Gottfried Schatz
Gottfried Schatz | 08. Dezember 2011

Das weite Land

Wie Gene und chemische Botenstoffe unser Verhalten mitbestimmen

Unser Charakter wird entscheidend durch die chemische Zwiesprache zwischen den Nervenzellen unseres Gehirns geprägt. Dieses Gesprächsnetz ist so komplex, dass es jedem Menschen seine eigene Persönlichkeit schenkt

„Die Seele ist ein weites Land“ befand der Schriftsteller und Arzt Arthur Schnitzler, der in seinen Novellen und Dramen Sigmund Freuds Ideen mit aus der Taufe hob. Dieses weite Land der Seele ist jedoch schwer zu fassen, denn Religion, Dichtung, Psychologie und Medizin ordnen ihm jeweils andere Breitengrade zu. Ist es verwegen, dieses Land auch mit dem Kompass der modernen Naturwissenschaft zu erkunden? Darf ein Molekularbiologe auf Seelensuche gehen?

Dieses Wagnis kann nur gelingen, wenn wir „Seele“ enger als „Verhaltensmuster“ oder „Charaktereigenschaft“ definieren. Erst diese Beschränkung erlaubt die präzisen und überprüfbaren Fragen, an denen Naturwissenschaft ihre Kraft entwickelt. Und in der Tat - diese Kraft gewährt uns bereits atemberaubende Einblicke in die chemischen Vorgänge, die unsere Persönlichkeit prägen.

Eindrückliches Beispiel dafür waren gesunde Versuchspersonen, die nach Einnahme des Parkinson-Medikaments Dopa (ein Kürzel für Dihydroxyphenylalanin) bei Glücksspielen risikofreudiger wurden. Dies betraf jedoch nur diejenigen von ihnen, die eine seltene Variante eines bestimmten Gens ererbt hatten, das die Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen steuert. Dieses Gen tritt in verschiedenen Formen auf, die leicht unterschiedlich wirken und so das Verhalten eines Menschen gezielt beeinflussen können.

Nervenzellen verständigen sich untereinander vorwiegend mit Hilfe chemischer Botenstoffe. Meist sind dies einfache kleine Moleküle, wie das mit Dopa eng verwandte Dopamin, die Aminosäuren Glyzin und Glutamat, oder die Aminosäure-Abkömmlinge γ-Aminobuttersäure und Serotonin. Sie werden von einer elektrisch angeregten Senderzelle ausgestossen, wandern zu einer Empfängerzelle, binden sich an spezifische „Rezeptoren“ an deren Oberfläche, und lösen so in der Empfängerzelle ein elektrisches Signal aus. All dies spielt sich in nur ein bis zwei Tausendstel einer Sekunde in einem hauchdünnen Spalt zwischen den birnenförmig aufgeblähten Enden der beiden Nervenzellen ab. Die beiden Nervenenden und der sie trennende Spalt bilden zusammen eine „Synapse“, die nach Übertragung des Signals wieder schleunigst vom Botenstoff gereinigt werden muss, um einen gefährlichen Dauerreiz der Empfängerzelle zu vermeiden. Wie diese Reinigung erfolgt, hängt vom Botenstoff und von den beteiligten Nervenzellen ab. Manche Nervenzellen warten einfach darauf, dass der Botenstoff durch Diffusion von selbst verschwindet. Für die meisten Zellen ist dieser Vorgang jedoch zu langsam, sodass sie ihn aktiv beschleunigen: Manche Senderzellen saugen den von ihnen ausgesandten Botenstoff wieder auf, während Empfängerzellen ihre Rezeptoren für ihn maskieren können. Rezeptoren und Aufsaugmaschinen sind Proteine; ihr Bauplan ist in den entsprechenden Genen niedergelegt. Die Entschlüsselung der chemischen Struktur unseres gesamten Erbmaterials offenbarte die erstaunliche Vielfalt solcher Gene und damit auch von Synapsen, mit deren Hilfe unser Gehirn seine noch weitgehend rätselhafte Arbeit bewältigt. Wir kennen mehrere Dutzend Botenstoffe und für fast jeden gibt es eine Vielzahl verschiedener Rezeptor- und Aufsaugproteine, die auf den Botenstoff unterschiedlich ansprechen und eine Synapse unverwechselbar charakterisieren.

