch, daß Proteine nicht statisch gesehen werden dürfen, daß Bindungs-Pockets von Liganden plastisch sind - d.h. sich Liganden anpassen -, daß multiple Bindungs-Pockets vorliegen können, daß auch größere Konformationsänderungen nicht Ausnahme sondern häufig die Regel sind, daß kovalente Modifikationen einen entscheidenden Einfluß auf die Funktion haben, von den Wechselwirkungen mit anderen Proteinen noch gar nicht zu sprechen.

Daß Programme wie Foldit eine derartige Komplexität noch nicht bewältigen (können) ist klar. Worüber man aber Aussagen bekommen kann, ist z.B. die (statische) Struktur von Membranproteinen, deren Kristallisation auch jetzt noch ein sehr langwieriges und schwieriges Problem darstellt.
ViennaCodePoet | 20. Oktober 2011 16:30
Was wir aber sicher wissen - Enzyme sind Katalysatoren, und die Katalyseleistung ist eine Funktion der Struktur.

Was zum vollständigen Verständnis einer Zelle fehlt ist - Spekulation meinerseits - eine geeignete formale Notation, eventuell ein Analogon zu den Feynman Diagrammen.
durga | 20. Oktober 2011 17:47
@VCP 20.10. 16:30

Derartige Notationen für biologische Systeme gibt es. Initiiert von H. Kitano, einem der "Gründerväter moderner Systembiologie, wurde z.B. "Systems Biology Graphical Notation" (SBGN; http://www.sbgn.org/Main_Page ) vor rund 2 Jahren entwickelt:

"a visual language developed by a community of biochemists, modelers and computer scientists. SBGN consists of three complementary languages: process diagram (PD - Kinetik biochemischer Reaktionen im Netzwerk), entity relationship (ER - Summe der Verknüpfungen der einzelnen entities -nodes) diagram and activity flow (AF - Informationsfluß der entities im Netzwerk) diagram. Together they enable scientists to represent networks of biochemical interactions in a standard, unambiguous way."

Für die Simulierungen fließen die in den diversen Datenbanken gespeicherten Daten ein und deren Vollständigkeit und Qualität sind entscheidend für die Qualität der Modelle.
Franz Kerschbaum | 16. Oktober 2011 21:23
@phaidros: Die fast systematische Vernachlässigung der Astronomie als Schulfach ist vielleicht die Erklärung für unsere hohen Sympatiewerte in weiten Teilen der Bevölkerung - da wurde zumindest nichts kaputt gemacht... Im Ernst, natürlich wäre mir da ein einschlägiger, guter, motivierender Unterricht lieber.

Bez. der zwei Beispiele kann ich nicht ganz zustimmen: beim typischen mitteleuropäischen Klima kann ich größere Investitionen in lokale astronomische Observatorien nicht verantworten. Wir haben z.B. in Wien/NÖ gerade jene Einrichtungen, die für die Grundausbildung der Studierenden nötig sind (1,5m, 80cm, 60cm Speilgelteleskope). Als international fast konkurrenzlose Großforschungseinrichtungen nützen wir die durch unsere Mitgliedschaften finanzierten Observatorien der Europäischen Südsternwarte ESO bzw. Weltraumteleskope der Europäischen Weltraumagentur ESA. In vielen bilateralen Kooperationen verwenden wir so gut wie jede relevante Beobachtungsmöglichkeit. In Kooperationen haben wir schon viele sichtbare und systemkritische Beiträge geliefert. Nationale Einzelgänge sind kostspielig und sehr riskant was man gerade am Beispiel GranTeCan sieht.
phaidros | 16. Oktober 2011 21:53
Na, das Küken wird sich hübsch hüten, dem Adler etwas über das Fliegen zu erzählen! ;-) Danke für die Antwort.

Trotzdem muss ich etwas relativieren: die »Vorwürfe« (wenn man es überhaupt so nennen will) betreffen natürlich nicht die Branche oder die, die darin arbeiten - dort wird natürlich alles Erdenkliche unternommen, beeindruckende Beiträge geliefert und auch entsprechende Ergebnisse erzielt! Leider werden diese Dinge aber von der Öffentlichkeit nicht sehr wahrgenommen (auch dank tatkräftiger nicht-Unterstützung durch den öffentlich-rechtlichen Umadumfunk - siehe durgas Beitrag 14.10. 22:20) und werden im Allgemeinen nur von einigen, wenigen Insidern gewusst.

