Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang…

Echte - leider - ebenso wie frei erfundene Ereignisse und Katastrophen beschäftigen seit jeher den Menschen. Das ist auch gut so, zeugt es doch vom prinzipiell vorhandenen Interesse an der Natur der Dinge und dem Verständnis des eigenen Platz in der Welt. Doch was unterscheidet wahre Sachverhalte von sensationsgieriger Auflagentreiberei?

Franz Kerschbaum für den Science-Blog:

So singt Knieriem in Nestroys „Lumpazivagabundus“ und trifft damit punktgenau die zeitlose Grundeinstellung vieler Menschen. Unglücke, Katastrophen – angekündigte und wirklich stattgefundene – finden große mediale Verbreitung. Eine besondere Kategorie dieser „beliebten“ Katastrophen bilden die regelmäßig wiederkehrend angekündigten Weltuntergänge mit per Definition geradezu kosmischer Bedeutung. Hier kommt nun endlich meine Profession als Astronom ist Spiel. Kaum steht in Zeitungen etwas über erhöhte Sonnenaktivität, einen schönen Kometen am Abendhimmel, Mond in Erdnähe oder gar einen Kleinplaneten auf (vermeintlichem) Erdkurs, glühen bei uns an der Universitätssternwarte die Telefone und neuerdings auch die elektronischen Postfächer…

Der Sonn’ ihr G’schundheit ist jetzt a schon weg,
Durch’n Tubus sieht man’s klar, sie hat die Fleck’; …

Wie schon zu Nestroys Zeiten geht’s mit der Aktivität unserer Sonne ziemlich regelmäßig auf und ab. In einem zirka zweimal elf Jahre langen Zyklus zeigen sich mehr oder weniger Sonnenflecken - kühlere Stellen auf der Sonnenoberfläche. Auch spektakulärere Phänomene wie koronale Massenauswürfe korrelieren damit und so ist es nicht verwunderlich, dass nach einem langen Sonnenfleckenminimum nun im ersten Halbjahr 2012 wieder öfters hochverdünnte Sonnenmaterie Richtung Erde geschleudert wird, die wunderschöne Polarlichter in die Hochatmosphäre zaubert. Natürlich gibt es dabei auch ein gewisses Gefährdungspotential – in der Vergangenheit gab es schon Stromausfälle oder Satellitenschäden – doch man hat daraus gelernt und ist durch die dauernde Überwachung der Sonne gut vorgewarnt. Also keine Panik; das Leben auf der Erde und damit auch wir Menschen halten das schon recht lange aus!

Am Himmel is die Sonn’ jetzt voll Capriz,
Mitten in die Hundstag’ gibt s’ kein´ Hitz’;

Auf scheinbar ausschließlich schneelose Winter folgen heute durchgehend verregnete Sommer – so ganz anders als es noch in unserer Kindheit war, als in der Erinnerung endlose, winterliche Rodelpartien mit sommerlichen Badefreuden wechselten! Als Astronom werde ich mich nicht näher mit der teils panischen Klimadebatte auseinandersetzen und verweise gerne auf den Science-Blog Beitrag „Erdfieber. Das Unbehagen der Wissenschaft bei der Klimadebatte“. Doch zu einer Katastrophenprognose fühle ich mich ausreichend kompetent: Unsere Sonne wird das Erdklima langfristig zu unseren Ungunsten beeinflussen und spätestens, wenn in einigen 100 Millionen Jahren die Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche die 100 Grad Celsius Marke durchstößt, die Volksseele sprichwörtlich und real zum Überkochen bringen.

Es is kein’ Ordnung mehr jetzt in die Stern’, D’ Kometen müßten sonst verboten wer’n.
Ein Komet reist ohne Unterlaß um am Firmament und hat kein’ Paß;

Buchdeckel: Littrow, Weiss, 1885; Foto: Franz Kerschbaum

Buchdeckel: Littrow, Weiss, 1885 ; Foto: Franz Kerschbaum

Schon immer faszinieren Kometen! Wie in Nestroys Kometenlied fürchten sich schon seit den Zeiten der Saurier Erdlinge vor den potentiell wirklich katastrophalen Folgen auf der Erde einschlagender Kometen und Kleinplaneten. Den möglichen globalen Schäden steht aber zum Glück die extreme Seltenheit solch fataler Ereignisse gegenüber. Während sternschnuppengroße Körper fast ununterbrochen auf die Erde oder besser die Erdatmosphäre treffen sind etwas größere (bis 10m) schon deutlich seltener: nur etwa 500 erreichen jährlich in kleinen Bruchstücken den Erdboden. Ein Tod durch Blitzschlag ist viel wahrscheinlicher als von diesen letztlich vielleicht faustgroßen Brocken erschlagen zu werden. Bei den wirklich gefährlichen Größeren wird es deutlich seltener: Körper größer als 50m treffen die Erde alle 1000 Jahre, größer 1km alle 500.000 Jahre, größer 5km alle 10 Mill. Jahre und der Einschlag des etwa 10km großen „Saurierkillers“ liegt schon 65 Mill. Jahre zurück!

