Peter Skalicky
Peter Skalicky | 03. Mai 2012

Wissenschaft: Notwendigkeit oder Luxus?

Universitäten sind dazu da, das Wissen der Zeit zu erhalten, durch Forschung weiter zu entwickeln und es in der forschungsgeleiteten Lehre der Bildung und Ausbildung anzubieten. Wissenschaft, oft unkritisch mit Luxus assoziiert, muß sich Forderungen nach Nachhaltigkeit stellen, der Bringschuld, den Transfer von Wissen und wissenschaftlicher Methodik in die Gesellschaft zu gewährleisten, aber auch einer ausufernden Wissenschaftsorganisation Einhalt gebieten.

Peter Skalicky für den Science-Blog

Wissenschaft ist lebensnotwendiger (immaterieller) Luxus (immateriell: lt. Lexikon etwas stofflich nicht Existentes). Immateriell können Liebe, Gesundheit, Freizeit, aber vor allem auch „materiell absichtsloser Erkenntnisgewinn“ sein. Für viele Menschen sind diese immateriellen Faktoren sogar der wahre Luxus. Sie sind in der Regel nicht zu kaufen, gehören aber zu den höchsten Gütern der Menschen.

Die Wissenschaft, nahezu ausschließlich an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten betrieben, zählt zu diesen Luxus-Gütern. Derartige Einrichtungen gehören, wenn man von der Kirche absieht, zu den ältesten, stabilen Institutionen, bestehen seit nahezu tausend Jahren nach den ersten Gründungen in Bologna, Paris und Oxford. und sind älter als die Nationalstaaten.

Das Modell wissenschaftlicher Institutionen hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert,

aber keineswegs bis zur Unkenntlichkeit. Die Gründungsabsicht der Institutionen war in erster Linie dem reinen Erkenntnisgewinn gewidmet. In den letzten beiden Jahrhunderten sind jedoch zwei wesentliche, neue Einfluß-Faktoren hinzugekommen:

  • der Triumph der modernen Naturwissenschaften und
  • die massenhafte Nachfrage nach wissenschaftlicher Bildung und Ausbildung.

Man wagt es heute kaum mehr, Physik zu betreiben, ohne an der Entwicklung eines Quantencomputers zu arbeiten, oder Genetik ohne Bezug zu medizinischen Anwendungen. Die wissenschaftlichen Institutionen sind so etwas wie ein Teil des nationalen Innovationssystems geworden.

Von Luxus kann nun nicht mehr die Rede sein, dafür aber von der Ökonomisierung der Bildung. Aber was ist mit der Predigtliteratur des Mittelalters? Auch das ist kein (materieller) Luxus.
Die Universitäten und wissenschaftlichen Institute sind dazu da, das Wissen der Zeit zu erhalten, durch Forschung weiter zu entwickeln und es in der forschungsgeleiteten Lehre der Bildung und Ausbildung anzubieten. Der Erfolg besteht darin, sich zumindest einmal im Leben etwas wirklich ordentlich überlegen zu müssen und zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung beizutragen. Im Zeitalter der Massenuniversität ist dies schwer zu realisieren, wie nicht zuletzt die Plagiatsaffären im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Arbeiten zeigen. Wissenschaft ist eben zwar kein Luxus, aber nur bedingt als Massensport geeignet. Dennoch sind mehrheitlich alle Wissenschaftler, die je gelebt haben, unsere Zeitgenossen.

Die Spannungsfelder, in denen sich die Wissenschaft bewegt, nehmen allerdings zu.