Vieles spricht dafür, dass dieses chemische Netzwerk unseren Charakter mitbestimmt. Der Botenstoff Dopamin lindert nicht nur die Leiden von Parkinson-Kranken, sondern kann bei ihnen auch intensive Glücksgefühle, Aggression oder zwanghafte Spielsucht auslösen. Und die Genvariante, die Dopa-behandelten Versuchspersonen erhöhten Wagemut verleiht, enthält den Bauplan für ein spezifisches Rezeptorprotein, über das Dopamin an einen Empfängernerv andockt. Diese Genvariante findet sich auch häufig in impulsiven, rastlosen oder aggressiven Menschen, die Mühe haben, sich über längere Zeit auf ein Thema zu konzentrieren oder sich in eine Gemeinschaft einzufügen. In unserer hoch organisierten Welt ist diese Genvariante meist von Nachteil, doch Nomaden scheint sie Vorteile zu verschaffen; vielleicht schenkt sie ihnen Wagemut und hilft ihnen so, neue Weide- und Jagdgründe zu erobern und Angreifer schneller und mutiger abzuwehren. Dafür spricht, dass diese Gen-Variante erst vor etwa 20'000 bis 40'000 Jahren entstand - also ungefähr zur Zeit, als moderne Menschen Afrika verliessen und nach Nordeuropa vordrangen – und dass sie sich seither in unserer Population behauptet hat. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass ihre Träger ungewöhnlich bereitwillig sind, asoziale oder finanziell riskante Entscheidungen zu treffen. Könnte es sein, dass diese Genvariante die periodischen Finanzkrisen unserer kapitalistischen Gesellschaft mitverschuldet?

Der Botenstoff Serotonin löst nicht nur, wie das Dopamin, Glücksgefühle aus, sondern beeinflusst auch das Sexualverhalten von Fliegen und Ratten: Verändert man in diesen den Serotonin-Stoffwechsel durch genetische Eingriffe oder Medikamente, so werden die Tiere homo- oder bisexuell. Und eine einzige Mutation in einem Rezeptorprotein für den Botenstoff Vasopressin kann ein monogames Wühlmaus-Männchen in einen passionierten Don Juan verwandeln.

Synapsen spielen fast überall dort eine Rolle, wo wir mit chemischen Mitteln psychische Krankheiten lindern oder unser Bewusstsein verändern wollen. Antipsychotische Medikamente dämpfen die Signalübertragung durch Dopamin, Serotonin und andere Botenstoffe; LSD löst Halluzinationen aus, weil es sich wie ein „Super-Serotonin“ hartnäckig an einen Serotonin-Rezeptor klammert und so die entsprechende Empfängerzellen übermässig stark und lange anregt. Und die Rauschdroge Kokain verhindert, dass Senderzellen das von ihnen ausgeschüttete Dopamin wieder aufsaugen. Als Folge davon häuft sich dieser glücksspendende Botenstoff in der Synapse an, sodass Kokain-Konsumenten die euphorische Wirkung der Droge bald nicht mehr missen wollen. Um sich gegen diesen Dopamin-Überreiz zu wehren, verringern Empfängernerven die Zahl ihrer Dopamin-Rezeptoren. Sinkt dann bei Kokainentzug der Dopaminspiegel in der Synapse plötzlich ab, so kann diese nicht mehr normal arbeiten und verursacht die gefürchteten Entzugserscheinungen.

Mut, Glücksgefühl, sexuelle Vorliebe und Sozialverhalten sind zwar wichtige Teile dessen, was wir gemeinhin „Charakter“ nennen, reichen aber bei weitem nicht aus, um diesen erschöpfend zu beschreiben. Und ihre genetische Kontrolle ist bei uns Menschen viel subtiler und komplexer als bei einfachen Tieren. Sie unterliegt einem Netzwerk vieler Gene, in dem jedes Gen nur eine bescheidene Rolle spielt. Wir Menschen haben weder ein „Mut-Gen“ noch ein „Monogamie-Gen“, sondern viele Gene, die diese Verhaltensmuster geringfügig, aber statistisch signifikant beeinflussen. Und selbst diese Behauptung steht auf wackligen Beinen, da sie sich in den meisten Fällen nicht auf eindeutige genetische Beweise, sondern nur auf Korrelationen stützt. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass Synapsen die Fäden sind, aus denen die Natur den wundersamen Gobelin unseres Charakters wirkt. Dieser Gobelin verdankt seinen Farbenreichtum der Wechselwirkung der verschiedenen Rezeptor- und Ansaugproteine in unseren Synapsen, über die ein und derselbe Botenstoff eine breite Palette verschiedener Reaktionen und Empfindungen auslösen kann. Da unser Gehirn etwa 10’000 Milliarden Nervenzellen besitzt und jede von ihnen durch 1000 bis 10'000 Synapsen mit anderen Nervenzellen vernetzt ist, steigt die Zahl der möglichen Wechselwirkungen ins Unendliche. Die Balance zwischen den verschiedenen Fäden dieses unvorstellbar komplexen Netzwerks ist zum Teil erblich, kann aber auch durch Umwelteinflüsse verändert werden; sie ist deshalb für jeden Menschen auf dieser Erde – selbst für eineiige Zwillinge – einmalig. Sollte es uns je gelingen, alle Fäden dieses Netzwerks zu entwirren und ihre Verflechtung mit Computern darzustellen, so wird die Komplexität dieses Musters alle unsere Vorstellkraft übersteigen. Das Land, von dem Schnitzler sprach, wird wohl auch für Biologen seine geheimnisvollen Weiten wahren.