Der Vorwurf ergeht an die österreichische Gesellschaft und Politik, die beide (nämlich die einen als das Abbild der anderen) nicht bereit sind, entsprechende Voraussetzungen zu schaffen und den dafür nötigen Aufwand zu treiben. Auch in Tschechien sind ja die meteorologischen und atmosphärischen Bedingungen nicht soo herausragend wie etwa in Chile oder auf den Kanaren - trotzdem ist dort durchaus mehr möglich als »nur« Grundausbildung (ohne diesen wichtigen Bereich damit irgendwie zu schmälern!).

Denn Projekte wie das Teleskop auf den Kanaren sind - auch beim freilich hohen finanziellen Risiko! - geeignet, nationale Identität, Patriotismus und Begeisterung zu stiften (bei uns läuft das anscheinend nur über Schifahren und - unverständlicherweise - Fußball)!

Ich bin überzeugt, dass es eine Motivationsspirale gibt - allein, auf die Drehrichtung kommt es an! Und man muss es wohl nicht erwähnen: bei uns in Ö dreht sie sich, was öffentliches Ansehen der Naturwissenschaften betrifft, in die falsche Richtung. Denn bei aller von der Öffentlichkeit entgegen gebrachten Sympathie für das Fach Astronomie fürchte ich, dass die sich rasend schnell verflüchtigen würde, wenn bspw. ein teures Projekt finanziert werden sollte.

BG phaidros.vie@gmail.com
Paige | 16. Oktober 2011 17:22
Möglicherweise liegt es daran, dass man das Vertrauen verloren hat. In vielen Fällen wird nur an der Oberfläche gekratzt und man hat kaum die Möglichkeit, die Richtigkeit zu überprüfen. Es sind so viele Scharlatane dabei. Man hört, dass für bezahlte Gutachten nicht unerheblich Geld fließt. Der Begriff "Experte" ist darum heutzutags fast ein Schimpfwort geworden und mit den "Wissenschaftlern" spielt sich Ähnliches ab. Ich habe früher ein paar Jahre lang regelmäßig auf science.orf.at mitgelesen. Es ist ein Wahnsinn, wass es da an Sinnlos- und No-Na-Studien gibt, deren einziger Zweck es zu sein scheint, halt Förderungen damit zu lukrieren. Die Studien widersprechen einander in immer kürzeren Abständen. So verliert man den Respekt.

Es gibt zu wenig qualifizierte Beiträge - und zuviel Junk Science. Das stumpft ab.
phaidros | 16. Oktober 2011 17:54
Und gleich nochmal @Paige, das könnte Sie jetzt überraschen: völlig einverstanden!

BG
inge schuster | 16. Oktober 2011 18:25
Liebe Paige,

wir wollen zumindest in diesem blog versuchen ausschliesslich seriöse Wissenschaft zu bieten! Jeder unserer Autoren schreibt aus seinem ureigensten Kompetenzbereich - einer Kompetenz, die weit über die Grenzen unseres Landes hinaus anerkannt ist.

Anstelle von Wissenschaftsjournalismus - d.h. mehr oder weniger qualifiziertem Abkupfern von Nachrichten, die bereits aus wissenschaftlichen Publikationen abgekupfert sind, möchten wir Wissenschaft aus erster Hand bieten. Wir werden versuchen zu sehr vielen Themen - unsere Autoren repräsentieren ein sehr breites Feld von Naturwissenschaften bis hin zur Medizin - möglichst objektiv zu informieren und zur Diskussion einzuladen.