Die manchmal unkritische Assoziation von Wissenschaft mit Luxus gehört dazu. Materieller Luxus (v. lat.: luxus = Verschwendung, Liederlichkeit, eigentlich „üppige Fruchtbarkeit“) bezeichnet Verhaltensweisen, Aufwendungen oder Ausstattungen, welche über das in einer Gesellschaft als notwendig oder sinnvoll erachtete Maß hinausgehen. Dies wird daher manchmal missverständlich auf die moderne Großforschung bezogen, deren größte Anomalie in der Tat ein sehr hoher Geldbedarf ist. Es wird argumentiert: die Menschheit lechze eben nicht danach, mit Milliardenaufwand endlich den Nachweis für Higgs-Bosonen am CERN zu erleben, während Probleme des Klimaschutzes oder der Welternährung dagegen scheinbar unlösbar seien.
Dies ist jedoch ein Missverständnis und nicht eine Frage luxuriöser oder frivoler Geldverschwendung. Die erforderliche Infrastruktur, wie Beschleuniger, Radioteleskope und dgl. sind ja nicht Selbstzweck, sondern dienen der Grundlagenforschung und sind billiger eben nicht zu haben. Die Alternative bestünde daher nur darin, es bleiben zu lassen. Das liefe jedoch auf ein wissenschaftliches Paradigma der Enthaltung hinaus, eine fatale Fehlentwicklung.
Abgesehen von dieser „Luxus“-Diskussion muss sich die Wissenschaft noch weiteren Herausforderungen stellen, die auch zu Krisenerscheinungen führen. Sie betreffen die Paradigmen-Problematik, die Bringschuld der Wissenschaft in der Gesellschaft und die Forschungs- und Wissenschaftsorganisation.

Paradigma: nachhaltige Entwicklung

Thomas Kuhn hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts die These aufgestellt, wissenschaftliche Revolutionen und letztlich die Weiterentwicklung der Wissenschaften würden durch Paradigmenwechsel herbeigeführt. Das derzeit (vor allem für die Angewandten Wissenschaften) meistzitierte Paradigma ist die „Nachhaltigkeit“ oder die „Nachhaltige Entwicklung“. Im Sinne von Generationengerechtigtkeit und globaler Gerechtigkeit, als Entwicklungsmodell ein hervorragender Fortschritt und ein ehrgeiziges Programm. Bei näherem Hinsehen handelt es sich jedoch eigentlich nicht um ein wissenschaftliches Paradigma, sondern eben um ein politisches Enwicklungsmodell.

Die Forderung nach Nachhaltigkeit basiert auf einem Zitat von Saint Exupery, der meinte, „wir hätten die Welt eben nur von unseren Nachfahren geliehen“. Ein eleganter Satz, aber problematisch, wenn man ihn auf mehrere aufeinanderfolgende Generationen bezieht. „Nachhaltigkeit“ ist ein „Gummibegriff“, der zu Fehlinterpretationen und Missverständnissen einlädt. Vor allem im Zusammenhang mit dem Energiehaushalt.

Natürlich ist hoher Energieverbrauch allein kein Zeichen von Intelligenz, die Senkung des Energieverbrauches allein macht aber aus der Menschheit noch keine nachhaltige Menschheit.
Sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde mit ihren Ansprüchen sind nicht im thermodynamischen Gleichgewicht und werden es auch nie sein. Strenggenommen ist nichts wirklich nachhaltig (nicht einmal das Universum) wenngleich natürlich die Betrachtungszeiträume eine entscheidende Rolle spielen. Unser ganzes Leben ist ein Kampf gegen die Zunahme der Entropie, schlampig gesagt ein Maß für die Zunahme der Unordnung in irreversiblen Prozessen (noch schlampiger ausgedrückt: das Dilemma besteht darin, dass man aus einem Aquarium zwar eine Fischsuppe machen kann, die Umkehrung ist allerdings schwer möglich)

Aus einem wissenschaftlichen Paradigma sollen ja auch Handlungsanleitungen und Herausforderungen im Einklang mit wissenschaftlicher Ethik sein. Im „Ethik-Dreieck“ „Ich will – Ich kann – ich darf“ sollte das Ergebnis nicht in der Regel in „ich darf nicht“ münden. Es ist zu bedenken, dass Ethik nicht unter ihrem Wert arbeitet, wenn sie sich auf eine Güter- und Übelabwägung einlässt. Auch gibt es keine konfliktfreie Moral und keine folgenlose Enthaltung. Wissenschaftliche „Paradigmen“, die als Handlungsanleitung in Enthaltung oder sogar im Zurückdrehen von Erfindungen und Entwicklungen münden, sind nicht nützlich. Sie führen zur Forderung an die Wissenschaft, ausschließlich rasch Lösungen für die angeblich von ihr selbstverschuldeten Probleme zu finden (Alternativenergie), oder, wenn das nicht geht, notfalls etwas „wegzuerfinden“ Kernenergie, Gentechnik). Diese Vorgangsweise ist jedoch zur Lösung realer Probleme ungeeignet. (Und mit Schuldzuweisungen kommen wir auch nicht weiter.)