Über den Autor:

Em. Univ.-Prof. Dr. Gottfried Schatz, geboren 1936, ist einer der bedeutendsten Biochemiker unserer Zeit. Er studierte Chemie und Biochemie an der Universität Graz und forschte an der Universität Wien, am Public Health Reseach Institute New York, an der Cornell University (Ithaca, NY) und am Biozentrum der Universität Basel zum zentralen Thema Mitochondrien. Er war Mitentdecker der mitochondrialen DNA und klärte den Mechanismus des Proteintransports in Mitochondrien auf.  Schatz ist Träger vieler hochrangiger Preise und Ehrungen, Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien und Vorsitzender bedeutender Organisationen und Gremien. Mit dem Ziel: „Wissenschaft verständlich machen“ betätigt sich Schatz auch als Essayist und Buchautor.

Details: www.science-blog.at/Autoren

Leser-Kommentare
Suzyn | 10. Januar 2014 17:25
Hey hey hey, take a ganedr at what' you've done
Sladjana | 09. Januar 2014 15:36
Why does this have to be the ONLY reiablle source? Oh well, gj!
ViennaCodePoet | 15. Dezember 2011 18:57
@Und ihre genetische Kontrolle ist bei uns Menschen viel subtiler und komplexer als bei einfachen Tieren.

Bestreite ich auf das entschiedenste - der Unterschied ist ein gradueller, kein prinzipieller...
durga | 16. Dezember 2011 14:02
@VCP

"subtiler und komplexer" bedeutet ja noch lange nicht "prinzipiell"! Die Komplexität des splicing finden Sie halt nicht bei den niedrigeren Organismen.
Karl Rinnhofer | 14. Dezember 2011 02:03
Vielen Dank für diesen Beitrag, der geeignet ist, Wissenschaft in einem durchaus brisanten Gebiet verständlich zu vermitteln.

Jeder Naturwissenschafts- und Technikfeindlichkeit (in unserem Lande durchaus nicht selten) sei entgegengesetzt: Je mehr wir über die Vorgänge wissen, umso mehr eröffnen wir die Möglichkeit für Heilungen etc.

Es ist unannehmbar für eine aufgeklärte Gesellschaft, jedes Wissen um naturwissenschaftlich erklärbare Vorgänge sofort zu tabuisieren, wenn sie sich auf Seelisches auswirken, damit die problematische und verhängnisvolle Dichotomie Seele - Körper zu perpetuieren. "Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir " (eine der Varianten Diltheys) ist unbefriedigend und überholt. Die potenziell missbräuchliche Verwendung naturwissenschaftlich-technischen Wissens in ihrer Relevanz auf das Seelenleben rechtfertigt nicht, Wissen um diese Gesetzmäßigkeiten zu retardieren oder zu tabuisieren.

Es wäre geboten. würde auf der Basis solcher Erkenntnisse dereinst Geiseln der Menschheit (Krebs, Demenzerkrankungen, die erwähnte Parkinschon-Erkrankung“, die häufidg tabuisierten seelischen Erkrankungen) gelindert oder geheilt werden können, ohne dass schon den ersten Schritte dahin als „ungerechtfertigter Eingriff in Gottes Schöpfungsplan“ Prügel in den Weg gelegt werden, um einen unbefriedigenden Status quo zu immunisieren.
durga | 14. Dezember 2011 18:28
@KR

Sie haben völlig recht!

Die in unserem Land besonders ausgeprägte Naturwissenschafts- und Technikfeindlichkeit basiert aber zumindest zum Teil darauf, daß das allgemeine Verständnis für Naturwissenschaften und daraus resultierend das Interesse für diese Fächer sehr gering ist, und weder Schulen noch Medien imstande sind - oder es auch nur anstreben - zu einer wesentlichen Verbesserung der Situation beizutragen.

