Gerhard Glatzel
Gerhard Glatzel | 01. Dezember 2011

HOLZWEGE – Benzin aus dem Wald

Am 26. November 2011 schreibt „Die Presse“ als Schlagzeile auf ihrer Titelseite: „Klimapolitik ist klinisch tot – Die Verhandlungen über ein globales Klimaschutzabkommen stecken in einer Sackgasse. Ein Ausweg ist auch bei der UN-Konferenz in Durban nicht in Sicht“. Eine Woche zuvor, am 19. Oktober 2011, hat der österreichische Nationalrat ein Klimaschutzgesetz [1] verabschiedet, das den einzelnen Wirtschaftssektoren ab 2012 verbindliche Einsparziele für Kohlendioxidemissionen vorschreibt. Österreich verpflichtet sich, seine Treibhausgasemissionen bis 2012 um 13 Prozent (gegenüber 1990) sowie bis 2020 um 16 Prozent (gegenüber 2005) zu senken.

Dieser irritierende Widerspruch veranlasst den emeritierten Waldökologen einmal mehr über Klimaschutzpolitik im Allgemeinen und über die Rolle von Wäldern als Energiequelle und Kohlenstoffspeicher im Speziellen zu reflektieren.

Klimaschutz: Faktum – Fiktion – Illusion

Faktum ist, dass sich unser Planet gegenwärtig in einer Phase markanter Klimaerwärmung befindet und diese mit dem Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre aus anthropogenen Quellen, insbesondere aus der Verbrennung fossiler Energieträger sowie aus industriellen und agrarischen Aktivitäten, gut korreliert. Diese Erkenntnis führte 1992 zur Verabschiedung der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC), einem internationalen Umweltabkommen mit dem Ziel, eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems zu verhindern und die globale Erwärmung zu verlangsamen sowie deren Folgen zu mildern. Am 11. Dezember 1997 wurde das Kyoto-Protokoll als Zusatzprotokoll zur Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen beschlossen. Das am 16. Februar 2005 in Kraft getretene und 2012 auslaufende Abkommen legte erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern fest. Bis Anfang 2011 haben 191 Staaten sowie die Europäische Union das Kyoto-Protokoll ratifiziert, wobei die USA die bedeutendste Ausnahme bilden. Die Aussichten, beim gegenwärtigen 17. UN-Klimagipfel in Durban (Beginn am 28. November 2012) eine wirksame Nachfolgeregelung zum Kyoto-Protokoll zu finden und global verbindliche Vorschriften für die Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen beschließen zu können, werden als gering eingestuft.

Fiktion ist, dass die Aktivitäten einer noch immer wachsenden und immer mehr industrialisierten Weltbevölkerung das „Gleichgewicht der Natur“ gestört haben, denn das „Gleichgewicht der Natur“ ist Fiktion. Die Evolution allen Lebens basiert auf Selektion durch sich laufend ändernde Bedingungen der unbelebten und belebten Umwelt. Das auf  den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführte „panta rhei“ („alles fließt“) ist eine Metapher für die Prozessualität der Welt. Das Sein ist demnach nicht statisch, sondern als ewiger Wandel dynamisch zu erfassen. Einer der Gründerväter moderner Naturwissenschaft, Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716), betonte in seinen biologischen und geologischen Konzeptionen die Dynamik aller Naturvorgänge. Auch das „Leben in Harmonie mit der Natur“ ist eine Fiktion romantischer Naturvorstellung. Dass Goethes „Aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge; sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer die des Menschen“ (Goethe zu Eckermann; Gespräche II) immer wieder zitiert wird, entspricht unserem inneren Harmoniebedürfnis. Wir übersehen dabei aber allzu leicht, dass wir in einer vom Menschen seit Jahrtausenden geprägten Kulturlandschaft leben und unsere Nahrungsmittel und Rohstoffe überwiegend nicht aus natürlichen Systemen beziehen. Wir verdrängen auch gerne, dass der große Dichter J.W. Goethe auch Folgendes geschrieben hat: „Gleich mit jedem Regengusse / Ändert sich dein holdes Tal, / Ach, und in dem selben Flusse / Schwimmst du nicht zum zweitenmal. (Johann Wolfgang von Goethe, Band 1: Sämtliche Gedichte. Artemis, Zürich 1950, S. 512).

Eine weitere Fiktion sind die Harmonie und das Gleichgewicht innerhalb natürlicher Systeme, die immer wieder als Vorbilder für menschliches Handeln angeführt werden. Scheinbare Gleichgewichtszustände sind statistische Mittelungen von meist erbarmungslosen Kämpfen um limitierende Ressourcen und sagen wenig über die Immunität des Systems gegenüber Veränderungen aus.

Für die Klimaschutzdiskussion verursachte die vereinfachte Argumentation eines für die künftige Entwicklung der Menschheit unverzichtbaren und daher unbedingt zu erhaltenden Gleichgewichtszustandes erhebliche Probleme. Als die Klimaforschung immer mehr harte Daten über die häufig extremen Klimaschwankungen in der älteren und jüngeren Vergangenheit präsentierte, wurde von vielen Bürgern völlig zu Unrecht die gesamte Klimaschutzargumentation angezweifelt. Es rächt sich auch, dass Klimaschutz meist sehr isoliert und singulär existenzbedrohend diskutiert wurde und nicht im Gesamtkontext aller, die gedeihliche künftige Entwicklung der Menschheit bestimmenden Limitationen und Gefahren.

Illusion ist die Umsetzbarkeit globaler Vorgaben für den Ressourceneinsatz. Während in Durban über verbindliche Nachfolgeregelungen für das auslaufende Kyoto-Protokoll diskutiert wird, sehen wir im Fernsehen Bilder von der Erschließung der Kohlevorkommen der Mongolei und in Mosambik sowie den Einsatz von „Hydraulic-Fracturing“ in überaus ergiebigen neuen Shale-Gas-Feldern. „Global Governance“ als Basis für die einvernehmlichen und gerechte Nutzung der Umwelt und der Ressourcen der Erde ist noch immer Utopie oder wahrscheinlich sogar Illusion. Der große oberösterreichische Heimatdichter Franz Stelzhamer (1802 – 1874) hat es vor 150 Jahren auf den Punkt gebracht: „Oana is a Mensch, mehra hans Leit, alle hans Viech“ (Einer ist ein Mensch, Mehrere sind Leute, Alle sind Vieh).

