Gottfried Schatz
Gottfried Schatz | 02. Februar 2012

Sprachwerdung - Wie Wissenschafter der Geburt menschlicher Sprache nachspüren

Nichts adelt uns Menschen mehr als die Fähigkeit zur Sprache. Sie fehlt selbst unserem nächsten biologischen Verwandten, dem Schimpansen, dessen Laute stereotyp und angeboren sind. Manche Singvögel lernen zwar ihren Gesang von den Eltern und können ihn sogar individuell gestalten, doch nichts spricht dafür, dass sie mit ihm komplexe oder gar abstrakte Gedanken vermitteln. Auf unserem Weg zur Menschwerdung war das Werden von Sprache der bisher letzte und grossartigste Höhepunkt.

Ein Dorf und eine Schule

Doch wie begannen wir zu sprechen? Lange schien es unmöglich, diese Frage zu beantworten, da Sprachen meist vor Jahrtausenden entstanden und keine versteinerten Fossilien hinterliessen. Viele Forscher vermuten seit langem, dass Sprache ein Kind der Gestik ist, die mit Arm- und Handzeichen begann, dann das Gesicht mit einbezog und schliesslich Gesichtsausdrücke durch Mund- und Kehlkopflaute «verinnerlichte». Diese Vermutung wird nun durch Beobachtungen gestützt, die unterschiedlicher nicht sein könnten und eindrücklich die Einheit aller Wissenschaft zeigen.

Kinder lernen im Gazastreifen Gebärdensprache (Bild: Reuters)

Einer dieser Hinweise kam aus einem Beduinendorf in der Negevwüste Israels. Fast alle der etwa dreitausendfünfhundert Dorfbewohner entstammen einer einheimischen Al-Sayyid-Beduinin und einem ägyptischen Zuwanderer, die vor zweihundert Jahren die Dorfgemeinschaft gründeten und ihr eine Erbanlage für Gehörlosigkeit bescherten. Und da Inzucht im Dorf die Regel war, gab es nach etwa vier Generationen bereits viele Gehörlose. Heute, nach drei weiteren Generationen, sind etwa hundertfünfzig Dorfbewohner gehörlos und verständigen sich nicht nur untereinander, sondern auch mit ihren anderen Dorfgenossen in einer Gebärdensprache, die jeder im Dorf beherrscht und Gehörlose vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft sein lässt.
Die «Al-Sayyid-Gebärdensprache» entstand also vor etwa siebzig Jahren und entwickelte im Verlauf von nur einer Generation einen reichen Wortschatz und eine eigene Grammatik, die sich von der Grammatik der in Israel gelehrten Gebärdensprache und der Regionalsprachen Arabisch und Hebräisch unterscheidet. Da aber für Menschen Sprache nicht nur Werk-, sondern auch Spielzeug ist, verändern die Dorfbewohner ihre Gebärdensprache ohne Unterlass, wobei vor allem Kinder als treibende Kraft wirken. Jede der drei noch lebenden Generationen «spricht» die Gebärdensprache also leicht anders – und die jüngste Generation spricht sie doppelt so schnell wie die älteste und verwendet auch komplexere Sätze. Die Geburt und die Entwicklungsstufen dieser jungen Sprache sind also wie in einer freiliegenden geologischen Verwerfung klar erkennbar.

Ein normal intelligentes Menschenkind erlernt mühelos selbst mehrere Sprachen. Und wenn einem gehörlosen Kind Lehrmeister fehlen, erfindet es seine eigene Gebärdensprache, um sich anderen mitzuteilen. Diese individuellen Gebärdensprachen sind jedoch nicht entwicklungsfähig, da ihnen die Wechselwirkung mit einer «gleichsprachigen» Gemeinschaft fehlt. Als jedoch Nicaragua nach der Revolution von 1979 Hunderte von gehörlosen Kindern zum ersten Mal in eigenen Schulen zusammenführte, erfanden die Kinder in nur wenigen Jahren ihre eigene Gebärdensprache. Sie entwickelte sich ohne Zutun der Lehrer gewissermassen aus dem Nichts und gewann laufend an Komplexität, weil die Kinder sie von ihren älteren Kameraden lernten und dann auch später untereinander verkehrten. Lokale Gebärdensprachen haben sich in mehreren isolierten afrikanischen und asiatischen Dörfern entwickelt, in denen Gehörlosigkeit endemisch war. Sie sind Fenster, die uns die Geburt einer Sprache beobachten lassen. – Welche Gene steuern eine solche Geburt, und wie haben sich diese Gene während der Entwicklung des modernen Menschen verändert? Erste Antworten lieferten Untersuchungen an einer britisch-pakistanischen Familie, in der jedes zweite Mitglied grosse Mühe hat, verständlich zu sprechen, Gesprochenes zu verstehen oder nachzuahmen und den Gesichtsausdruck zu kontrollieren.