In den Schulen fehlen für naturwissenschaftliche Fächer häufig gute Lehrer; aber auch, wenn solche vorhanden sind, unterrrichten sie ja "nur" Nebengegenstände, deren Bedeutung (gemessen an Lehrplan und Stundenzahl) und damit deren nötigem Lerneinsatz sich in keiner Weise mit den Hauptgegenständen messen darf.

Medien leben in der Vorstellung, daß Nachrichten/Sendungen mit seriösem naturwissenschaftlichem/ technischem Inhalt prinzipiell nicht die erhoffte Quote bringen können (außer man beschränkt sich auf Formate mit vernachlässigbarem Inhalt aber besonders lieben Viecherln). Pseudowissenschaften, science-fiction, die zigte Folge einer amerikanischen Seifen-Oper, Hansi Hinterseer, die Pilcher,......das bringt Quote! Man schaue nur in welcher Rubrik und an welchem Platz "Wissenschaft" in den Zeitungen rangiert, man sehe sich im ORF-Jahresbericht die Sendezeit für "Wissenschaft" an und was der ORF darunter versteht.

Unsere Bevölkerung ist bezüglich Naturwissenschaften nicht aufgeklärt! Wer hat sie aufgeklärt wie ungemein faszinierend Naturwissenschaften sind, wie essentiell ihre Ergebnisse aus Grundlagen- und angewandter Forschung für die Qualität unseres Lebens und das unserer Nachkommen sind? Unsere Parteien, deren Soldaten nichts von Naturwissenschaften verstehen und die aus ihrer Unkenntnis und Unsicherheit heraus am liebsten ihr Veto gegen alles "Naturwissenschaftliche" in die Verfassung schreiben würden?

Auf der Basis eines soliden Wissens brauchen keine Tabus errichtet werden - diese sind nur Ausdruck angsterfüllten Unwissens.
Karl Rinnhofer | 15. Dezember 2011 22:38
@durga
Dieser ausgezeichneten unterstützenden Replik ist mit jedem Wort zuzustimmen. Tatsächlich wurden gerade naturwissenschaftliche Fächer in den Stundendotierungen gekürzt, - eine der kontraproduktivsten bildungspolitischen Entscheidungen überhaupt! Es gilt als unfein, in diesen Leistungskriterien anzulegen. Gerade Lehrer naturwissenschaftlicher Fächer haben unangemessenen „Rechtfertigungsbedarf“, sollten sie wegen mangelnde Schülerleistungen gute Zensuren verwehren. Wie Sie zu Recht anmerken, wurden diese Fächer geradezu zu Nebenfächern degradiert. Es ist ein schwacher Trost, dass auch in den verbleibenden Fächern "Leistung "eine ziemlich schlechte Presse hat. Welch Katastrophe, wenn man an die globale Konkurrenzsituation denkt ... !

Daher möchte ich auf diesem Weg alle bestärken, die sich verdienstvoll und von Dauerfrustration bedroht um Verbreitung dieses Wissens bemühen. Auch der (wichtige) „science blog“ ist ein wichtiger Mosaikstein dazu. Doch geht es um viel mehr: Technisches Wissen, Sensibilität für diese Fragen zu erwecken. Gerade technisch-naturwissenschaftliches Wissen ist wieder positiver Konnotation t zu werden. Es geht um Fragen, die eigendynamisch sich in immer neuen Herausforderungen mit realen Antwortbedarf stellen, unseren Wohlstand begründeten.

Gerade die überlebens-entscheidenden Fortschritte der Technik, basierend auf Wissen um naturwissenschaftliche Grundlagen, dem wir uns assymptotisch nähern, verdienen es, „Inter-esse“ im wahrsten Sinne des Wortes, „innere Anteilnahme“ zu erwecken.
durga | 16. Dezember 2011 17:42
@KR 15.12

Es gibt bei uns keine Bildungsstandards für naturwissenschaftliche Fächer:

Das bifie (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens zählt zu seinen Kernaufgaben (https://www.bifie.at/bifie/kernaufgaben ) das Bildungsmonitoring (Beobachtung des österreichischen Schulsystems):

"Das Bildungssystem wird vor allem hinsichtlich seiner Praxis und der erzielten Ergebnisse kontinuierlich beobachtet. Das BIFIE entwickelt und überprüft die neuen nationalen Bildungsstandards in der 4. Schulstufe in Deutsch und Mathematik sowie in der 8. Schulstufe in Deutsch, Mathematik und Englisch und ist für die Durchführung großer internationaler Schülerleistungsstudien (z.?B. PISA, PIRLS, TIMSS) verantwortlich."

für die Entwicklung von Leistungstandards am Ende der 12/13. Schulstufe ist das Zentrum Wien des bifie zuständig:

"Ziel der standardisierten kompetenzorientierten Reife- und Diplomprüfung (SRDP) ist die Erhebung des Leistungsstandes am Ende der 12. bzw. 13. Schulstufe in wesentlichen Kompetenzbereichen durch wissenschaftlich validierte zentrale Aufgabenstellungen."