Heute wird diese Gefährdung von Forschung aber auch internationalen Organisationen sehr ernst genommen und eine Reihe von Himmelsüberwachungsprogrammen suchen Nacht für Nacht potentiell der Erde in ferner Zukunft nahekommende Objekte. Mittlerweile gehen dabei selbst größere Sternschnuppen VOR dem Eindringen in die Erdatmosphäre ins Netz! Im Jahr 2008 wurde erstmals ein kleiner Asteroid 20 Stunden vor dem Einschlag angekündigt und niedergegangene Fragmente von zusammen gut 10kg im Sudan gefunden.

Auf Grund all dieser umfangreichen Beobachtungsprogramme lassen sich Einschläge globalen Ausmaßes über für uns heutige Menschen relevante Zeiten so gut wie ausschließen. Bei neu gefundenen Körpern kann es wegen der anfangs noch schlecht bekannten Bahndaten zur Vorhersage von sehr unwahrscheinlichen Kollisionen mit der Erde kommen. In den letzten Jahren gab es aber immer innerhalb von wenigen Wochen völlige Entwarnung!

Die Millichstraßen, die verliert ihr’n Glanz,
Die Milliweiber ob’n verpantschen s’ ganz;

Eine Kombination aller möglichen Katastrophenszenarien findet man beim zur Zeit aktuellen Weltuntergangstag knapp vor Weihnachten 2012. Durch eine Unzahl von Publikationen kommerziell begleitet wird dann, angeblich von den Mayas mit dem Ende ihres Kalenders vorhergesagt ein Zusammentreffen einer Vielzahl von kosmischen Ereignissen unsere Welt sprichwörtlich auf den Kopf stellen: Milchstraßenstrahlung(?), Sonneneruptionen, Erdpolsprünge, Planetenkollisionen, Überschwemmungen und mehr werden uns wieder einmal den Garaus machen. Natürlich ist astronomisch genauso wie an allen in der Vergangenheit befürchteten Weltuntergängen nichts dran. Die Erde wird sich weiterdrehen und die Propheten des Untergangs werden mit neuen Büchern und neuen Vorhersagen kommerziell genauso erfolgreich sein wie immer. Besonders „runde“ Kalendertermine wie eben im Falle der Maya oder zuletzt im Jahr 2000 werden immer wieder die Kreativität der Apokalyptiker beflügeln.

…’s bringt jetzt der allerbeste Astronom
Kein’ saub’re Sonnenfinsternis mehr z’amm’…

Dass selbst anerkannte Wissenschaftler nicht davor gefeit sind, solcher Apokalyptik zu verfallen soll noch durch das Beispiel eines der Gründerväter der Grünbewegung in Österreich, dem 2007 verstorbenen Geologen Alexander Tollmann verdeutlicht werden. Nach seiner Wissenschaftskarriere folgte eine kurze in der Politik Anfang der 1980er Jahre. Darauf wandte er sich mehr und mehr der „Sintflutforschung“ zu, die ihn letztlich zur Prophezeiung einer weltweiten Katastrophe anlässlich der auch in Österreich beobachtbaren totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999 führte. Dieses Ereignis versuchte er in seinem Waldviertler Bunker zu überleben…

Und jetzt richt´t a so a Vagabund
Und die Welt bei Butz und Stingel z’grund;

Wenn es wirklich Gefahren für Welt und Menschheit gibt, dann gehen sie wohl eher von uns selbst aus – oder um es frei mit Falco zu sagen:

…der Komet kommt zu spät, frag nicht!

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Zwei aktuelle Buchempfehlungen, zu Werken, die sich mit (möglichen) astronomischen Katastrophen kompetent und unaufgeregt auseinandersetzen sowie der Feder österreichischer Autoren entstammen, sollen auch genannt werden:

Arnold Hanslmeier: Kosmische Katastrophen: Weltuntergänge. Was sagt die Wissenschaft dazu?, Vehling Verlag, 2011, ISBN-13: 978-3853332009

Florian Freistetter: Krawumm!: Ein Plädoyer für den Weltuntergang, Ecowin Verlag, 2012, ISBN-13: 978-3711000255


Anmerkungen der Redaktion

Weiterführende Links

EIne hervorragende Seite, die sich auch explizit dem Kampf gegen die pseudowissenschaftliche Sensationsmacherei widmet, betreibt - nein nicht Don Quichote, sondern - der Österreicher Florian Freistetter  (siehe die Buchempfehlung des Autors "Krawumm!") mit seinem Blog Astrodictium simplex

Der Autor

Franz Kerschbaum wird hier etwas näher vorgestellt.