Ein Gen

Der Erbgang dieser Krankheit sprach dafür, dass sie den Ausfall eines einzigen Gens widerspiegelte. Forscher spürten dieses Gen auf und tauften es «FOXP2». Obwohl jede Körperzelle von ihm zwei Kopien besitzt, genügt der Ausfall von nur einer, um die Krankheit auszulösen. Das Gen koordiniert die Aktivität von Hunderten, vielleicht sogar von Tausenden anderer Gene und sichert so die geordnete Entwicklung komplexer Lebewesen. Es findet sich in fast identischer Form auch in Affen und Mäusen, hat sich also im Verlauf von vielen hundert Millionen Jahren nur sehr wenig verändert. Doch nachdem vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika unsere ersten menschenähnlichen Vorfahren aufgetreten waren, veränderte sich deren FOXP2-Gen an zwei wichtigen Stellen und gewann so wahrscheinlich zusätzliche Funktionen.

Vor einer halben Million Jahren war diese neue Genvariante bereits fester Bestandteil des Erbgutes aller modernen Menschen. Könnte es sein, dass diese ihren beispiellosen Erfolg auch ihrem veränderten FOXP2-Gen und der von ihm geförderten Entwicklung einer komplexen Sprache verdanken? Das Gen ist besonders in den Hirnregionen aktiv, die Sprache, Grammatik, Kontrolle der Gesichts- und Mundmuskeln und die Fähigkeit zu Nachahmung betreuen. Es ist für die Entwicklung des Sprechens zwar unerlässlich, aber dennoch kein spezifisches «Sprachgen», da es auch für die Entwicklung von Lunge, Darm oder Herz wichtig ist. Wahrscheinlich ist es nur eines von vielen Genen, die uns die anatomischen und neurologischen Voraussetzungen für Sprechfähigkeit und Sprache schenken. Leider wissen wir noch nicht, ob es auch für die spontane Entwicklung oder Beherrschung einer Gebärdensprache notwendig ist. Untersuchungen zur Rolle dieses Gens und zur Entwicklung neuer Gebärdensprachen versprechen uns faszinierende Einblicke in das Werden menschlicher Sprache.

Ich fühle das Wunder dieses Werdens, wenn ich meinem kleinen Enkel das Wort «Opa» vorspreche, er mit höchster Anspannung zuhört – und dann mit einem Baby-Gurgeln antwortet, das jede Woche mehr wie «Opa» klingt. Wann wird er wohl den ersten Kinderreim nachsprechen? Diese Momente zeigen mir ebenso eindrücklich wie die spontane Entwicklung einer Gebärdensprache in den Sonderschulen Nicaraguas, wie wichtig menschliche Gemeinschaft für die Entwicklung einer differenzierten Sprache ist.

Eine solche Sprache ist aber auch Voraussetzung für jede dauerhafte menschliche Gemeinschaft, weil sie uns abstrakt denken und Wissen und Wertvorstellungen an nachfolgende Generation weitergeben lässt. So gesehen sind selbst die Werke unserer Dichter und Philosophen letztlich Gemeinschaftswerke. Das komplexe Band, das mich mit meinem Enkel im Drang nach Sprache und Gemeinsamkeit vereint, ist aus den Fäden unserer Gene gewirkt. FOXP2 ist nur eines von vielen. Wenn wir einmal alle diese Gene kennen, werden wir vor der grossen Frage stehen, wie dieser Drang in ihnen verschlüsselt ist.