Was wir hier als wesentlich erachtet? Immerhin sechs Mitarbeiter beschäftigen sich dort mit Bildungsstandards in (angewandter) Mathematik, acht mit denen in lebenden Fremdsprachen und Griechisch/Latein, drei mit Deutsch/ Unterrichtssprache. NIEMAND IST ABER FÜR NATURWISSENSCHAFTEN ZUSTÄNDIG!!!!!!!!!
Dafür gibt es drei Psychometriker, welche vermutlich die unsäglichen Fragebögen aushecken zur Vermessung der Maturantenseelen.
Karl Rinnhofer | 17. Dezember 2011 10:52
@durga
Ich danke auch für diesen sehr wichtigen und überaus sachkundigen Hinweise. Das Fehlen der so plakativ verkündeten Bildungsstandards in naturwissenschaftlichen Fächern ist ein Skandal und wertet diese Fächer auch „offiziell“ ab. Es ist legitim, für „die Gesellschaft“, in diesem Falle repräsentiert durch die ausbildenden Nachfolgeinstanzen des betroffenen Schultyps oder die künftigen Arbeitgeber, Vertrauen in ausgestellte Atteste in nicht relativierbarer Vergleichbarkeit abzusichern. Potenziell macht Einfordern von Bildungsstandards die jeweils ausbildende Instanz zum Partner der Schüler auf dem Weg zum Erreichen dieser. Sie stellen auch die Lehrer in ein „haltendes“ Koordinatensystem, Rechtfertigung der Forderungen zu bieten, die üblicherweise im Kontext allgemeinen Berechtigungsdenkens als „Schikanen“ interpretiert werden. Umso unverständlicher ist es, diese Rechtfertigungs-Vernetzung naturwissenschaftlichen Fächern schon a priori zu entziehen.

Einschwacher Trost ist es, dass de facto Bildungsstandards verwässert werden: Voraussetzung wäre das Wirken rigoros externer Prüf- und berechtigungsverleihender Instanzen in funktionaler, personaler, sogar räumlicher Hinsicht. So lange Lehrende und prüfende Instanz in Personalunion funktionieren (eine m.M. nach unvereinbare Position) und geradezu unendliche Beliebigkeit in der de-facto Anwendung besteht, zudem alles überlagert wird von der Ideologie des Nicht-Durchfallens, der Berechtigungsinflation, des „Jeder ist für alles geeignet“, man müsse nur „begaben“(!), „motivieren“, solange Beweisumkehr (Lernerfolge/Unterrichtserfolge) und zu erwartende Nachfolgeschwierigkeiten bei Verwehren positiver Atteste diverser Manipulationen nahe legen (wozu es weiterhing genügend Raum gibt), solange durch problematisch angewandte „Autonomie“ selbst Standards in schulinternen Fachgruppen diskutabel-relativierbar und damit arbiträr werden, solange Lehrerende selbst End- Prüfende bzw. Korrigierende bleiben, sind Bildungsstandards zahnlos.

Doch ändert diese Insuffizienz nicht daran, dass mit der unsymmetrischen Zuweisung von Standards auf einzelne Fächergruppen eine nicht zu begründete Diskriminierung gerade von „Zukunftsfächer“ perpetuiert wird. Es hätte eines gewaltigen Aufschreis bedurft – vielleicht ist dessen Fehlen ein Symbol, dass die Sensibilität für substanzielle Zukunftsfragen flächendeckend geschwunden ist.
durga | 20. Dezember 2011 00:35
@KR
....„dass mit der unsymmetrischen Zuweisung von Standards auf einzelne Fächergruppen eine nicht zu begründete Diskriminierung gerade von „Zukunftsfächern“ perpetuiert wird.“

Die Diskriminierung gerade von „Zukunftsfächern“ wird auch offenbar, wenn man sich die vom BMUKK gebastelten Lehrpläne für diese Fächer ansieht – sowohl, was die zugestandene Stundenzahl als auch Zusammenstellung und Reihenfolge der Inhalte betrifft. (http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/index.xml )
.