Ich hoffe, Sie werden den einen oder anderen Beitrag für durchaus informativ und diskussionswürdig finden!
Zraxl | 16. Oktober 2011 21:57
@ Paige

Man soll ja kein Vertrauen in die Wissenschaft haben. Wissenschaft beginnt mit dem Misstrauen! ("Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an alle bis dahin geglaubten Wahrheiten". F. Nietzsche)

Man muss auch keinen Respekt haben (vor wem oder was auch?). Wissenschaft entspringt der Faszination an der Natur! (Respekt vor der Materie oder auch vor Wissenschaftlern stellt sich manchmal von ganz alleine ein.)

Es war noch nie so leicht wie jetzt, sich über Methoden und Ergebnisse aktueller Wissenschaft zu informieren.
- In den Bereichen Naturwissenschaft und Mathematik ist Wikipedia ein wirklich großartiges Nachschlagewerk. Viele Artikel haben Lehrbuchqualität. Es ist aber nützlich, auch die Diskussionsseiten zu lesen um sich ein Bild über die Vertrauenswürdigkeit zu schaffen.
- Viele Forschungszentren haben ein Portal für interessierte Besucher mit einführenden Publikationen und animierten Darstellungen zum Forschungsbereich.
- Viele Universitäten haben einen .edu Bereich, in dem sich auch für Laien verständliche, einführende Darstellungen finden.
- Es gibt Internetforen für alle möglichen und unmöglichen Fachrichtungen. Da werden meist auch "dumme" Fragen durchaus freundlich beantwortet.
- Und nicht zuletzt gibt es Suchmaschinen. Man muss sich halt dann aus den drei millionen Treffern einen vielversprechenden aussuchen.
Anonymer Feigling | 16. Oktober 2011 14:36
Mein erster Test, ob ein Artikel taugt, ist die Überprüfung, ob der Autor die Grammatik seiner Muttersprache beherrscht. Beherrscht er sie nicht, beherrscht er auch alles weitere nicht (z.B. Logik, ...) und der Artikel ist uninteressant und ich erspare mir die Zeit zum Lesen.

Folgendes habe ich beim Überfliegen des Textes gefunden:
... gleichzeitig 60% die WissenschaftlerInnen selbst ...
Sind wir Forscherinnen und Forscher also wirklich ...
Heutige Studierende wachsen ...
... uns, den ForscherInnen gar nicht mehr zugeordnet?
... noch, neue Rekordzahlen an Studierenden zu bewältigen.
Sind also die ÖsterreicherInnen selbst schuld?

Von wem sollen unsere Kinder richtiges Denken lernen, wenn es die Lehrer nicht beherrschen.
Matthias Wolf | 16. Oktober 2011 14:48
Zur Logik hätte ich da ein paar Fragen:

Sie wissen, dass Deutsch die Muttersprache des Autors ist, weil ...?

100%ige Beherrschung der Grammatik ist die Voraussetzung für "alles Weitere" (das Sie übrigens in der substantivischen Verwendung groß hätten schreiben müssen), weil ...?

Dann führen Sie, wie Sie ganz genau wissen, keine Fehler durch Unwissenheit an, sondern ausschließlich vom Autor verwendete Wendungen und Ausdrücke.

Meine logische Schlussfolgerung: anonym sind Sie, aber nicht nur ein Feigling.

Hier unterzeichne ich vielleicht besser wieder einmal mit Namen:
Matthias Wolf
Anonymer Feigling | 16. Oktober 2011 15:25
@ Wolf

Im einem Forum wird viel getippt und auch vertippt. Bei Tippfehlern bin ich nicht nachtragend, sehr wohl aber bei grundlegenden grammatischen Fehlern wie z.B. der Satzstellung:
"Sie wissen, dass Deutsch die Muttersprache des Autors ist, weil ...?"

Ist das jetzt ein Frage- oder ein Aussagesatz?
Wenn's ein Fragesatz wäre, klingt's böhmisch. (Richtig wäre: Warum wissen Sie, daß ...?)
Bei einem Aussagesatz steht kein Fragezeichen am Schluß.

> Dann führen Sie, wie Sie ganz genau wissen, keine Fehler durch Unwissenheit an, sondern ausschließlich vom Autor verwendete Wendungen und Ausdrücke.

Wenn ich Sie recht verstehe, stoßen Sie sich an meinem "Formalcheck".
Ja, das ist in der Tat ein Formalcheck, aber wie jede heuristische Regel ist sie in wenigen Fällen fehlerhaft, aber in den meisten Fällen brauchbar.