 

Anmerkungen der Redaktion

Über den Autor:

Em. Univ.-Prof. Dr. Gottfried Schatz, geboren 1936, ist einer der bedeutendsten Biochemiker unserer Zeit. Er studierte Chemie und Biochemie an der Universität Graz und forschte an der Universität Wien, am Public Health Reseach Institute New York, an der Cornell University (Ithaca, NY) und am Biozentrum der Universität Basel zum zentralen Thema Mitochondrien. Er war Mitentdecker der mitochondrialen DNA und klärte den Mechanismus des Proteintransports in Mitochondrien auf.  Schatz ist Träger vieler hochrangiger Preise und Ehrungen, Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien und Vorsitzender bedeutender Organisationen und Gremien. Mit dem Ziel: „Wissenschaft verständlich machen“ betätigt sich Schatz auch als Essayist und Buchautor.

Details: www.science-blog.at/Autoren


Links zum Thema

Eine sehr sehenswerte Dokumentation, die auf arte ausgestrahlt wurde, gibt es auf youtube: 
»
So entstand unsere Sprache« (1. von 4 Teilen, übrige werden zur Auswahl angeboten, Gesamtdauer ca. 50')

 

Leser-Kommentare
clothing factory | 03. Mai 2015 19:25
Der Großteil unserer Kommunikation ist ja auch heute noch non-verbal!

Das, was wir mit einzelnen Wörtern und Sätzen sagen wollen, ist doch nur ein winziger Bruchteil dessen, was wir empfinden, was sich aber nicht konkret in Worte fassen läßt. Wenn wir etwas als schön bezeichnen, vermitteln wir mit unserer Mimik und unseren Gesten ungeheuer mehr an Information als mit dem gesprochenen dürren Satz.

Wie wird sich unsere verbale/non-verbale Sprache weiterentwickeln, wenn Kommunikation mehr und mehr über Handys, SMS, Facebook, etc. erfolgt?
turmbau babel GesmbH | 11. Februar 2012 19:05
@ schreibwas 8.2. 18:32

"die Gewichtung und folglich Bewertung der Information wird erst ermöglicht durch Bildung"

damit stimme ich völlig überein. Ich habe auch keine Angst vor der Informationsflut, im Gegenteil ich genieße es ungemein Details zu interessierenden Fragen aufzustöbern, Sachverhalte von verschiedenen Seiten aus beschrieben zu lesen.

Allerdings betraf mein Kommentar die Frage, wohin sich Sprache ganz allgemein entwickelt, wenn ein Großteil der Kommunikation in Kürzeln und ohne persönlichen Kontakt erfolgt.
turmbau babel GesmbH | 08. Februar 2012 16:36
@schreibwas

nach den "sieben" mageren, "sprachlosen" Jahren kamen "sieben" fette jahre mit sprache und mündlicher (jedoch kurzlebiger) weitergabe von information.

die folgende flut an information überstieg die weitergabe-möglichkeiten und mündete wieder in "sieben" mageren jahren, bis dann die "informations-abstrahierende" schrift als effizienterer neuer - dennoch temporärer - speicher aufkam.

in unserer zeit versprechen uns neue speichermedien, daß wir alles und jedes in unbegrenzter menge und ohne zeitlimit speichern können und jederzeit verfügbar haben. was passiert nun in anbetracht dieser fülle an information und den daraus resultierenden ungeahnten möglichkeiten?

unsere sprache und damit unsere kommunikation regrediert - wird abstrahiert zu SMS, zu einzeiligen facebook kommentaren -, ebenso regrediert unsere schrift - negiert jahrhundertelange entwicklungen von begriffen und formulierungen und wird zu "headlines", TV-spots, genderisiertem unfug und sinnentleertem raten (multiple choice ankreuzen).

was müssen/sollen wir tun um dieser sich anbahnenden sprachlosigkeit und schriftverhunzung entgegenzuwirken???????
schreibwas | 08. Februar 2012 18:32
@babel, 8.2. 16:36

Ich bin da etwas optimistischer!