Beispiel Chemie:

Diese wird in der Unterstufe nur in der 4. Klasse (HS, AHS, etc.) unterrichtet. Mit 2 Wochenstunden soll hier praktisch das ganze Spektrum der Chemie bewältigt werden: von Einteilung und Eigenschaften der Stoffe, Aufbauprinzipien der Materie, Grundmuster chemischer Reaktionen, Rohstoffquellen und ihre verantwortungsbewusste Nutzung, bis hin zu Biochemie und Gesundheitserziehung. Natürlich untermalt mit vielen anschaulichen Experimenten.

Auf dieser fragwürdigen Chemie-Einführung baut dann die Oberstufe der AHS auf („Der Chemieunterricht in der Oberstufe erweitert und vertieft die erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten aus der Unterstufe”). Mit jeweils 2 Wochenstunden, allerdings erst in der 7. und 8. Klasse, soll nun den Schülern der gesamte komplexe Stoff eingetrichtert werden. (Vor einem halben Jahrhundert und dem damals wesentlich niedrigeren Wissensstand wurde der Stoff noch auf alle 4 Klassen der Oberstufe aufgeteilt.)

Der Witz daran ist, daß sich aber der Biologie-Unterricht bereits in der 5. und 6. Klasse der Oberstufe mit Inhalten befaßt, zu deren Verständnis Grundkenntnisse in Chemie/Biochemie erforderlich wären, die über den Schnellsiederkurs der Unterstufe hinausgehen: In der Biologie in der 5. Klasse beschäftigt man sich mit dem „modellhaften Verstehen der Zusammenhänge zwischen Lebensvorgängen und bestimmten Zellstrukturen“ und mit dem „Einblick in biotechnische Verfahren”, in der 6. Klasse mit „Einblicken in die grundlegende Funktionsweise des Immunsystems“, „Wissen um die Bedeutung der Mitose für Wachstum, Zelldifferenzierung“, „Grundlagen von Information und Kommunikation in Nervensystemen und im Hormonsystem des Menschen“,....

Dieses „Wissen“ wird also vermittelt bevor Schüler gelernt haben, was Proteine, DNA, RNA, Membranen,... also die Hauptkomponenten zellulärer Strukturen überhaupt sind. Wenn ich nicht weiß, wie Proteine aussehen und funktionieren, wie verstehe ich dann z.B. die Funktionsweise des Immunsystems, die neuronale Kommunikation?
Erwin Tripes | 13. Dezember 2011 08:26
@ inge schuster

Liebe Frau Schuster, danke daß Sie mir verbindlich erklärt haben, daß Sie die bessere Wissenschaftlerin sind als Bruce Lipton.
Jetzt weiß ich auch, daß alles was man nicht durchs Mikroskop sehen, oder wiegen oder messen kann, gar nicht existiert. Wie Sie das allerdings mit der Quantenphysik vereinen bleibt mir unklar.
Zraxl | 12. Dezember 2011 21:08
"Ist es verwegen, dieses Land [die Seele] auch mit dem Kompass der modernen Naturwissenschaft zu erkunden? Darf ein Molekularbiologe auf Seelensuche gehen?"

In meiner Wahrnehmung, in meiner kleinen Welt, sehe ich den Sinn (die Rechtfertigung) der Naturwissenschaft geradezu darin, mehr von Gottes Schöpfung und von uns selbst zu verstehen. Auf Seelensuche zu gehen, sehe ich daher nicht als verwegen, sondern als Gebot. Mein persönliches Interesse an Naturwissenschaft gründet letztlich genau darin.

Dass man menschliches Empfinden und sogar Charaktereigenschaften auch mit allerlei Chemischen Substanzen beeinflussen kann, ist seit Urzeiten bekannt. Die Wirkung vom Harz der Mohnpflanze, vom Mutterkorn, vom Pilsenkraut, vom Fliegenpilz und insbesondere auch vom Alkohol wurden medizinisch oder missbräuchlich eingesetzt. Dank moderner Wissenschaft, von Biochemie bis zur Neurologie, kennt man inzwischen die Wirkungsweise vieler Einflussfaktoren auf das menschliche Empfinden sehr detailliert bis auf die molekulare Ebene hinunter.

Doch was ist die Seele? Worin gründet unser Selbstbewusstsein? Hierzu gibt es m.W. noch nicht einmal einen Ansatzpunkt. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass chaotische Systeme ein Selbstbewusstsein tragen. Dann hätte man immerhin eine Erklärung, wie im Gehirn durch allerlei Rückkopplungen Selbstbewusstsein entsteht. Man könnte allerlei Charakterisierungen aus einer inzwischen recht üppig ausgearbeiteten Chaostheorie ziehen und neue Erkenntnisse über uns selbst gewinnen. Ja wenn ....