Es wäre daher angezeigt, unter Berücksichtigung des Entwicklungsprogramms der Nachhaltigkeit ein Paradigma zu entwickeln, das diese Ziele unterstützt. Es bietet sich der Ostwald’sche Imperativ an. Wilhelm Ostwald (Nobelpreis 1909) hat diesen Imperativ, der auf den Prinzipien der Thermodynamik beruht, ausführlich begründet. Kurz – aber durchaus richtig – gefasst lautet er: „Vergeude keine (freie) Energie, verwerte sie!“ Es geht darum, bei jedem Prozess die nicht nutzbare Energie, die letztlich als Abwärme, als Reibungsverlust u.dgl. „verloren“ geht – sehr vereinfacht ausgedrückt - so gering wie möglich zu halten. Die Begründungen und Anwendungen in der Original- und Sekundärliteratur Ostwalds nachzulesen ist hoch interessant und aufschlussreich (wie jede Beschäftigung mit der Thermodynamik). „Das Paradigma lautet also: die vom Menschen angestoßenen und verwendeten Prozesse müssen so gestaltet sein, dass der damit verbundene, unvermeidliche Zuwachs der Entropie möglichst gering ausfällt und keine freie Energie vergeudet wird“. Die Orientierung an diesem Paradigma ist auch viel leichter überprüfbar, als der zu weit gefasste Begriff der „Nachhaltigkeit“.

Der Ostwald’sche Imperativ ist so etwas ist wie „Nachhaltige Entwicklung“ minus der utopischen Hoffnung auf ein thermodynamisches Gleichwicht.

Erfreulicherweise kann man einen solchen Paradigmenwechsel auch schon erkennen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Recycling und Stoffwandel, durch Einbeziehung der Überlegungen der Effizienzsteigerung, der Vermeidung von Energieverschwendung und der Minimierung des Entropiezuwachses.

Bringschuld der Wissenschaft – Holschuld der Gesellschaft

Wissenschaft, wie sie eben an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten stattfindet, hat noch mit anderen problematischen Entwicklungen zu tun, nämlich mit der Forderung, den Transfer des Wissens und der wissenschaftlichen Methodik in die Gesellschaft sicherzustellen.
Es liegt im ureigensten Interesse der Wissenschaftler, die Öffentlichkeit zu informieren, schließlich ist die Wissenschaft sehr teuer und wird nach wie vor hauptsächlich aus öffentlichen Mitteln finanziert. Die Frage ist jedoch, kommt diese Information auch an, wollen die Menschen das auch wirklich wissen?

Hier gibt es das ewige Holschuld/Bringschuld Problem. Die Information wird in zunehmenden Maß als Bringschuld der Wissenschaft betrachtet. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen, denn Information läuft in die Leere, wenn mangelndes Interesse daran besteht. Dann taucht auch erklärlicherweise das Luxus Argument auf. (Dafür wird Geld ausgegeben?)

Der Bringschuld der Wissenschaftler muss also auch eine Holschuld der Gesellschaft, sich zu informieren und zu verstehen, gegenüberstehen. Das kann aber nur durch die Schule stattfinden, in der wissenschaftliche Methodik (und Wissen!) eine wichtigere Rolle spielen müssen als bisher.