Sie stoßen sich an meinem Pseudonym. Wäre ihr Urteil anders, hieße mein Pseudonym "Lieschen Müller" oder "Matthias Wolf"?
Sie dürften noch nicht lange im Internet unterwegs sein, sonst wüßten Sie, woher es kommt.
Zraxl | 16. Oktober 2011 21:10
@ Anonymer Feigling

Es gibt eine große Anzahl von hochkarätigen Wissenschaftlern, deren sprachlicher Ausdruck durchaus mangelhaft ist. Ein oft genanntes Beispiel dafür ist Herr Lev Landau. Folgendes habe ich dazu im Netz gefunden (http://biocurious.com/2009/04/13/thought-of-the-day ):

"The great Russian physicist L. D. Landau was said to have hated writing. He coauthored an extraordinary series of textbooks in collaboration with E. M. Lifshitz, who did all the writing. From my perspective Lifshitz operated in a coauthor’s paradise. He was linked to nature through Landau, who was in deep nonverbal communion with her, but had no investment whatever in the process of articulating that communion.

It is also said that even Landau’s profound technical papers were actually written by Lifshitz. Many physicists look down on Lifshitz: Landau did the physics, Lifshitz wrote it up. I don’t believe that for a minute. If Evgenii Lifshitz really wrote the amazing papers of Landau, he was doing physics of the highest order. Landau was not so much a coauthor, as a natural phenomenon — an important component of the remarkable coherence of the physical world that Lifshitz wrote about so powerfully in the papers of Landau. "
inge schuster | 18. Oktober 2011 17:43
@AF

ich lehne zwar selbst auch ab eine "pc-Schreibweise" zu verwenden, beurteile Artikel aber grundsätzlich nicht nach einer mehr oder weniger literarischen Form, sondern einzig und allein nach ihrem Inhalt. Der science-blog ist als liberales wissenschaftliches Forum zu sehen, sein wesentlicher Zweck sollte es sein fundierte Inhalte in leicht verständlicher Sprache zu vermitteln und zur Diskussion zu stellen.

(Wäre ich so ein Sprachfuchser wie Sie, hätte ich Ihren Beitrag nicht lesen dürfen, denn dieser endet mit dem Fragesatz: "Von wem sollen unsere Kinder richtiges Denken lernen, wenn es die Lehrer nicht beherrschen.", trägt aber kein Fragezeichen am Ende.)

Im übrigen: Matthias Wolf ist ein echter Name, kein Pseudonym.
Anonymer Feigling | 23. Oktober 2011 01:56
@ IS

1.
> ... beurteile Artikel aber grundsätzlich nicht nach einer mehr oder weniger literarischen Form, sondern einzig und allein nach ihrem Inhalt.

Genau da unterscheiden wir uns. Mein Formalcheck hat nichts mit "literarischer Form" zu tun, sondern mit der Überprüfung der Denkfähigkeit des Autors.

Wenn z.B. ein Autor Lehrender statt Lehrer schreibt, dann sagt das aus, daß er das ureigenste Instrument des Wissenschafters, die Sprache, nicht vollständig beherrscht. Die Endung -er steht hier für eine Person einer Berufsgruppe. Die Person mußte also eine Zeit lang lernen und Prüfungen ablegen. Der Begriff Lehrer steht also für ein Mindestmaß an Qualität.
Der Begriff "Lehrender" dagegen beinhaltet etwas ganz anderes: jetzt gerade einer anderen Person etwas beibringen; keine Aussage über Berufsstand und Qualität, kann also auch eine ungebildete Person sein.

Die Tätigkeiten eines seriösen Wissenschafters bestehen letzten Endes im Abgrenzen der Begriffe zu einander. Das beinhaltet auch die Schaffung neuer Begriffe.

Wenn ich also einen Text lese und ich sehe, daß der Autor ständig die Begriffe verwechselt, dann ist das Vertrauen verloren.