Klimaschutzmaßnahmen – Der Teufel liegt im Detail

Im Vergleich zu früheren Maßnahmen zur Verhinderung oder Verminderung schädlicher Stoffe in der Atmosphäre, die sich an verbindlichen Grenzwerten orientierten, die auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Machbarkeit definiert und gegebenenfalls nachjustiert wurden, schlug man bei CO2 und anderen Treibhausgasen den neuen Weg des Emissionshandels ein. Damit wurden Grenzwertüberschreitungen nicht grundsätzlich verboten, sondern verursachen Kosten, weil Emissionsberechtigungen, die von der EU in einem komplexen Regelwerk definiert werden, gekauft werden müssen. Die Erlöse sollen Klimaschutzaktivitäten zufließen. Die Möglichkeit im Emissionshandel Geld zu verdienen, wurde von Geschäftsleuten rasch erkannt und führte zu einem breiten Angebot an Investitionsmöglichkeiten, für die Lobbyisten und sektorale Interessensvertretungen in Brüssel und in den nationalen Regierungen werben. Besonders erfolgreiche (oder von Lobbyisten erfolgreich vermarktete) Konzepte schaffen die Aufnahme in Empfehlungen oder Richtlinien der EU. Ein bekanntes Beispiel ist E10, ein für Automotoren vorgesehener Kraftstoff, der einen Anteil von 10% Bioethanol enthält und damit zu den Ethanol-Kraftstoffen zählt. Er wurde 2011 in Deutschland im Zusammenhang mit den Erfordernissen der EU-Biokraftstoffrichtlinie eingeführt, um den fossilen Rohstoffverbrauch und CO2-Emissionen zu reduzieren. Ein anderes Beispiel sind die Richtlinien zur Wärmedämmung von Gebäuden, um den Energieverbrauch für Heizung und Klimatisierung zu senken.

Grundsätzliches Problem all dieser Maßnahmen ist, dass sie als Einzelmaßnahme Senkungen der treibhauswirksamen CO2-Emissionen bewirken, aber im Gesamtkontext der Ressourcenpolitik oft nicht evaluiert werden. Beispielsweise lässt sich leicht berechnen, um wie viel eine bessere Wärmedämmung den Energiebedarf für einen Haushalt senkt. Es wird aber nicht gefragt, ob die Einsparungen möglicherweise für die Beheizung der Terrasse oder des Swimmingpools verwendet oder vielleicht in energieintensive Fernreisen investiert werden. E10 wiederum erlaubt, weiterhin mit übergroßen Autos zu fahren, weil es keine Grenzwerte für den maximal zulässigen Treibstoffverbrauch pro Personenkilometer gibt. Bekanntermaßen werden die Automotoren zwar effizienter, die Autos selbst aber größer. Bei Biotreibstoffen wurden auch die Auswirkungen auf die Nahrungsproduktion und die Bodennutzung in Entwicklungsländern viel zu wenig berücksichtigt.

Persönlich sehe ich den Wechsel von Grenzwertregelungen zu Emmissionshandelskonzepten als bisher schwerste Sünde der Umwelt- und Klimaschutzpolitik.

Biotreibstoff aus dem Wald – ein Holzweg?

Angesichts der Tatsache, dass Bioethanol der ersten Generation (aus Getreide, Zuckerrohr oder Zuckerrüben gewonnener Äthylalkohol) in Europa nicht in ausreichenden Mengen erzeugt wird, um die Vorgaben der EU-Biokraftstoffrichtlinie zu erfüllen und Angesichts der Konkurrenz zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion sowie in Anbetracht des in Summe eher bescheidenen Beitrages zum Klimaschutz, wird Alkohol aus Nahrungs- und Futtermitteln zunehmend als Sackgasse gesehen. Kritische Stimmen aus der Entwicklungspolitik, die vor der Verlagerung von Bioethanolproduktion in Entwicklungsländer warnen, haben die Skepsis gegenüber Bioethanol der ersten Generation noch verstärkt. Daher wird in Brüssel jetzt vehement für Bioethanol der zweiten Generation Lobbying betrieben. Das Bioethanol soll dabei aus der gesamten oberirdischen Biomasse von mehrjährigen Pflanzen gewonnen werden, die nicht als Nahrungs- und Futtermittel dienen. Neben mehrjährigen Gräsern wie Chinaschilf (Miscanthus sp.) oder Rutenhirse (Panicum virgatum, ein nordamerikanisches Präriegras), sollen vor allem Energieholzplantagen, meist als Ausschlagkulturen von Weiden und Pappelklonen, den nötigen Rohstoff liefern. Dafür sollen nach den Konzepten der Bioalkoholindustrie bisher als Weide- und Ackerland sowie als Wald genutzte Flächen in Energiepflanzenkulturen mehrjähriger Pflanzen umgewandelt werden. Nur wenn die Mitgliedsstaaten der EU diesbezüglich regelkonform agieren, können die für E10 oder höhere Beimengungen benötigten Ethanolmengen in Europa erzeugt werden. Es wird gefordert, dass sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Forstwirtschaft entsprechende Anreizsysteme geschaffen werden. Diese könnten aus wertgesicherten langfristigen Absatzgarantien und Steuerbegünstigungen oder Subventionen für die Umwandlung bestehen. Außerdem könnten die Bioethanolwerke die hochmechanisierte Bewirtschaftung der Flächen leisten, sodass der Grundbesitzer keine Geräte anschaffen müsste und keinen Aufwand für die Bewirtschaftung seines Landes hat. Arbeitsplätze in der Bioethanolwertschöpfungskette könnten ein zusätzlicher Anreiz sein.