Eine unaufgeklärte Öffentlichkeit reagiert sonst wie jeder Uninformierte reagieren muss, mit Angst und wachsendem Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Wirtschaft. Die Medien greifen diese Angststimmung auf und artikulieren sie, was rückgekoppelt das Misstrauen verstärkt. So entsteht eine wachsende innere Spannung in der Gesellschaft, die auf der einen Seite die Vorteile wissenschaftlicher Entwicklungen rücksichtslos nutzt und ihre Nutzung sogar einfordert (z.B. Gesundheitstechnologien), auf der anderen Seite mit wachsender Angst auf die möglichen negativen Folgen dieser selbst betriebenen Nutzung reagiert und diese Angst als Misstrauen und Aggressivität auf die Erzeuger dieser Nutzungsmöglichkeiten, Wissenschaft und Technik, ablädt.
Auf der einen Seite wird dann die Grundlagenforschung in der Tat zunehmend als Luxus angesehen, weil sie scheinbar nicht ausreichend rasch zur Lösung der Probleme der Menschheit beiträgt und die Anwendungen der Angewandten Wissenschaften werden als Verursacher dieser Probleme hingestellt. Das führt zu einer Verteidigungshaltung der Wissenschaft, und das bringt uns nicht weiter.

Es genügt daher auch nicht, wie das viele Wissenschaftspolitiker gerne tun, die Wissenschaftler in die ethische Pflicht zu nehmen, die Wertediskussion also zu privatisieren und damit auf die Ebene der allgemeinen Bürgerpflicht abzuschieben. Gefordert ist der ernsthafte, professionelle, offene und andauernde Dialog der Wissenschaften mit der Gesellschaft.

Forschungs- und Wissenschaftsorganisation

Zuletzt sei noch ein existentielles Problem der wissenschaftlichen Institutionen, vor allem der Universtäten angesprochen, nämlich der Ausbildungsaspekt. Wenn die Universitäten vorrangig als Schulen angesehen werden, können sie ihr Alleinstellungsmerkmal, das der forschungsgeleiteten Lehre nicht halten. Die Universitäten können den Anspruch, als flächendeckende Diplomverleihungsanstalten zu dienen, nicht einlösen. Dieser kommt daher, dass als Folge fehlinterpretierter Statistiken die Meinung entstanden ist, ein Universitätsdiplom würde vor Arbeitslosigkeit schützen und daher würde eine möglichst hohe „Akademikerquote“ die Arbeitslosigkeit senken. Die beste Förderung der Wissenschaft besteht jedoch in der Erhaltung verlässlich etatisierter wissenschaftlicher Institute und Universitäten, die Lehre und Forschung durchaus unter einen Hut bringen. Selbstverständlich unter demokratischer Kontrolle, da es sich um öffentliche Mittel handelt und entsprechender Evaluation. Diese muss aber so effizient organsiert werden, dass noch Luft für die Wissenschaft bleibt.

Leider steigt das Volumen dieses Betriebs der Wissenschaftsorganisation und -politik ständig und teilweise stärker als die Wissenschaft selbst. Es gibt offensichtlich einen Punkt, an dem lähmender Gleichstand eintreten kann: wenn hinter jedem Wissenschaftler jemand steht, der beauftragt ist, ihn unaufhörlich auf seine Verantwortung einem Paradigma gegenüber, auf den richtigen Gebrauch seiner Werkzeuge, auf seine Forschungsanträge und seinen Rechtfertigungsauftrag hinzuweisen. Diese Gefahr ist derzeit gegeben. Wenn man alle Wissenschafts- und forschungspolitischen Programme, Programmlinien, Schwerpunkts-Konzepte, Profilbildungsmaßnahmen, Forschungsförderungskonzepte, gesetzliche Vorschriften und deren Interdependenz gleichzeitig zur Grundlage wissenschaftlicher Tätigkeit machen will, tritt Stillstand ein. Nichts geht mehr.

Sonst geht’s der Wissenschaft gut, danke! Sie bringt nach wie vor höchst spannende neue Erkenntnisse und auch deren Umsetzung und Anwendung hervor. Wer es nicht glaubt, soll daran beim nächsten Zahnarztbesuch denken.


Anmerkungen der Redaktion

Der Autor

Peter Skalicky wird hier näher vorgestellt


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