Die Wissenschaftler sind ja selbst schuld!

(Thema: Wissenschaftsverdrossenheit)

Normalerweise ärgere ich mich gar nicht mehr über Umfragen mit manchmal allzu durchsichtiger Motivation von Seiten der jeweiligen Auftraggeber. Wenn ich aber im Wirtschaftsblatt lese, dass 78% der österreichischen Bevölkerung wenig bis gar nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert sind und gleichzeitig 60% die Wissenschaftler selbst für die Misere verantwortlich machen, weil diese „nicht genug Anstrengungen unternehmen, um die Öffentlichkeit über ihre Forschung zu informieren“,  dann kann ich nicht umhin nachzuschauen, wo diese Zahlen herkommen.

Quelle dieser Meldung ist das aktuelle Forschungstelegramm "Wissenschaft und Technik: Wie die Österreicher zu wissenschaftlicher Forschung stehen" des Instituts für Freizeit-und Tourismusforschung, das auf Basis von den Eurobarometerdaten 340/341 aus dem Jahr 2010 diesen Fragenkreis in einen Entwicklungs- bzw. europäischen Kontext stellt. Die im Wirtschaftsblatt zitierten Zahlen finden sich dort gut nachvollziehbar und scheinen (leider) plausibel. Viele andere Umfrageergebnisse aus dieser Studie wären ebenso ein Nachdenken wert und bestätigen die generell sehr wissenschaftsskeptische wenn nicht gar -feindliche Grundstimmung in Österreich besonders im Vergleich zu den EU-27.

Sind wir Forscherinnen und Forscher also wirklich selbst schuld, dass die Öffentlichkeit verkürzt gesagt an Wissenschaft nicht interessiert ist, vor vielen Forschungsdisziplinen geradezu Angst hat und letztlich gar keinen Nutzen an unserer Arbeit erkennen kann? Ist es noch dazu Mangel an Vermittlung, ob qualitativ  oder quantitativ?
Natürlich gibt es immer noch Forscher, die kein Interesse an Öffentlichkeitsarbeit haben und derartige Aktivitäten ihrer Kollegen sogar geringschätzen – doch deren Zahl ist heute sehr, sehr  klein geworden. Heutige Studierende wachsen in einem universitären Umfeld heran, in dem es selbstverständlich ist, Presseaussendungen zu verfassen, Medienanfragen zu beantworten, Führungen und Tage der offenen Tür abzuhalten. Ob University meets Public oder Kinderuni, noch nie waren unsere Türen so offen, noch nie investierten wir so viel Zeit und Kreativität, um weite Teile der Bevölkerung zu erreichen. Buchhandlungen  bieten eine fast schon unüberschaubare Flut von seriösen und weniger seriösen einschlägigen Druckwerken. Auch sind TV oder Internet voll mit wissenschaftsnahen Formaten, die auch beachtliche Einschaltquoten erzielen.

Ferienspiel "Astronomie"
 Wiener Ferienspiel 2007

Vor wenigen Wochen wurde eine schon geradezu inflationäre Medienpräsenz in meinem eigenen Fach, der Astronomie von BM Töchterle in Alpbach diagnostiziert, welcher sinngemäß meinte, dass wir es mittlerweile schaffen, die Entdeckung eines jeden noch so kleinen Himmelskörpers in die Medien zu bringen – welch tolle Aussichten bei unseren wahrhaft „astronomischen“ Objektzahlen…

Wo ist also das Problem? An den Angeboten kann es ja wohl nicht liegen! Werden diese nur nicht wahrgenommen? Besucherzahlen und Einschaltquoten sprechen dagegen. Oder werden diese Angebote uns, den Forscher gar nicht mehr zugeordnet? In manchen populären TV-Formaten könnte man glauben, der fesche Moderator hat das alles selbst herausgefunden. Ein paar schnelle Experimente und schon haben wir wieder etwas gelernt. Wissenschaft ist doch so einfach!? Auch werden Universitäten fast nur noch als Ausbildungsort, und das meist negativ medial thematisiert - von dortiger Forschung keine Rede, als gelte es dort nur noch, neue Rekordzahlen an Studierenden zu bewältigen.

Vielleicht liegt es also am falschen Wissenschaftlerbild! Langfristige, mühsame Beschäftigung mit einem kleinen – die Welt nicht täglich revolutionierenden Thema, unterbrochen von Lehre, Administration und Geldbeschaffung für viele der Jüngeren verbunden mit persönlichen Existenzängsten ist nun nicht so attraktiv vermittelbar wie hemdsärmelige Welterklärung oder das, was man als „Popscience“ bezeichnen könnte.

Ein zweites Problem mag beim potentiellen Konsumenten unserer populären Angebote selbst zu finden sein. Einer zweifellos steigenden, interessierten, aktiven Öffentlichkeit – wir erleben dies bei all unseren einschlägigen Angeboten – steht eine noch schneller wachsende durch mediale Übersättigung passiv gewordene Gruppe gegenüber, die auch in wissenschaftlichen Angeboten, so überhaupt wahrgenommen, nur noch deren beliebig austauschbaren Unterhaltungswert sieht. Eigenes Erfahren wird abgelöst durch passives Konsumieren - Neugier durch Kuriositätenschau. Zwischen den „Tödlichsten Tieren im Universum“ und „Germany's Next Topmodel“ kann man ohne Gehirnverrenkung hin- und her zappen.

Sind also die Österreicher selbst schuld? Ich will nun den Spieß keineswegs umdrehen. Derartige gesellschaftliche Entwicklungen kann man auch selten an einem einzigen Parameter festmachen. Trotzdem denke ich, sollten da bei Bildungsverantwortlichen, und damit uns allen, die Alarmglocken läuten. Gibt es zur Bring- nicht auch eine Holschuld?  Nicht nur Wissenschaft,  Forschung oder auch Kunst werden in Zukunft darunter leiden, wenn die seriöse, ja oft auch anstrengende, doch letztlich lohnende Beschäftigung mit einer Sache mehr und mehr von austauschbaren Ablenkungen verdrängt wird. Das Lernen eines Instrumentes macht sich selten in den ersten Übungsstunden bezahlt, der langfristige Gewinn ist aber durch nichts sonst erzielbar.

 

Anmerkungen der Redaktion

Über den Autor:

Franz Kerschbaum
Institut für Astronomie, Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und
Astronomie, Universität Wien

Franz Kerschbaum, Jg. 1963, lehrt seit Anfang 2001 beobachtende Astrophysik am Institut für Astronomie der Universität Wien. Die zentralen Forschungsgebiete umfassen die Spätstadien der Sternentwicklung, astronomische Instrumentenentwicklung mit Schwerpunkt Weltraumexperimente sowie wissenschaftshistorische Fragestellungen. Längere Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Frankreich, Schweden, Spanien und Chile. Beratende Tätigkeiten führt Franz Kerschbaum für eine Vielzahl von renommierten internationalen Einrichtungen, Universitäten und Fachzeitschriften durch. Eine wichtige Ergänzung seiner Arbeit stellen Ausstellungen, populäre Artikel und Vorträge, Medienarbeit sowie interdisziplinäre Projekte dar.

Franz Kerschbaum ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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