Sowohl für Landwirte als auch für Waldbesitzer sind mehrjährige Energiepflanzenkulturen eine neuartige Form der Landnutzung. Für den Landwirt ist ein „Fruchtfolgewechsel“ zwischen mehrjährigen Energiepflanzenkulturen und einjährigen Nahrungs- oder Futterpflanzen wegen der unterschiedlichen Produktionszeiträume und der zur Bewirtschaftung benötigten unterschiedlichen Geräte kaum möglich. Mehrjährige Energiepflanzenkulturen bedeuten also de facto, dass Flächen, die bisher der Nahrungs- oder Futtermittelproduktion dienten, in Zukunft den unersättlichen Energiehunger der Automobile stillen sollen (eine mittlere Tankfüllung entspricht 100 kg Brot). Aber auch für den Forstwirt, der traditionell mit langlebigen Holzgewächsen arbeitet, bringt der Umstieg auf Energieholzplantagenwirtschaft massive Änderungen. Dabei ist für Waldbesitzer die energetische Nutzung der Biomasse von Wäldern nichts Neues. Vor der Verwendung fossiler Energieträger und industriell hergestellter Chemikalien wurden 80 – 90 % der Biomasse der Wälder nicht als Sägeholz verwendet, sondern als Brennholz, Holzkohle oder als Rohstoff für Gewerbe und Industrie, allen voran als Pottasche für die Glaserzeugung. Daneben wurde Laubstreu vom Waldboden gesammelt und als Einstreu in Ställen und als Düngemittel in der Landwirtschaft verwendet. Als fossile Energieträger Brennholz und Holzkohle vom Markt verdrängten, wurden Forstbetriebe zu Veredelungsbetrieben, die versuchen, möglichst viel des Biomassezuwachses in hochwertige Holzsortimente, vor allem Rundholz für die Sägeindustrie, zu lenken. Heute beträgt der Anteil dieser Sortimente 70 – 80 %. Mit schwächerem Holz wird die Papier- und Zellstoffindustrie bedient und auch dafür nicht geeignetes Holz wird meist in Form von Hackschnitzeln als Heizmaterial verwendet. Darüber hinaus noch Biomasse zu entnehmen, führt rasch zur Nährstoffverarmung und Bodenversauerung, weil gerade Reisig und Blattmasse die höchsten Gehalte an Pflanzennährstoffen aufweisen. Darüber wusste man bereits im 19. Jahrhundert gut Bescheid [2]. Aufgrund der geringen Mengen und geringen Lagerungsdichte sowie des Transportes über lange Wegstrecken ist Restbiomasse aus konventioneller Waldbewirtschaftung keine Option für die Bioethanolindustrie. Auch aus ökologischen Gründen wäre der Entzug von Reisig und Blattmasse sehr bedenklich, weil damit dem Bodenleben für die Aufrechterhaltung wichtiger Bodenfunktionen unerlässliche Nahrungs- und Energiequellen vorenthalten würden.

Bioethanol der zweiten Generation kann nach gegenwärtigem Wissensstand nicht in Kleinanlagen am Bauernhof oder dezentral im Forstbetrieb hergestellt werden, sondern nur in Großanlagen, die aus Plantagen innerhalb eines Umkreises von 20 bis 30 km mit Biomasse bedient werden. Das bedeutet, dass Wald in erheblichem Ausmaß in Energieplantagen umgewandelt werden müsste. Wenn die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen stimmen, werden Waldbesitzer vermutlich nicht zögern, von der aufwändigen Wertholzproduktion auf Biomasseplantagen umzusteigen, die sehr einfach maschinell zu bewirtschaften sind. Angesichts der sehr langen Produktionszeiträume der traditionellen Forstwirtschaft von bis zu hundert Jahren, werden vielleicht manche Waldbesitzer zögern, weil sie Zweifel haben, dass der Bioethanolmarkt für so lange Dauer gesichert ist. In Wald rückgewandelte Energieholzplantagen liefern nämlich erst nach Jahrzehnten kostendeckende Erträge. Volkswirtschaftlich ist es höchst fragwürdig, von Holz als veredelter Waldbiomasse mit vielfältigem Gebrauchswert und großem Wertschöpfungpotenzial in der Verarbeitung auf rohe Biomasse für die Energiewirtschaft umzusteigen, insbesondere dann, wenn öffentliche Mittel eingesetzt werden müssen, um die geringe Wertschöpfung der Produktion zu kompensieren.

Bioethanolfabriken der zweiten Generation verwenden die gesamte oberirdische Biomasse von Pflanzen und sind daher prinzipiell effizienter als die Anlagen der ersten Generation, die in Mitteleuropa vor allem Getreide oder Zuckerrüben verarbeiten. Ein weiterer, immer betonter Vorteil mehrjähriger Biomassenkulturen ist der im Vergleich zu Getreide und Rüben längere Erntezeitraum. Energieholzplantagen können theoretisch das ganze Jahr über genutzt werden. Allerdings ist während des Austriebes der Wassergehalt sehr hoch, und im Winter können Reif und Schnee die Ernte und den Transport sehr erschweren. Der Nachteil von Grasbiomasse oder Holzschnitzeln gegenüber Getreide ist, dass diese wegen ihrer geringen Schüttdichte ungleich schwieriger im Ethanolwerk auf Vorrat zu halten sind. Ohne energieaufwändige Trocknung kann sich geschüttetes Hackgut im Freien bis zur Selbstentzündung erhitzen und dabei natürlich erhebliche Mengen an CO2 und anderen Treibhausgasen freisetzen. Ein hinsichtlich des Klimaschutzes möglicher positiver Effekt mehrjähriger Pflanzenkulturen ist die potenziell größere Kohlenstoffspeicherung im Boden. Um die Kohlenstoffsequestrierung umfassend bewerten zu können, muss man allerdings auch die mögliche Ausgasung von Treibhausgasen aus dem Boden unter verschiedenen Boden- und Klimabedingungen erfassen und berücksichtigen.

Biomasseplantagen müssen wie alle Intensivkulturen gedüngt werden, um die Bodenfruchtbarkeit zu bewahren und hohe Produktivität zu sichern. Energieholzplantagen unterscheiden sich diesbezüglich sehr grundlegend von Wäldern im traditionellen mitteleuropäischen Sinn, die aufgrund des extrem geringen Nährstoffgehaltes des Holzes und der langen Umtriebszeiten ohne Dünger auskommen. In Energieholzplantagen werden ungleich höhere Anteile an nährstoffreichen Pflanzengeweben, wie Rinde und Knospen, entzogen. Daher muss gedüngt werden und man kann bei Biomasseholzplantagen nicht von Wald im traditionellen mitteleuropäischen Sinn sprechen.

Ausgedehnte Änderungen der Landnutzung von traditioneller Land- oder Forstwirtschaft zu neuen mehrjährigen Biomassekulturen für die Biospritproduktion haben natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf die Biodiversität. Mehrjährige Gräser (Miscanthus oder Panicum) und Ausschlagplantagen von Weiden oder Pappeln sind völlig andere Habitate für Wildtiere als konventionelle landwirtschaftliche Felder mit Fruchtwechsel, Weideland oder Hochwald. In großflächigen Monokulturen können Schädlinge und Pflanzenkrankheiten unerwartet zum Problem werden. Mit erheblichen Auswirkungen auf Oberflächen- und Grundwasser ist zu rechnen. Da Pflanzung, Pflege und Ernte der Biomasse hoch mechanisiert sind, müssen sich auch die Menschen in ländlichen Gebieten an die geänderten Arbeitsmöglichkeiten anpassen. Der Transport des Erntegutes auf öffentlichen Straßen ist ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt. Natürlich ist auch der Erholungswert der ländlichen Räume von den geforderten Umstellungen betroffen.