Allerdings würde dann immer noch die Frage offen bleiben, warum z.B. an einer Bifurkation der eine und nicht der andere Weg genommen wird, warum eine Trajektorie im Phasenraum genau diese besondere Form einnimmt usw. usw. Und die hartnäckigsten Religionsfanatiker würden dann noch immer an ihren Gott glauben und diesen in der Unbestimmbarkeit eines chaotischen Prozesses festmachen.

Der Laplacesche Dämon ist tot. Poincare, Lorenz, Heisenberg und andere haben ihn mit ihren Theorien erschlagen.
phaidros | 13. Dezember 2011 07:41
Einer der schönsten Kommentare, die ich hier je gelesen habe. Danke.
Karl Rinnhofer | 14. Dezember 2011 01:48
@Zraxl @Phaidros
Ich schließe mich dieser einfühlsamen Bewertung an. Auch Phaidros sei für die Bestärkung gedankt.
inge schuster | 12. Dezember 2011 11:17
@Erwin Tripes

Lieber Herr Dr. Tripes,

Vor wenigen Wochen hatten wir einen Beitrag von Gottfried Schatz genau zu dem von Ihnen nun angesprochenen Thema Epigenetik im Blog ("Das Leben ein Traum - Warum wir nicht Sklaven unserer Gene sind"). Sie hatten damals bereits ein Buch von Bruce Lipton angepriesen für Leser , die "mehr als rein materialistisch geprägte „wissenschaftliche“ Paradigmen zulassen".

Nun, das, was Lipton in seiner "New Biology" insgesamt von sich gibt (der von Ihnen angegebene link miteingeschlossen), kann man allerdings kaum als wissenschaftlich bezeichnen. Es ist eine dicke Brühe aus Gemeinplätzen, Behauptungen ohne wissenschaftliche Überprüfbarkeit oder überhaupt falschen Feststellungen, das Ganze gewürzt mit einem Schuß unverstandener Quantenphysik. (Nicht von ungefähr ist Bruce Lipton im Advisory Board der Dachorganisation für Metamedizin, die sich an der Germanischen Neuen Medizin des deutschen Wunderheilers Ryke Geerd Hamer orinentiert.)

Die Epigenetik, als deren Pionier („against established views“) Lipton sich ansieht, ist jedenfalls nicht auf seinem Mist gewachsen (wie auch sein eher mageres, Jahrzehnte zurückliegendes wissenschaftliches Opus keine wie immer geartete Basis für seine Behauptungen bietet) und ihr Einfluß auf die Steuerung genetischer Prozesse wird auch von keinem seriösen Wissenschafter angezweifelt. Immerhin wurden für grundlegende Erkennntisse zu dieser Thematik bereits mehrere Nobelpreise verliehen. Immerhin hat die EU das sogenannte „Epigenome Project“ ins Leben gerufen zur Förderung der Grundlagenforschung in diesem Gebiet. Thomas Jenuwein, einer der Spitzenforscher auf diesem Gebiet und am Wiener Institut für Molekulare Pathologie (IMP) beheimatet, beschreibt in anschaulicher Weise wie Epigenetik auf Genetik aufbaut (http://epigenome.eu/de/1,38,0 ):

„Den Unterschied zwischen der Genetik und der Epigenetik kann man wahrscheinlich mit dem Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Lesen eines Buchs vergleichen. Nachdem ein Buch geschrieben ist, ist der Text (die Gene oder die in der DNA gespeicherte Information) in allen an den interessierten Leserkreis verteilten Kopien der gleiche. Jedoch wird jeder einzelne Leser des Buchs die Geschichte auf etwas unterschiedliche Weise interpretieren, mit sich im Laufe der Kapitel unterschiedlich entwickelnden Gefühlen und Erwartungen. In sehr ähnlicher Weise ermöglicht die Epigenetik verschiedene Interpretationen einer festen Vorlage (das Buch oder der genetische Code), was je nach den variablen Bedingungen, unter denen die Vorlage betrachtet wird, zu unterschiedlichen Lesarten führt.“

