Ist Gerechtigkeit eine Kategorie in der Forschungspolitik?

Vor rund zwei Wochen wurde eine langfristige Finanzierung für das Institute of Science and Technology (IST) Austria in Milliarden € Höhe vereinbart. Dies hat einen Sturm der Entrüstung bei anderen, im internationalen Vergleich als exzellent eingestuften Institutionen hervorgerufen, deren Budget reduziert wurde. Christoph Kratky, Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), d.i. der zentralen Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung Österreichs, nimmt dazu Stellung und schreibt über:„Wie sieht eine gerechte Verteilung von Fördermitteln aus? Kann und/oder muss ein Forschungssystem überhaupt „gerecht“ sein?

Christoph Kratky für den Science-Blog

Wir erleben zurzeit eine heftige Debatte um die Finanzierungszusage für das IST Austria. 1,4 Milliarden Euro für 10 Jahre, und dies zu einer Zeit, in der die Unis darben (trotz fast einer Milliarde Euro mehr für die kommende 3-Jahres-Periode der Leistungsvereinbarungen – aber das System ist bekanntlich unterfinanziert) und in der die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit einem stagnierenden Budget auskommen muss, mit dem nicht einmal die laufenden Kosten aller ihrer Institute abgedeckt sind. Der Chef der Universitärenkonferenz „freut sich für das IST Austria über die Finanzierungszusage, findet aber auch, dass jede Forschungseinrichtung prinzipiell die gleichen finanziellen Möglichkeiten bekommen sollte.“ Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) „sieht darin eine völlig ungerechtfertigte Bevorzugung des IST Austria … offensichtlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen“ und “wir protestieren nicht aus Neid oder Eifersucht, wir wehren uns gegen die eklatante Ungleichbehandlung und Diskriminierung der Akademie wie jeder anderen Forschungseinrichtung in Österreich, die Spitzenforschung betreibt.“ Man fordert Gleichbehandlung, was für die ÖAW 25 Millionen Euro mehr pro Jahr vom Staat bedeutet.

Auch die weltbekannten Quantenphysiker von der Universität Innsbruck haben sich zu Wort gemeldet: Die Labor-Infrastruktur in Innsbruck leidet eklatant unter dem Zustand der Gebäude. Es gebe keine Räume mehr für den wissenschaftlichen Nachwuchs und von langfristiger Planungssicherheit könne keine Rede sein. Angesichts dessen seien die 1,4 Mrd. Euro für das IST eine dramatische Schieflage in der österreichischen Forschungslandschaft.

Kurzum: der Vertrag zwischen Bund und Land Niederösterreich über den Finanzrahmen für das IST Austria wird von vielen als Provokation empfunden. Man spricht von Ungleichbehandlung und Schieflage. Der Ärger ist verständlich, und die Forderungen sind nachvollziehbar. Unbestreitbar ist auch, dass der Zeitpunkt der Bekanntgabe der Vereinbarung unglücklich gewählt war.

Die Finanzierungszusage an das IST Austria gilt für die Jahre 2017 bis 2026, d.h. für einen Zeitraum, zu dem möglicherweise keiner der zurzeit politisch Verantwortlichen noch im selben Amt sein wird. Bis dahin werden – wenn man den politischen Ankündigungen Glauben schenken darf – 2% des BIP für die tertiäre Bildung und 1% des BIP für die Grundlagenforschung aufgewandt werden. Zurzeit sind die Kassen leider leer, aber 2020 werden Dank umsichtiger Budgetpolitik hier und jetzt Milch und Honig für Bildung und Forschung fließen, und zwar für alle ...

Für sich alleine betrachtet würden vermutlich die meisten – wenn auch zähneknirschend – darin übereinstimmen, dass es richtig sei, eine neu gegründete Forschungseinrichtung dieses Zuschnitts mit einer Finanzperspektive auszustatten, die es ihr ermöglicht, den von Anfang an geplanten Aufbau durchzuziehen. Und auch bei sehr kritischer Betrachtung ist die bisherige Performance des IST Austria – beispielsweise 7 ERC Grants – beeindruckend. Der erste Schwung in der Pionierphase ist ermutigend – ein Versprechen für zukünftige Spitzenleistungen im Bereich der Grundlagenforschung.

Relativierend könnte außerdem hinzugefügt werden, dass der jetzt geschlossene Staatsvertrag zwischen dem Bund und dem Land Niederösterreich lediglich den Finanzrahmen für die Entwicklung des IST Austria festlegt (andernfalls würde sich das Land Niederösterreich kaum darauf einlassen, hunderte Millionen Euro in Neubauten zu investieren). Er beinhaltet noch keine über die laufende Finanzierungsperiode hinausgehenden Finanzzusagen an das IST Austria. Diese werden zur gegebenen Zeit im Rahmen von Leistungsvereinbarungen – nach entsprechenden Evaluierungen – getätigt (kein Mensch zweifelt allerdings daran, dass das Geld am Ende des Tages beim IST Austria landen wird). „Für sich alleine betrachtet“ ist also alles Paletti, wäre da nicht die Sache mit der Gerechtigkeit, beziehungsweise mit der von vielen wahrgenommenen Ungerechtigkeit.
Das IST Austria ist ein Wagnis der schwarzblauen Regierung, ursprünglich war von einer „Eliteuniversität“ die Rede, weshalb es von Beginn an mit besonderem Argwohn beäugt wurde. Dennoch sind die von den Quantenoptikern ins Treffen geführte „Schieflage“ und die von der ÖAW beklagte „Ungleichbehandlung“ zweifellos gegeben. Allerdings stellt sich für mich eine Reihe von Fragen, wie beispielsweise:

  • Was bedeutet „Gerechtigkeit“? Ist Gerechtigkeit überhaupt eine relevante Kategorie in der Forschungspolitik? Kann und/oder muss ein Forschungssystem „gerecht“ sein?
  • Wie sähe es denn aus, so ein (selbst-)gerechtes Forschungssystem? Gibt es im Ausland besonders herausragende Beispiele für „gerechte“ und „ungerechte“ Forschungssysteme?
  • Wenn man für Österreich unterstellt, dass irgendeine Form von „Gerechtigkeit“ anzustreben sei, ist es tatsächlich so, dass die „Schieflage“ erst durch die Finanzierungszusage an das IST A entstanden ist?

Es gibt sicher nur wenige Stimmen in der Wissenschaft, die ein Forschungsfinanzierungssystem als „gerecht“ bezeichnen würden, in dem jede Institution (anteilig) gleich viel Geld für Forschung erhält – die berüchtigte „Gießkanne“. Vermutlich wird ein System eher als gerecht erlebt, wenn die Finanzierung von der erbrachten oder erwartbaren Leistung abhängig gemacht wird.

Wie lässt sich Grundlagenforschung bewerten?

Dies führt zwangsläufig zur Frage, worin denn eine „Leistung“ in der Grundlagenforschung (und von ausschließlich dieser schreibe ich hier) besteht. Zweifellos in allererster Linie sind hier Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften bzw. deren Zitierungen durch Fachkolleginnen und –kollegen zu nennen. Das ist bibliometrisch einigermaßen erfassbar, allerdings ist ein Vergleich über Disziplinengrenzen hinweg schwierig. Ein oft verwendetes und weniger disziplinen-abhängiges Maß für die Leistungsfähigkeit einer Forschungseinrichtung ist der Erfolg bei der Einwerbung kompetitiv vergebener Drittmittel, etwa von Institutionen wie dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) oder dem European Research Council (ERC). Beide Fördergeber wenden ein striktes Verfahren zur Qualitätssicherung durch Peer Review an – so vergibt der FWF pro Jahr ca. 170 Millionen Euro auf Basis von etwa 5000 Fachgutachten.

Die österreichischen Universitäten haben für die dreijährige Finanzierungsperiode 2010-2012 gemäß Hochschulbericht ein Grundbudget von 7,888 Milliarden Euro bekommen, 46% davon werden gemäß OECD-Norm als forschungswirksam ausgewiesen. Das sind pro Jahr immerhin gut 1,2 Milliarden Euro für die Forschung an den Universitäten. Dazu kommen als größere Posten noch knapp 100 Millionen für die ÖAW. Wurde dieses Geld in der Vergangenheit „gerecht“ (d.h. abhängig von der erbrachten Forschungsleistung) verteilt? Nimmt man die Einwerbung von FWF-Mitteln als Indikator für die wissenschaftliche Produktivität unserer Forschungsträgereinrichtungen (und es kann natürlich nur ein sehr grobes Maß sein), so stellt man erstaunliche Unterschiede fest. Die Universität Wien hat in den Jahren 2007-2009 ca. 30% ihres für Forschung vorgesehenen Budgetanteils zusätzlich in Form von FWF-Projekten eingeworben, und ist damit absoluter Spitzenreiter. Bei der schwächsten der Forschungsuniversitäten (aus Diskretion nenne ich sie nicht) beträgt dieser Anteil 5%, der Durchschnittswert aller Universitäten liegt bei 16 %. Interessant ist der Vergleich mit der ÖAW: Bei der ÖAW ist selbstredend das gesamte Budget als forschungsrelevant einzustufen (weil sie als Institution keine Lehraufgaben erfüllt), Forscherinnen und Forscher der Akademie haben im zuvor genannten Zeitraum ca. 14% des ÖAW-Grundbudgets zusätzlich beim FWF eingeworben.

Schieflaqen in der Forschungsförderung

Um es auf den Punkt zu bringen: In meinen Augen bestand auch schon in der Vergangenheit eine erhebliche Schieflage in der Zuweisung von Forschungsmitteln an staatlich finanzierte Institutionen im Rahmen der jeweiligen Grundbudgets, welche nicht mit Parametern der Forschungsproduktivität korrespondieren – und kaum jemand hat sich echauffiert. Selbst die ÖAW mit ihrem expliziten Exzellenzanspruch wird diesem – zumindest wenn man die Einwerbung von FWF-Mitteln als Parameter akzeptiert – im Vergleich zu den Universitäten – kaum gerecht, obwohl die von der ÖAW beschäftigten Forscherinnen und Forscher in der Vergangenheit gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten durchaus privilegierte Rahmenbedingungen hatten (sie mussten und müssen ja keine Lehraufgaben erfüllen). Wohlgemerkt: ich rede von der Forschungsproduktivität der Institutionen insgesamt, natürlich gibt es sowohl an den Universitäten wie an der ÖAW Personen mit herausragenden Forschungsleistungen.