Zusammenfassend meine ich, dass sich auch die Bioethanolproduktion aus mehrjährigen Biomasseplantagen auf umgewandelten land- und forstwirtschaftlichen Flächen als Holzweg erweisen wird. Solange wir nicht gesamthaft über eine Ressourcen schonende Zukunftsentwicklung nachdenken, werden Lobbyisten und Geschäftsleute, die mit Klimaschutz und insbesondere Emissionshandel viel Geld verdienen, versuchen, die Politik für ihre Zwecke zu beeinflussen. E10 ist ein Beispiel dafür. Insgesamt muss es aber das vorrangige Ziel sein, künftig mit weniger Ressourceninanspruchnahme – von der Energie über seltene Erden bis zu Wasser und Boden – auszukommen und knappe Ressourcen klüger zu nutzen. Klare Vorgaben und Grenzwerte würden meiner Meinung nach Innovationen mehr stimulieren als einseitige Fokussierung auf Kohlenstoffemissionen und Emissionshandel. So schwer das Klimaproblem auch wiegt, es ist bei Weitem nicht die einzige Bedrohung, mit der künftige Generationen fertig werden müssen. Einschränkung von unnötigem Ressourcenverbrauch bedeutet automatisch auch Klimaschutz.

GG, Wien, 29.11.2011

 

[1] Bundesgesetz zur Einhaltung von Höchstmengen von Treibhausgasemissionen und zur Erarbeitung von wirksamen Maßnahmen zum Klimaschutz; BGBl. I Nr. 106/2011

[2] S. Hausegger „Intensive Forstwirthschaft und ihre Folgen“, Österreichische Vierteljahresschrift für Forstwesen, XI, 1861, S. 88–104 und 248–277

Über den Autor:

Emer. Univ. Prof. Dr. Gerhard Glatzel war Vorstand des Instituts für Waldökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Forschungsschwerpunkte: Waldernährung, Waldökosystemdynamik und Sanierung von Waldökosystemen, historische Landnutzungssysteme.

Details: www.science-blog.at/Autoren

Leser-Kommentare
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Clip-Tipp | 20. Februar 2012 06:36
Eine wirklich sehenswerte Dokumentation zum Thema Holz brachte 3sat: http://www.3sat.de/page/?source=/dokumentationen/155279/index.html

Es geht hauptsächlich um die generelle vielseitige Einsetzbarkeit des Werkstoffs, aber auch der Aspekt der Energiegewinnung wird angesprochen.

Denen die 44' des Video zu lang sind steht auch der redigierte Volltext auf der Webseite zur Verfügung.
inge schuster | 20. Februar 2012 17:56
@Clip-Tipp

vielen Dank für den link. Es ist eine sehr anschauliche, leicht verständliche Zusammenstellung über eine breite Palette an Möglichkeiten, die uns der Werkstoff Holz bietet. Zu zwei Punkten möchte ich allerdings einen Kommentar geben:

- Das was im Video als höchstes Holzhaus Europas bezeichnet wird, wird von anderen Holz-Bauwerken übertroffen, vor allem von der Stabkirche in Sapanta (Rumänien), die stolze 78 m ! mißt.

- Das Verfahren der Lyocell-Herstellung wird als besonders umweltfreundlich und nachhaltig dargestellt, benötigt aber doch auch nicht ganz unproblematische Chemikalien - in den ersten Schritten der Holzverarbeitung zur Ligninabtrennung und später in der Behandlung und Verarbeitung der fertigen Faser.

Es ist gut zu wissen, daß "ältere" Beiträge im blog gelesen werden; deren Inhalte beschäftigen sich ja in den meisten Fällen mit grundlegenden Problemen und behalten damit über lange Zeit ihre Aktualität!
phaidros | 21. Januar 2012 15:00
Es ist schon verblüffend, wie immer wieder dieselben Player in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken können, auch wenn es um augenscheinlich völlig andere Themen geht: just der »Human Genome Project« Protagonist Craig Venter denkt in eine Richtung nach, die meiner unmaßgeblichen Meinung nach durchaus Potenzial hat, zu künftigen Lösungen beizutragen: Biosprit ja, aber nicht aus Holz, sondern aus Algen. Wodurch man die Ausbeute pro Einheit Biomasse vervielfachen kann:

http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=can-algae-feed-the-world-and-fuel-the-planet

BG phaidros.vie@gmail.com
Haider | 17. Januar 2012 00:39
Diesen Artikel werde ich mir ausdrucken und nochmals in Ruhe lesen. Und auch mit befreundeten Forstwirten diskutieren. Auf's erste hat mich der Beitrag total fasziniert.
Vorläufig habe ich aber noch eine andere Frage. Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn irgendwo auf dem Erdball die Temparatur um 0,7 Grad zu/abnimmt? Es war schon viel wärmer, es war schon viel kälter - die Erde steht immer noch, zumindest dort, wo sie der Mensch nicht niedergebombt hat. Gletscher kamen und gingen, Wälder wuchsen und wurden flächendeckend für Schiffsbau (Libanon), für Holzkohle (Glashütten-Industrie) für was weiß ich noch alles abgeholzt. Der Mensch ist nicht allmächtig. Sind es seine Eingriffe in die Natur wirklich oder stehen dahinter nicht wieder nur irgendwelche Abzocken (z.B. Klimazertifikate), gutmenschelnde Hysterien oder Ewiggestrigkeit?
phaidros | 21. Januar 2012 14:52
@Haider: gar nichts ist schlimm, und um den Planeten braucht man sich nicht die geringsten Sorgen zu machen!

Das heißt aber noch lange nicht, dass es für uns selbst nicht unbequem werden könnte: Malariagebiete entstehen, wo bislang keine existiert. Küstenregionen aufgegeben ewrden müssen, Sturmschäden ungekannten Ausmaßes die Tagesordnung werden könnten.

Alles, wohlgemerkt, Konjunktiv!

Hier gilt es abzuwägen, was auf lange Sicht billiger kommt: Reparatur oder Prävention. Fast immer ist die Prävention billiger und weniger schmerzhaft als die Reparatur. Was nicht heißt billig oder nicht schmerzhaft, sondern nur im Vergleich billiger und weniger schmerzhaft.

Aus diesem Grund wäre es wichtig, zum einen das Erreichen gesicherter Ergebnisse auch zuzulassen, und nicht alles entsetzt zu dramatisieren oder auch wütend zu bekämpen , was aus dieser Ecke kommt. Und zum anderen dann eine fächerübergreifende Diskussion zu führen, wie dem Problem beizukommen sein könnte, und nicht über die Köpfe praktisch aller hinweg Maßnahmen zu beschließen.

Ich erlaube mir, auf den dieswöchigen Beitrag aufmerksam zu machen, der genau diese Problematik zum Inhalt hat, und lade herzlich ein, weitere Gedanken dort einzubringen: http://www.science-blog.at/2012/01/signal-to-noise-ij-betrachtungen-zur-klimawandeldiskussion/

BG phaidros.vie@gmail.com
DerTurm | 18. Dezember 2011 13:46
Das größte Problem der so genannten "Klimaschutzmaßnahmen" ist die grundfalsche Strategie.