2.
> ... sondern einzig und allein nach ihrem Inhalt

Beurteilen Sie wirklich nur nach dem Inhalt?
Wenn ja, dann haben Sie unendlich viel Zeit und lesen jeden Artikel, über den Sie stolpern. Hut ab!

Die meisten haben begrenzte Zeit und müssen Zeitmanagement betreiben.
Eine beliebte Faustregel in der scientific community ist die Frage: Steht der Artikel in einer renommierten Zeitschrift?

Bei mir findet halt noch die Regel "Beherrscht der Autor einigermaßen die Grundlagen des Denkens?" Anwendung. Ist diese Regel so falsch?

3.
Ein seriöser Wissenschafter verläßt früher oder später eingefahrene Denkmuster. Er ist also in dieser Hinsicht revolutionär bzw. kreativ. Er steht anfangs mit seiner Meinung alleine da, vermutlich steht er sogar im wissenschaftlichen Streit mit vielen Kollegen.

Ein Autor, der politisch korrekt schreibt, vermittelt eher das Bild eines angepaßten Menschen, der ja nicht anecken will.

Meine Faustformel: "Ein seriöser Wissenschafter schreibt logisch korrekt, aber nicht politisch korrekt."

4.
Bring- oder Holschuld?

Ist es nun die Pflicht eines Autors, seinen Artikel so (logisch) korrekt wie möglich zu schreiben?
Oder ist es Pflicht des Lesers, über sprachliche Schnitzer und Begriffsverwirrung hinwegzusehen?

Was passiert, wenn wir die Autoren nicht in die Pflicht nehmen?
Sie werden mit der Zeit immer schlampiger in ihrer Ausdrucksform (und somit in ihrem Denkvermögen).
Es fehlt das Regulativ durch den Leser.

Im übrigen will der Autor, daß seine Artikel gelesen werden. Also soll er sich nur anstrengen.
Nicht jeder Kunde (Leser) ist so "edel" und bewertet "nur" nach dem Inhalt.
inge schuster | 23. Oktober 2011 17:24
@AF 23.10. 1:56

Wie Meister Beckmesser, wacht Ihr so spät noch in der Nacht?

Ja, jeden Fehler gross und klein seht Ihr genau auf der Tafel ein.
Doch wollt Ihr nach Regeln messen, was nicht nach Eurer Regeln Lauf,
den Inhalt eines Texts vergessen, sucht davon erst die Regeln auf!

Darum, so komm' ich jetzt zum Schluss, dass Wissenschaft man zu End' lesen muss.
durga | 14. Oktober 2011 22:20
„Auch sind TV oder Internet voll mit wissenschaftsnahen Formaten, die auch beachtliche Einschaltquoten erzielen“.

Gerade das Patschenkino wäre hervorragend geeignet wissenschaftliche Informationen in anschaulicher, unterhaltsamer Form zu vermitteln. Gerade dieses Medium vermittelt aber – vor allem was Naturwissenschaften betrifft – recht wenig und das Wenige oft in anfechtbarer Form.

Wenn man fragt wie viele Sendungen von ORF1 und ORF2 in den Bereich „Wissenschaft und Bildung“ fallen, so waren dies gerade 291 Programmstunden von insgesamt netto 17.693 Programmstunden im Jahr 2010 (Leichter Rückgang zu 2009, da waren es noch 303). Zum Vergleich: die blöden „Seitenblicke“ (täglich 4 Minuten, mit zum Teil 2 – 3 Wiederholungen) kommen jährlich bereits auf > 50 Stunden, die auf beiden Sendern voll ausgenützte Werbung auf mehr als 500 Stunden.

Was wurde nun in „Wissenschaft und Bildung“ gebracht?