Immer wieder wird die "Informationsflut" ins Treffen geführt, mit der uns das neue Medium Internet (das aus weitaus mehr besteht als bloß dem WWW, das wir hier benützen) fortspült. Sie fragen, was passiert in Anbetracht dieser Fülle an Information. Meine Antwort ist simpel: gar nichts. (Vielleicht abgesehen davon, dass die diversen Posteingänge noch etwas mehr überquellen, als sie das ohne "gezieltes" = datenbasiertes Marketing getan haben)

Immer wieder halte ich entgegen: hat schon einmal jemand Beklemmungen verspürt, während er an einer Bibliothek, einer Universität oder einem schlichten Buchladen vorbeigegangen ist? Kaum. Die dort vorhandene Informationsmenge ist aber ebenfalls um etliche 10er-Potenzen außerhalb der menschlichen Reichweite.

Woher kommt diese Diskrepanz? Ganz einfach: weil "das Internet" uns die Information scheinbar nahebringt. Daraus ergibt sich der Wahn, sie auch entgegenzunehmen, aber das ist - ebenso wie das Lesen sämtlicher Bücher eines Buchhändlers - völlig unnotwendig.

Natürlich versprechen, ganz wie Sie sagen, neue Speichermedien unbegrenzte Aufbewahrung. Aber was ist dadurch gewonnen? Daten sind nicht Information, Information ist nicht Entscheidung. Erst die bewertete Information ermöglicht die Entscheidung, und die Gewichtung und folglich Bewertung der Information wird erst ermöglicht durch Bildung. Schwanitz schreibt in seinem etwas provokanten gleichnamigen Buch zum Thema sinngemäß, gemessen in Bits und Bytes hat die Frisörgehilfin mit Songtexten und Adelsstammbäumen vielleicht etwa ebenso viel Information angesammelt wie seinerzeit ein Newton. Aber diese ihre Sammlung hat halt keine starke, die Zeit überdauernde Struktur. Die kann eben erst durch Bildung entstehen. Schön herausgearbeitet fand ich das.

Und an diesem Prinzip kann kein Speichermedium und keine Suchmaschine etwas ändern. Ungesichtete Daten sind wertlos, Suchmaschinen kristallisieren allenfalls Information aus ihnen heraus. Aber eine Bewertung muss dem Menschen überlassen bleiben. So lehne ich bspw. - so weit das überhaupt geht - alle Suchmaschinen ab, die Inhalte bewerten. Gut gemeint - aber im Sinne von Hugo Wiener eben das Gegenteil von gut: woher will die Maschine wissen warum ich etwas suche?) Auch versuche ich, elektronisch so wenige Spuren wie möglich zu hinterlassen. Nicht zu twittern, tweeten, facebooken oder wie immer irgendsoein vertrottelter letzer Schrei heißt, ist dafür selbstverständlich. Das macht auch wieder Zeit frei, um Information - die ich selbst ausgewählt habe - zu sichten, zu bewerten und strukturiert entgegenzunehmen.
sprechnix | 04. Februar 2012 11:43
Der Großteil unserer Kommunikation ist ja auch heute noch non-verbal!

Das, was wir mit einzelnen Wörtern und Sätzen sagen wollen, ist doch nur ein winziger Bruchteil dessen, was wir empfinden, was sich aber nicht konkret in Worte fassen läßt. Wenn wir etwas als schön bezeichnen, vermitteln wir mit unserer Mimik und unseren Gesten ungeheuer mehr an Information als mit dem gesprochenen dürren Satz.

Wie wird sich unsere verbale/non-verbale Sprache weiterentwickeln, wenn Kommunikation mehr und mehr über Handys, SMS, Facebook, etc. erfolgt?
schreibwas | 05. Februar 2012 13:09
sprechnix

Also, ob das ein Großteil ist, bleibe einmal dahingestellt.

Das Konzept "Schrift" ist ja auch über die Jahrtausende eine Erfolgsgeschichte. Geschriebenes (sowohl in Form von Literatur wie auch als Dokumentation) hat seinen unbestreitbaren Wert, und ich gehe so weit zu sagen, dass das der zweite große Schritt zur Kulturfähigkeit des Menschen war. Das Medium Telefon wurde von der Menschheit begeistert angenommen.

All das ist pure Verbalität, ohne jegliche nonverbale Anteile.

Nonverbale Kommunikation steht seit Jahrzehntausenden zur Verfügung, aber erst die Entwicklung von erstens Sprache und zweitens Schrift brachten die Menschheit nah vorne.

Aber ein großer Teil sicher, das bestreite ich nicht