Nahezu alle "Maßhnahmen" sind Wetterschutzmaßnahmen und zielen darauf ab ,das Wetter zu retten. Da es aber unmöglich ist, das Wetter zu lenken, sind sämtliche Ressourcen, die in die vorgebliche Rettung des "globalen Klimas" gestreckt werden, verschwendet.

Unsere Vorfahren wussten noch, dass man sich an das Wetter anpassen muss, ergo sind Anpassungsmaßnahmen an geänderte Klimata die einzig sinnvolle Strategie, wenn man schon dem gutmenschlichen Wahn anheimhängt, dass "etwas getan werden muss".

Einige wenige Wissenschaftler kritisieren unter anderem diese Fehlentwicklung (und erden umgehend vom Hauptstrom als Ketzer und von BigOil bezahlte Quertreiber denunziert).
phaidros | 20. Dezember 2011 04:31
@DerTurm »Nahezu alle "Maßhnahmen" sind Wetterschutzmaßnahmen und zielen darauf ab ,das Wetter zu retten.«

Inwiefern ist der Versuch, den CO2-Ausstoß zu mindern ein Versuch, das Wetter zu beeinflussen?

Nahmen wir als Analogie einen anderen makroskopischen Effekt: Temperatur. Ein einzelnes Molekül hat keine, eine einzelnes Molekül hat lediglich mechanische Energie (Geschwindigkeit und Vibration). Erst viele Moleküle zusammen haben eine Temperatur.

Auch wenn es unglaublich schwierig ist, die Bewegungen eines einzelnen Moleküls zu beeinflussen, so ist nichts einfacher, als die Temperatur eines Topfs voll Wasser zu ändern.

BG phaidros.vie@gmail.com
DerTurm | 21. Dezember 2011 23:39
Werter phaidros,

Alle Welt redet vom "Klimaschutz".

Da ein Klima per Definition nichts anderes ist, als das mittlere Wetter einer Region während einer bestimmten Zeit, muss man das Wetter beeinflussen, um das Klima zu ändern.

Und um die Temperatur eines Topfes voll Wasser zu ändern, muss ich schon noch (in Summe) die Energie der einzelnen Moleküls darin beeinflussen.

Schönen Abend noch,
La Maison Dieu
DerTurm | 17. Dezember 2011 14:24
Werter Herr Rinnhofer,

dass Dieselfahrzeuge den besseren Wirkungsgrad haben, wird leider immer häufiger ignoriert (stattdessen wird der Diesel mehr und mehr verteufelt).

Auch der in Graz entwickelte RME-Diesel kommt nicht gut weg.

Ich habe kürzlich einen Artikel zum Thema, wonach die gesicherten Vorräte seit über zehn Jahren trotz steigendem Verbrauchs noch für mindestens 50 Jahre reichen. Die vermuteten Vorkommen reichen deutlich weiter in die Zukunft.

Ich persönlich halte sämtliche Arten von "Bio"-Sprit für eine Modeerscheinung. Bio ist in, also muss Biosprit her. Hört sich schick an, beruhigt das BoBoGewissen zumindest ein wenig, und man kann toll Geld damit verdienen (Wellnessprodukte kosten laut Niavarani bekanntermaßen 40% mehr, ohne Zusatznutzen).

Und gerade die eBikes sind ein typisches Wellness-Produkt, das eigentlich überhaupt nichts taugt (außer Suventionen in die Taschen der Hersteller zu spülen). Die Produkte sind alles andere, als ausgereift, geschweige denn alltagstauglich (wie die etlichen Beschwerden (Reklamationen) belegen.)

Professor Kordesch ("King of Batteries") ist schon vor über 50 Jahren mit einem Wasserstoffauto gefahren (heute kann man es im technischen Museum bewundern), alltagstauglich ist die Technik auch heute nicht.

Von der Alltagstauglichkeit, wie vom Energiegehalt sind flüssige Kohlenwasserstoffe nach wie vor unerreicht. Daher erachte ich persönlich (als Chemieingenieur) jene Verfahren als sinnvoller, mit denen andere Kohlenwasserstoffe zu Benzin bzw. Diesel umgewandelt werden. Die Gasvorkommen des Globus reichen bekanntermaßen noch für viele Hundert Jahre. Das "Problem" an dieser Technologie ist lediglich, dass es nicht in das ideologische Weltbild der gutmenschlichen Internationasozialisten passt.

Und damit wären wir beim Kernproblem: Der politisch/mediale Hauptstrom verhindert (Hand in Hand mit den globalisierten Möchtegernregierungsorganisationen) eine freie Forschung auf diesem Gebiet (Forschungsgelder werden bekanntermaßen politisch verteilt, private Forschung wird bei uns durch wahnwitzige Steuern auf Arbeit übermäßig verteuert).
Franz Kerschbaum | 13. Dezember 2011 11:24
Leider werden alle technischen Verbesserungen bei Verbrennungsmotoren und der Treibstoffherstellung durch geradezu absurdes Konsumverhalten (Stichwort SUV http://oesterreich.orf.at/stories/2512966/ ) zu nichte gemacht....
durga | 15. Dezember 2011 00:13
@FK

Vielleicht ist dieses Konsumverhalten auch durch den stark wachsenden Anteil an älterer Bevölkerung bedingt. Besonders bei nicht mehr ganz intakten Gelenken ist ein Ein- und Aussteigen halt leichter bei einem SUV als bei einem "bodennahen" Vehikel. Auch der mit der höheren Sitzposition verbundene bessere Überblick und der bei vielen Modellen vorhandene Vierrad-Antrieb stellen für die ältere Generation aber auch für Bewohner ländlicher/gebirgiger Gegenden starke Pluspunkte dar.
chaperon | 02. Dezember 2011 14:28
Ein nachdenkenswerter Beitrag!
durga | 02. Dezember 2011 00:31
@KR

Neben den Produktionskosten und der Rentabilität der verschiedenen Biobrennstoffe und den Auswirkungen der veränderten Landnutzung muß auch deren unterschiedliche Verbrennungschemie und damit deren Schadstoffbilanz in Betracht gezogen werden.

Aus dem kleinen Molekül des „Bioethanol“ entsteht durch Verbrennung ein relativ kleines Spektrum an (Zwischen)Produkten (darunter allerdings auch problematische Luftschadstoffe wie Formaldehyd, Acetaldehyd).