Die Dokumentationsreihe „Universum“ hatte mit 77 Sendungen den größten Programmanteil in dieser Kategorie. Dies sind nun tatsächlich zum Teil recht gut gemachte Sendungen (z.B. der jüngste 4-Teiler „Geheimnisse des Lebens“), sie sparen aber weite Bereiche der Naturwissenschaften völlig aus. Üblicherweise gibt es am Dienstag eine Sendung über liebe Viecherln, am Donnerstag über spektakuläre Landschaften (mitsamt dort auftretenden Katastrophen). Der neue Universum Chef Solomon hat dazu angedroht: „Storytelling und Dramaturgie werden künftig eine bedeutendere Rolle spielen.“

Das Wissenschaftsmagazin „Newton“ - jeden Samstag 24 Minuten und zumeist 2 Wiederholungen, d.i. über 50 Stunden im Jahr. Wieweit diese Sendungen seriös recherchiert und berichtet werden, will ich nicht beurteilen. Im vorigen Herbst gab es zB eine durchaus ernst gemeinte Sendung über Lichtnahrung (d.h. über Menschen, die angeben nur von Licht zu leben), vor kurzem Panikmache anstelle sachlicher, objektiver Information über Plastik.

Der Rest „wissenschaftlicher Information“ waren hauptsächlich Wissenschaftsberichte in den Nachrichtensendungen: insgesamt wurden knapp 600 gezeigt. Daß bei der gebotenen Kürzeder Meldung nur sehr stark simplifizierte Beiträge (häufig mit viel zu optimistischem Ausblick) gebracht werden können, ist wohl klar.

Mit Wehmut denkt man an alte Zeiten zurück: als Ende der 70er Jahre Hermann Mark - einer der bedeutendsten Polymer-Chemiker des vergangenen Jahrhunderts – die TV-Serie „Alles Leben ist Chemie“ präsentierte, als der Wiener Mediziner Karl Fellinger die Serie „Der gläserne Mensch“ brachte. Diese Sendungen rangierten damals vergleichbar mit populärsten Krimis, sie waren tatsächlich „Straßenfeger“.

Seriöse Informationsvermittlung und Bildung in naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächern sollten auch ein grundlegendes Anliegen unserer Medien sein!

(alle Zahlen stammen aus dem ORF Jahresbericht 2010)
Paige | 16. Oktober 2011 17:40
"Alles Leben ist Chemie" - das war wirklich eine tolle Serie.

Walt Disney und Heinz Haber haben es ebenso verstanden, Wissenschaft spannend und auch kindgerecht zu erklären. Habers anschauliche Darstellung des Verlaufs einer nuklearen Kettenreaktion mit Hilfe von Mausefallen und Tischtennisbällen wurde zu einem häufig nachgeahmten „Klassiker“. Ich erinnere noch an Hoimar von Ditfurth als Fernsehmoderator und populärwissenschaftlicher Schriftsteller oder Schenzinger, dessen Bücher bei meinen Eltern im Regal standen und mich magisch anzogen.

Es ist ja ähnlich wie in der Musik- oder Filmindustrie. Man wird heute mit allem so überflutet und Seriosität und Genauigkeit bleiben oft auf der Strecke...
phaidros | 16. Oktober 2011 17:53
@Paige, das könnte Sie jetzt überraschen: völlig einverstanden!

Die Sendereihe »Querschnitte« - danke für die Erwähnung - des viel zu früh verstorbenen Hoimar von Ditfurth und seinem kongenialen Assistenten Volker Arzt waren in meiner Jugend wesentlicher Faktor für das Erwachen meines naturwissenschaftliches Interesse.

Und jetzt?

Wobei der ORF da ein gerüttelt Maß an Schuld zu tragen hat: vergleichen Sie den Mist, der vom Küniglberg kommt in Qualität und Quantität mit BBC-Dokumentationen. Was unser »Bewahrer von Kultur und Bildung« da abliefert, ist einfach nur in beiderlei Hinsicht erbärmlich.

LG phaidros.vie@gmail.com
ViennaCodePoet | 14. Oktober 2011 10:56
btw - Wir könnten ja ein PopScience Projekt starten? Gehört halt gut gemacht.

Thema hätte ich auch - ist sogar rasend praxisrelevant. Optimierte Tanks für Aqua-Kulturen. Schwierigkeiten?
z.B. Bio-Filme an der Innenseite. Glas Plastik Holz oder Beton? far from trivial - und trotzdem versteht jedes Kind das Problem.
ViennaCodePoet | 14. Oktober 2011 10:26
liegt vielleicht an der sprache ?
die interessierten lesen realiter doch vorzugsweise englisch - und die deutschen bücher/zeitschriften sind einfach klassen holpriger/schlechter

Beispiel von neulich: Harald Lesch / Jörn Müller - Kosmologie für helle Köpfe

einfach mühsam holprig - ich muss so etwas nicht mehr lesen wollen - habe es dann auch bleiben lassen.