Epigenetik kann nicht ohne Genetik als Basis verstanden werden. Um Signale aus der „Umwelt“ zu erkennen und weiterzuleiten, benötigen Zellen Rezeptoren, die u.a. in Zellmembranen inkorporiert sind, hochspezifisch mit dem Signal wechselwirken und dieses in die Zelle weiterleiten. Diese Rezeptoren sind im Genom codiert, ebenso wie alle am Signaltransfer beteiligten und zur Amplifizierung des Signals beitragenden Proteine. Ein Gen, das für ein funktionsunfähiges Protein codiert – und damit möglicherweise eine Krankheit auslöst, – kann durch Epigenetik nicht „repariert“ werden. Zur Zeit sind bereits sehr viele schwere Krankheiten bekannt, die durch ein einzelnes, zum funktionsunfähigen Protein führendes Gen hervorgerufen werden („monogenetische Krankheiten“; z.B. cystische Fibrose). Eine Heilung dieser Krankheiten kann wohl nur auf der Basis von Gentherapie erfolgen, nicht aber durch spirituelle Riten.

Der science-blog sieht seine Aufgabe darin, Laien über wichtige naturwissenschaftliche Grundlagen und Standpunkte zu informieren, deren Grenzen in kritischer Weise abzustecken und Vorurteilen fundiert entgegentreten. In Erweiterung des aktuellen Themas „wie Botenstoffe unser Verhalten mitbestimmen“, folgen demnächst Beiträge zu „wie wir unsere Umgebung wahrnehmen.
Erwin Tripes | 11. Dezember 2011 13:12
Kurzkommentar zu Prof. Schatz auf: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=BjjvimJRevQ #
Sg. Herr Prof. Schatz,
engen Sie sich in Ihrer Betrachtungsweise nicht vorweg ein, wenn Sie auf Seelensuche den Begriff Seele als Verhaltensmuster oder als Charaktereigenschaft definieren? Wenn Sie meinen, daß „erst diese Beschränkung erlaubt die präzisen und überprüfbaren Fragen, an denen Naturwissenschaft ihre Kraft entwickelt. Und in der Tat - diese Kraft gewährt uns bereits atemberaubende Einblicke in die chemischen Vorgänge, die unsere Persönlichkeit prägen.“
Erfreulich, daß Sie Ihre Hypothesen nach Ihrem Ausflug in die Interaktionen, die in unserem materiellen Körper ablaufen, gleich wieder etwas zurücknehmen und nicht apodiktisch bleiben: „Vieles spricht dafür, dass dieses chemische Netzwerk unseren Charakter mitbestimmt.“
Dann werden Sie wieder apodiktisch: “ Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass Synapsen die Fäden sind, aus denen die Natur den wundersamen Gobelin unseres Charakters wirkt“.
Erfreulich, daß Sie am Ende Ihrer Hypothesen dann doch noch zum Schluß gelangen, daß auch die Umwelt unsere Zellbiologie genetisch beeinflußt.
Damit verweisen Sie, zumindest unbewußt, auf die neuesten Forschungsergebnisse der Epigenetik, welches Tor Sie für den interessierten Leser jedoch nicht öffnen.
Bahnbrechende Aussagen zu diesem Paradigmenwechsel finden Sie im Buch von Prof. Bruce Lipton:„Intelligente Zellen – Biology of Belief" (Eine kurze Einführung sehen und hören Sie auf : http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=BjjvimJRevQ # )
Darin erfahren Sie, wie insbesonders geistige Eindrücke auf unsere Genetik dauernd und überwiegend Einfluß nehmen und unseren “Charakter“ andauernd verändern.
Freilich, wenn man die eigene Sichtweise einengt, so wie Sie eingangs beschrieben haben, wird „das Land, von dem Schnitzler sprach, wohl auch für Biologen ( nicht nur für Biologen ieS, sondern für die gesamte Hirnforschung usw.) seine geheimnisvollen Weiten wahren“.
Wenn Sie hingegen offen sind und andere als die uns Westlern eingeprägten Herangehensweisen an Probleme zulassen, können Sie erkennen, daß unser Körper, mit all den von Ihnen genannten Forschungsergebnissen bloß eine Hardware mit biologisch-genetischer Grundausrüstung, die Software hingegen unser Geist- Bewußtsein ist, ungeschaffen, daher unzerstörbar, das gleichsam als Sender zum Körper funktioniert. Daraus folgt wieder die mehr als 2.500 Jahre alte Erkenntnis, daß wir nicht unser vergänglicher Körper sind sondern unser unzerstörbares Geist-bewußtsein immer wieder einen Körper hat. So viel zur nicht vorhandenen Seelenentität.
Freilich eine Sichtweise, für viele schon eine Erkenntnis, die mit den monotheistischen Religionen und den daraus abgeleiteten Philosophien nicht konform geht. Dazu ist das Anhaften am Ego zu oft zu stark.
Mit freundlichen Grüßen, Erwin Tripes