Wesentlich komplizierter ist die Situation bei Biodiesel. Dieser wird aus veresterten Pflanzenölen der in den jeweiligen Ländern heimischen Ölpflanzen (Raps, Sojabohnen, Palmfrüchte, etc.) hergestellt. Die Öle bestehen aus stark variierenden komplexen Mischungen langkettiger, verzweigter und unverzweigter Fettsäuren. Der Größe und Vielfalt dieser Moleküle entsprechend entstehen bei Verbrennung tausende Produkte, unter anderem gesundheitlich problematische Schadstoffe wie (höhere) Aldehyde, Ketone, etc. Auf Grund der stark unterschiedlichen Zusammensetzung von Biodiesel ist die Konzentration von Schadstoffen in den Emissionen zur Zeit noch kaum vorhersagbar.

Erste Untersuchungen zur Aufklärung der Verbrennungsvorgänge von alternativen Treibstoffen und ihrer Verbrennungsprodukte im Vergleich zu Erdöl-basierten Treibstoffen wurden an der Universität Bielefeld begonnen und kürzlich publiziert (K. Kohse-Höinghaus et al., 2010; „Verbrennungschemie der Biokraftstoffe: von Ethanol bis Biodiesel“ Angew. Chemie 122 (21): 3652–3679).
XICY | 01. Dezember 2011 17:08
"Faktum ist, dass sich unser Planet gegenwärtig in einer Phase markanter Klimaerwärmung befindet und diese mit dem Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre aus anthropogenen Quellen, insbesondere aus der Verbrennung fossiler Energieträger sowie aus industriellen und agrarischen Aktivitäten, gut korreliert."

Würde dieses Faktum nicht implizieren, dass vor Beginn der Industriellen Revolution die Konzentration von Treibhausgasen konstant war?
phaidros | 01. Dezember 2011 17:22
Guter Gedanke. Hält aber für längere Perioden nicht, da die Treibhausgase nur einer unter vielen Einflussfaktoren sind.

Sie können sich umfassend über die Klimageschichte - und wie man sie erforscht! - auf dem Klimaportal der ZAMG informieren (http://tinyurl.com/bv93nnc ). Ausgesprochen empfehlenswert, weil unaufgeregt und sachlich!

Wenn Sie Details interessieren, empfehle ich Dr. Reinhard Böhms (ZAMG) Buch "Heiße Luft (nach Kopenhagen)" - siehe Buchtipps: http://www.andreas-unterberger.at/Tipps-und-Hinweise/Buecher/311

BG phaidros.vie@gmail.com
DerTurm | 17. Dezember 2011 14:35
Spannend daran finde ich, dass die Erwärmung bereits VOR der industriellen Revolution begonnen hat (das Maunderminimum war 1645 - 1715), und seit 1998 steigt die Fieberkurve des Planeten trotz ständig steigender Zunahme der CO2-Emissionen nicht mehr weiter an.

Nebenbei erwähnt steigt auch der globale Meeresspiegel seit einigen Jahren nicht weiter an...
DerTurm | 17. Dezember 2011 16:48
@XICY:

Nachdem ich eben im Archiv war, kann ich die Frage

"Würde dieses Faktum nicht implizieren, dass vor Beginn der Industriellen Revolution die Konzentration von Treibhausgasen konstant war?"

beantworten*:

Vor ca. 40 Mio Jahren lag der CO2 Gehalt bei 5 Moleküle CO2 in 10.000 Molekülen Luft (also 500 ppm), vor 75 Mio Jahren hatten wir 1000 ppm.
Weitere Werte (Pi mal Auge aus dem Diagramm entnommen):

Mio J. ppm
-------------
- 25 300
- 50 750
- 75 1000
-100 1300
-150 1750
-175 1200
-200 1000
-225 500
-250 3000
-275 300

Wir hatten also in der Vergangenheit über lange lange Zeit die bis zu zehnfache Konzentration an CO2 in der Atmosphäre, und das ganz ohne die böse böse industrielle Revolution und ohne SUVs.

Es ist damals auch nicht zur heute propagierten Klimakatastrophe gekommen (geschweige denn, zu einem "Thermal Runaway"), und das CO2 ist ganz von allein (oder war doch die Hand Gottes im Spiel?) wieder auf 300 ppm zurückgegangen.

Viel weniger als 200 ppm CO2 sollten allerdings nicht in der Luft sein, denn dann ist es den Pflanzen zu wenig, und sie können nicht mehr wachsen (was dann wirklich ein Amargeddon bedeuten würde).

Es ist also durchaus möglich, dass der in den letzten 50 Jahren gemessene Anstieg des atmosphärischen CO2 gänzlich durch "natürliche Variation verursacht" worden ist.

Die postulierte "globale Fieberkurve" ist allerdings definitiv voll und ganz innerhalb der natürlichen Variabilität. Die aktuellen Temperaturen rund um den Globus (und damit die jeweiligen regionalen Klimata) sind definitiv nicht "unnatürlich".

*Ich habe zwar nur eine Grafik aus "Tod aus der Tiefe", Spektrum der Wissenschaft, 03/2007, S.33 als Quelle, aber fürs erste reicht es.
phaidros | 20. Dezember 2011 05:19
@DerTurm: wie ist es zu verstehen, dass Du einerseits kritisierst, dass eine weltweit flächendeckende Temperaturmessung gar nicht vorliegt (weil Messungen größtenteils nur von Landstationen kommen - Anm.: das dafür aber täglich mehrmals von mehreren 10000 Stationen), sodass Aussagen darüber völlig irrelevant sind?

Du aber andererseits hier ppm-Zahlen für 275 Mio Jahre in die Vergangenheit als gültig präsentierst, für die es insgesamt weltweit bestenfalls einige wenige Messungen gibt.

Nicht falsch verstehen: ich erkenne die Zahlen durchaus an, verlange aber gleiches Recht für alle (Argumente).

LG phaidros
DerTurm | 21. Dezember 2011 23:33
Werter phaidros,

Es sind eben Äpfel und Ameisen (auch wenn man beides essen kann).

Beim CO2 Gehalt kapriziere ich mich nicht auf die Zahlen nach dem Komma (ob 300 oder 400 ppm ist völlig egal, aber 300 und 3000 ppm machen einen signifikanten Unterschied, der meiner bescheidenen Einschätzung zufolge als hinreichend nachvollziehbar publiziert wurde.

Bei der Temperatur ist es anders: Wir haben auf auf unserem Planeten Temperaturen zwischen 185 K und 331 K, eine mittlere Temperatur von ~ 288 K (je nach Publikation). Und bei einem Temperaturbereich von 148 K wird ein Anstieg von 0,6 K (also gerade mal 0,4%) in einer (geologisch) insignifikanten Zeitspanne als höchst problematisch (und ausschließlich auf eine einzige Ursache rückführbar) erklärt.