Spektrum der Wissenschaft ist übrigens über die Jahre immer schlechter geworden - habe ich dann auch bleiben lassen

Die Verschlechterung hatte sicher nur "Kostengründe" - selber schuld.
inge schuster | 15. Oktober 2011 12:16
Es liegt vor allem an einem äusserst beschränkten Basiswissen der breiten Bevölkerung - der Unterricht in den Schulen legt wenig Wert auf naturwissenschaftliche Bildung. Auch durchaus interessierte Laien kommen dann häufig mit einem vielfältigen Angebot an Berichten in Büchern, Zeitschriften, Internet,... nicht zurecht und fragen sich: "Was ist seriös, wem kann man trauen?" Häufig wird dann science-fiction ähnlichen Darstellungen mehr Beachtung geschenkt als denn meistens trockeneren - d.h. mit weniger Action und "Phantasie" ausgeschmückten wissenschaftlichen Berichten.

Die Sprache und vor allem viele unverstandene Begriffe spielen dabei eine weitere Rolle.

Zum Spektrum der Wissenschaft: Dieses Journal leidet zweifellos unter seiner kleinen Auflage (2010 rund 80 000 verkauft - demnach dürfte Gesamtumsatz um die 4 Mio € liegen). Bei Gleichverteilung im deutschen Sprachraum würden auf Österreich nur rund 1000 Kopien (hauptsächlich Abos) fallen, d.h. das Interesse ist sehr beschränkt (z.B. erreicht das miserable österreichische PC-Machwerk Woman ein Mehrfaches der Auflage).
phaidros | 15. Oktober 2011 13:01
@schuster: »Es liegt vor allem an einem äusserst beschränkten Basiswissen der breiten Bevölkerung« gepaart mit einer unverständlichen Überheblichkeit, wenn ich mir die Ergänzung erlauben darf.

Ein paar Beispiele dazu: nehmen wir nur unsere Einstellung gegenüber zwei Nachbarn: Tschechien und Spanien. Seien wir doch ehrlich: beide Bevölkerungen sehen wir nicht uneingeschränkt auf unserer Augenhöhe, um es so vorsichtig wie möglich zu formulieren.

Dazu ein paar Details: die Astronomie wird in Tschechien als Schulfach unterrichtet (was viel mit Kepler zu tun haben mag), aber es resultiert eine naturwissenschaftliche Allgemeinbildung »auf der Straße«, von der wir hier nur träumen können! »Die Tschechen« stecken uns in dem Punkt in die Tasche, wie sie es wollen. Im ehemaligen Osten hatten die Naturwissenschaften überhaupt einen durchaus hohen Stellenwert. Ein Observatorium mit einer Ausstattung vergleichbar mit Ondrejov (Nähe Prag) kenne ich in Ö nicht.

Beispiel 2: Spanien. Dasselbe oder? Nur so als Gedanke: das »GranTeCan« (»Gran Telescopio Canarias«) auf La Palma ist mit 10m40 derzeit das größte Teleskop der Welt. Federführung im Projekt: Spanien.

Wer lanciert solche international wichtigen und sichtbaren Projekte in und für Österreich?

Man braucht nicht einmal so weit suchen zu gehen: allein die Diskussionen zum Thema Klima hier im Blog geben ein 3. Beispiel und zeigen oft ein geradezu bestürzendes Nichtwissen um die Zusammenhänge der Dinge. Natürlich ist es keinerlei Muss, vieles von dem in diesem Bereich Nötigen zu wissen! Was mich aber besonders irritiert ist die völlig unverfrorene, unangebrachte, rotzfreche Sicherheit, mit der man selbst richtige Erklärungen zugunsten von halb- und unwahren Punzen wegwischt, nur damit das Denkergebnis herauskommt, das man vorab als das richtige definiert hat.

BG phaidros.vie@gmail.com