Also: Schieflagen, wohin man sieht. Es scheint, dass wir geneigt sind, den Status quo zu akzeptieren; Änderungen desselben werden aber augenblicklich auf „Gerechtigkeitsgehalt“ analysiert.

Ich gestatte mir eine Randbemerkung in eigener Sache zum Thema Gerechtigkeit: der FWF vergibt zurzeit ca 170 Millionen Euro pro Jahr an Forscherinnen und Forscher an den Universitäten, der ÖAW, dem IST Austria und vielen anderen Einrichtungen. Die Verteilung des Geldes ist – wie oben aufgezeigt – extrem ungleich. Da die Vergabe von FWF-Projekten an eine strenge Qualitätssicherung geknüpft ist und nur die am besten evaluierten Projekte zum Zug kommen, werden die FWF-Mitteln in unserer Wahrnehmung sehr „gerecht“ verteilt. Ein richtiger Schritt in die Richtung „mehr Verteilungsgerechtigkeit“ wäre daher in der Tat eine Erhöhung des kompetitiven Anteils der Forschungsfinanzierung. Dieser ist bei uns im internationalen Vergleich extrem niedrig, und seine Erhöhung ist in der FTI-Strategie der Bundesregierung („Forschung, Technologie und Innovation für Österreich“) auch vorgesehen. Mit Genugtuung konnten wir überdies feststellen, dass auch im Zuge der laufenden Debatte über das IST Austria immer wieder der FWF ins Spiel gebracht wurde; insbesondere die Implementierung des von uns vor einigen Jahren vorgeschlagenen Exzellenzcluster-Programms wurde nachdrücklich eingefordert.

Spitzenforschungseinrichtungen brauchen immens viel Geld, in Österreich und anderswo. Bei begrenzten Mitteln braucht es politischen Mut, einzelne Institutionen finanziell zu privilegieren. Das Beispiel IST Austria zeigt uns aktuell, wie schwierig es ist, diese Debatte zu führen. Ein Vergleich mit unseren beiden Nachbarländern Deutschland und Schweiz ist in diesem Zusammenhang erhellend: In beiden Ländern gibt es Spitzenforschungseinrichtungen, welche finanziell ungleich besser gestellt sind als das übrige Hochschulsystem. In der Schweiz sind dies die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETHs), in Deutschland u.a. die Institute der Max Planck Gesellschaft (MPG). Es ist kein Zufall, dass sowohl die ETHs als auch die MPG Bundeseinrichtungen sind, wohingegen die Universitäten in beiden Ländern von den Kantonen bzw. den Bundesländern finanziert werden. Natürlich gibt es in beiden Ländern auch eine Gerechtigkeitsdebatte, aber die Finanzierung von Spitzenforschungseinrichtungen aus einem „separaten Topf“ scheint Ungleichheiten erträglicher und politisch leichter vermittelbar zu machen.

Anmerkungen der Redaktion

Der FWF - Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung http://www.fwf.ac.at/- ist Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung. Er ist allen Wissenschaften in gleicher Weise verpflichtet und orientiert sich in seiner Tätigkeit ausschließlich an den Maßstäben der internationalen Scientific Community. Evaluierung von Projekten durch „internationalen Peer-Review“ - Meinung von einschlägig ausgewiesenen ExpertInnen - bildet die Basis der Qualitätssicherung in allen Förderprogrammen.

Die FFG – Die österreichische Forschungsförderungsgesellschaft http://www.ffg.at/

Ist die nationale Förderstelle für wirtschaftsnahe Forschung

ERC - European Research Council 

http://erc.europa.eu/ ist eine Institution zur Finanzierung von Grundlagenforschung, die 2006 von der Europäischen Kommission als Teil des spezifischen Programms Ideen im 7. Forschungsrahmenprogramm gegründet wurde. Förderungen werden an junge innovative Forscher, ebenso wie an etablierte Spitzenforscher vergeben, wobei über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt 670 Millionen Euro zur Verfügung stehen

ÖAW - Österreichische Akademie der Wissenschaften

http://www.oeaw.ac.at/ ist die führende Trägerin außeruniversitärer akademischer Forschung mit mehr als 1100 Mitarbeitern. Sie betreibt anwendungsoffene Grundlagenforschung und greift neue, zukunftweisende Forschungsbereiche auf. Als Centers of Excellence müssen sich die Forschungseinrichtungen der ÖAW im internationalen Wettbewerb anhand regelmäßiger Evaluationen bewähren.

IST-Austria- Institute of Science and Technology Austria

http://ist.ac.at/de/ ist ein 2009 eröffnetes, nahe Klosterneuburg gelegenes Institut, welches naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und Postgraduiertenausbildung betreibt und anstrebt sich zu einem erstklassigen Forschungszentrum zu entwickeln.