Meiner bescheidenen Einschätzung zufolge ist es nicht realistisch, hier von einem signifikanten Signal auszugehen, das sich vom natürlichen Rauschen hinreichend unterschiedet.

Über die Messstationen haben wir ja schon bei unserem letzten Kaffee kurz geplaudert: Es sind nicht mal mehr 10.000 Stationen, und diese decken auch nicht alle Landflächen in ausreichendem Maße ab. Hier wird viel zu viel extrapoliert. Und dann haben wir noch das UHI-Problem. Über die Qualität der Stationen (insbesondere in den hochtechnisierten USA, wo man doch beste Messungen erwarten könnte) wurde schon genug publiziert, die zu erwartende Ungenauigkeit bewegt sich in der Größenordnung von 2-5 K. Die erweiterte Messunsicherheit bei diesem verfahren lässt hier schlicht keine verlässliche Aussage mehr zu. Wer 10.000 mal Mist misst (oder meinetwegen lediglich ein signifikanter Teil der Messungen), bekommt als Ergebnis auch nur Mist.

Das Problem der Bestimmung der mittleren Temperatur eines Raumes (und damit verbunden die prinzipielle Unmöglichkeit der Ermittlung einer Globaltemperatur), sowie die äußerst schwache Signifikanz der resultierenden Zeitreihe (da bereits nach 5-10 Jahren signifikante Unterschiede bei den Messtationen auftreten), war ja auch ein Thema.

Und ja, selbstverständlich: gleiches Recht für alle.

Ich denke jedoch, die (geologisch) historische Nichtkonstanz der CO2 Konzentration, den Umstand, dass diese schon mal deutlich mehr als um den Faktor 2 höher war, ohne dass es zur globalen Katastrophe gekommen ist, und den Umstand dass dieser Anstieg ohne Verbrennungs-CO2 zustande gekommen ist, können wir als hinreichend gesichert akzeptieren.

Schönen Abend noch
Karl Rinnhofer | 01. Dezember 2011 10:10
Ein hochinteressanter, sachlicher, klar nachvollziehbarer Beitrag. Wichtig, weil gerade auf diesem Gebiet viel Halbwissen kursiert, zu desen Verbreitung fragwürdige externe Motivationen beitragen .

Leider wird Biodiesel als mögliche Alternative ausgespart;die Fokussierung richtet sich auf Boisprit. Es wäre wichtig zu erfahren, ob bei Selbstzünder-Kraftstoffen eine problemlosere Substituierung der endenden fossilen Quellen möglich ist als bei den biogenen Treibstoffen für Ottomotoren.

Wichtig und brisant erscheint die Beantwortung dieser Fragen insofernm als dem Elektroauto (infolge der in jeder Hinsicht sehr problematischen Akkumulatoren-"Hindernisse") nicht unbedingt eine Zukunft beschieden ist, individuelle Mobilität unverzichtbar (ewnn auch redimensionierbar) erscheint. Auch die notorisch gewaltig öffentliich subventionierten öffentichen Vekehrsmitel sind keineswes immer ressourcenschonend und effizient unterwegs, vor allem, wenn sie an Auslastungsproblemen leiden.
Markus Theiner | 02. Dezember 2011 07:10
Die meisten der gegen Biosprit angeführten Argumente müssen aller Logik nach auch für Biodiesel gelten. Generell für jede Energiegewinnung aus Biomasse.
Die Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion, das Problem mit Monokulturen und des notwendigen Düngereinsatzes, wenn durch die stärkere Nutzung zu viele Nährstoffe aus dem Ökosystem entnommen werden.

Wenn Biodiesel allenfalls bei der Herstellung aus der Biomasse oder dann bei der Verbrennung energieeffizienter ist/genutzt werden kann, dann ist das zwar schön, aber nur ein gradueller Unterschied. Die grundlegenden Probleme bleiben.

Man sieht es ja auch am großen Vorbild Güssing. Einen kleinen, relativ dünn besiedelten Bezirk kann man mit Energie aus Biomasse versorgen und das sogar ökonomisch erfolgreich, wenn man die richtigen Synergien nutzt (Holzindustrie, Tourismus). Dafür muss man dann Nahrungsmittel importieren, weil man kaum mehr Anbaufläche verfügbar hat. Versucht man das Modell auf ganz Österreich auszudehnen, mit einer doppelt so hohen Bevölkerungsdichte und deutlich höherem Anteil an schwer bis garnicht land- oder forstwirtschaftlich nutzbaren Flächen, dann geht das erst recht schief.

Auch erneuerbare Energien stehen nunmal nicht unbegrenzt zur Verfügung. 7+ Milliarden Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen ist schon schwer genug. Wenn die dann auch noch alle mit dem Auto fahren wollen, dann brauchen wir dringend eine Klimaerwärmung um die eisigen Weiten Kanadas und Russlands mit Plantagen überziehen zu können, sonst werden wir da nicht sehr weit kommen.
DerTurm | 16. Dezember 2011 23:20
Werter Herr Rinnhofer,

Biodiesel ist so ziemlich das Schlimmste, womit man ein Kraftfahrzeug befeuern kann. Die Umwelt- (und CO2-) Bilanz von Biodiesel ist deutlich schlechter, als jene von "natürlichem Diesel". Dies sagt sogar Greenpeace (und die sind ja eine der größten Klimaritter: http://www.greenpeace.de/themen/sonstige_themen/feinstaub/artikel/biodiesel_mogelpackung_auf_kosten_der_umwelt/ )

Abgesehen davon habe ich kürzlich eine Publikation elsen, welche zeigt, dass bei der Bewertung der CO2-Bilanz (dieses Konzept halte ich grundsätzlich für Unfug, aber das ist eine andere Geschichte) von so genannten Biokraftstoffen bislang grobe Fehler gemacht wurden, weil jene Pflanzungen ignoriert wurden, welche den Spritpflanzen weichen mussten. Biosprit hat daher nur dann eine brauchbare Co2-Bilanz, wenn Ödland bepflanzt wird (was dann aber bei größerem Einsatz von Dünger, Geräten usf. schnell eine problematische Umweltbilanz ergibt).

Ich hatte kürzlich einen guten Übersichts-Artikel zu dem Thema gelesen, finde diesen aber im Moment nicht.

Und ja: das Elektroauto ist meiner bescheidenen Meinung nach auch eine Sackgasse, da wir nicht mal 10% der Welt mit Batterien ausstatten können (unter anderen Rogsatoffen würde das für die Batterien benötigte Kobalt dann bald teuer, als Gold).

Schönen Abend noch, La Maison Dieu
Karl Rinnhofer | 17. Dezember 2011 01:19
@Der Turm, Markus Theiner
Ich danke für diese wichtigen Zusatzhinweise. Ich wäre falsch verstanden worden, dass ich Biodiesel eine Priorität einräume, vermißte nur im Ursprungsartikel dessen Erwähnung; dass es auch bei diesem Schattenseiten gibt, ist offensichtlich. Allerdings sollte der relativ gute Wirktungsgrad von Selbstzündern infolge der nicht vorhandenen Drosselverluste, der sehr hohen Verdichtungen, der Drehmomentmaximierung nicht außer Acht gelassen werden.

Es wäre trostlos, wenn die endliche Energiequelle fossiler Kraftstoffe der Weisheit letzter Schluss bliebe. Es wird nicht anders gehen als: Integrierte Systeme (Öffentlicher Verkehr/Individualverkehr), Mobilitätsverhalten hinterfragen, Wachsstumsideologie auch bei Bevölkerungswachstum als Sackgasse erkennen. Ich hoffe damit nicht wirtschaftsfeindlich argumentiert zu haben.

Die Skepsis dem akkubetriebenen Elektroauto (ach -mopeds, -morräder, -motorroller; am ehesen funktioniert es noch bei E-Fahrrädern neuer Generation)gegenüber (genauso wie den Hybridfahrzeugen außerhalb von Stop-and-Go-Zonen) teile ich absolut. Da dürfte der Brennstoffzelle noch eher die Zukunft gehören.
DerTurm | 18. Dezember 2011 13:53
Werter Herr Rinnhofer,

Der Dieselmotor ist dem Ottomotor nunmal prinzipiell überlegen (insbesondere weil er unter Teillast einen brauchbaren Wirkungsgrad hat) - er ist halt politisch nicht opportun.

Ich persönlich (als Chemieingenieur) halte Verfahren für sinnvoll, bei denen andere Kohlenwasserstoffe in "Benzin oder Diesel" umgewandelt werden. Die Gasvorkommen reichen beispielsweise noch für etliche hundert Jahre. Aber auch das ist leider nicht politisch opportun, da nicht ökobio genug.

Professor Kordesch (King of Batteries) fur schon in den 60er Jahren mit einem Brennstoffzellenauto durch Österreich, heute darf man dieses im technischen Museum bewundern. Diese Technologie ist immer noch nicht alltagstauglich.

Und gerade die eBikes halte ich für eine Totgeburt, die lediglich dazu dient, Subventionen in die Kassen der Hersteller zu spülen. Von einer Alltagstauglichkeit (Verlässlichkeit) sind diese Spielzeuge für Erwachsene meilenweit entfernt.
Karl Rinnhofer | 20. Dezember 2011 00:44
@Der Turm
Ich danke für Ihren sachkundigen Beitrag, dessen Aussagen ich teile.

Problem ist neben der von Ihnen dankenswerter Weise erwähnten“ politischen Opportunität“, - die manche Entwicklungsoptimierung im Vorfeld aus dem Verkehr zieht - auch die notorisch punktuelle, nicht integrative Betrachtungsweise: Am Beispiel Elektrofahrzeuge, bei denen man naiv die Stromkosten allein betrachtet , und die gesamte Akkumulatorenproblematik, Energiekette, externe (keineswegs immer umweltfreundliche) Energieerzeugung samt diversen Verlusten bei Transport und (wärmeerzeugenden) Ladevorgängen und –Entladungsverlusten sowie die riesige Ressourcenerfordernis (z.B. für Lithium-Jonen-Akkus) für die kurzlebigen Akkumulatoren ausklammert. Oder die maßlos überschätzten Hybridfahrzeuge, die zwei „gewichtige“ Antriebssysteme mit sich schleppen müssen, um bestenfalls im Stop-and-Go-Betrieb zu reussieren. Selbst das (an sich schlüssige) Range-Extender-Prinzip ist kontraproduktiv, wenn statt der angekündigten Leicht-Wankelmotoren, die in konstanter Drehzahl wirkungsgradoptimiert laufen könnten, neuerdings konventionelle, schwere Vierzylinder-Benziner verwendet und damit das PKW – Leer-Gewicht auf 2 Tonnen treibt; und dieses nicht gerade intelligente Gesamtkonzept zu einem sich nie rechnenden Preis an Versuchskaninchen verhökern. (Beispiel: Ampera)
Ein weiteres Beispiel: Der „umweltfreundliche“ öffentliche Verkehr: Wenn nicht annähernd ausgelastete Dieselzüge ihre leeren Sitzplätze elektrisch (Dieselgeneratoren) beheizen, klimatisieren, beleuchten, hunderte Tonnen beschleunigen und bremsen und durchaus nicht verbrauchsoptimierte (teilweise Zweitakt!) Dieselmotoren (noch) Verwendung finden – um eine Handvoll Passagiere zu befördern.
Ein Bahnbusfahrer erzählte mir, dass seine Busse auf seiner Stammstrecke „mit nicht unter 50 bis 60 Liter Diesel / 100 km auskommen“ und er meist nur sich und einen bis zwei Fahrgäste, aber kaum je über 10, befördert. So „umweltschonend“ kann der „gute“ öffentliche Verkehr sein, wobei sein gewaltiger, von der steuerzahlenden Öffentlichkeit viel zu wenig hinterfragte Subventionsbedarf gar nicht eingerechnet ist.

Zu ihrer (grosso modo richtigen) Bewertung der E-Bikes: Ich teste diese seit zwei Jahren und glaube alle Bauarten zu kennen; die Ergebnisse sind ernüchternd, etwa 95 Prozent sind „zum Vergessen“, der kümmerliche Rest funktioniert prima vista passabel – doch unter dem Strich teurer als ein Taxi. Erst recht sind Elektroautos, -Mopeds-, -Motorräder sind nichts anderes als Betrug am Kunden, die aus unerfindlichen Gründen bereit sind, der Exklusivität willen horrende Beträge dafür zu zahlen, um bei minimalen Reichweiten fernab optimistischer Prospektangaben auf freiem Feld zu sehen und nicht einmal mit alternativer Pedalkraft nach Hause kommen, nicht bemerken, zu sponsorenden Versuchskaninchen degradiert zu werden.

Auch ihre Wertung des „nicht politisch opportunen Dieselmotors“ teile ich: Übersehen wird notorisch, dass er in der NOVA, aber auch in der infolge hohen Anschaffungspreises in Absolutbeträgen betrachtet unvergleichlich höheren Mehrwertsteuer benachteiligt – und nicht wie oft behauptet steuerlich begünstigt - ist. Der Wirkungsgrad ist deutlich besser als beim Ottomotor, der CO2-Ausstoß ist - auf den gefahrenen Kilometer bezogen –
geringer.