Zur Aufarbeitung von Kulturgütern - Kooperation von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften

Rekonstruktionen des Lebens vergangener Zeiten und deren Interpretationen erfolgen heute in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Geisteswissenschaftern und Naturwissenschaftern.

Sigrid Jalkotzy-Deger für den Science-Blog

Unter Kulturgut versteht man üblicherweise als erhaltenswert betrachtete Bauten und andere physische Zeugnisse der Kultur, wie sie in Archiven, Museen und Bibliotheken gesammelt und aufbewahrt werden, also Kulturdenkmäler. In der Öffentlichkeit werden derartige Denkmäler heute weitestgehend unter dem Aspekt der Ökonomie gesehen. Wenn finanzieller Aufwand und Fachexpertise in die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgütern gesteckt werden, so muß sich das rechnen. Dies trifft auf archäologische Fundstätten zu, die zu touristischen Anziehungspunkten geworden sind, auf Kunstwerke die - in Ausstellungen zu Themenschwerpunkten zusammengefaßt - Besucherströme anziehen.

Vom Kulturgut zum kulturellem Erbe

Die museale Ansammlung und physische Erhaltung von Kulturgütern ist aber nicht gleichzusetzen mit dem, was wir unter kulturellem Erbe verstehen. Dazu bedarf es einer Aufarbeitung der Kulturgüter, einer Erforschung ihres geistigen Hintergrunds, und dem geistigen Vermächtnis, also dem, was tradiert wurde. Fragen nach dem Ursprung und der Entwicklung unseres kulturellen Erbes und der Umgang mit diesem, tragen wesentlich zur Identitätsstiftung bei, verhindern, daß diese von Subjektivität und Emotionalität geprägt und für partikuläre Interessen instrumentalisiert werden kann.
Im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften gibt es hier spektakuläre Neufunde und Entdeckungen, die eine differenzierende Sicht auf die Vergangenheit und neue Aspekte für die Zukunft eröffnen.

Archäometrie – interdisziplinäre Aufarbeitung von Kulturgut

Rekonstruktionen des Lebens vergangener Zeiten und deren Interpretationen erfolgen heute in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Geisteswissenschaftern und Naturwissenschaftern. Ein neues fächerübergreifendes Gebiet – die sogenannte Archäometrie – beschäftigt sich mit der Entwicklung und dem Einsatz quantitativer naturwissenschaftlicher Methoden in der Archäologie, welche von geowissenschaft-lichen Techniken, physikalisch-chemischen Materialanalysen bis hin zu biologischen Untersuchungen – hier vor allem DNA Analysen – reichen.

Zuverlässige Altersbestimmungen – mittels der Kohlenstoff-14 Methode an Material organischen Ursprungs, mittels Thermoluminiszenz an anorganischen Materialien, (z.B. Keramiken) – präzisieren die Datierung von Funden und verhindern damit Fehlschlüsse hinsichtlich des Verlaufs der kulturellen Entwicklung. Für die Analyse der chemischen Zusammensetzung von Funden steht ein sehr breites Spektrum an physikalisch-chemischen Methoden - inklusive Spurenelements-und-Isotopenanalyse - zur Verfügung. Diese Methoden können einerseits ein konkretes Bild von der Herkunft der Funde ergeben und damit auch von Wanderungsbewegungenund Handelsbeziehungen früherer Zeiten, andererseits aber auch Einblicke in damalige Verfahren zur Herstellung von Materialien und, wie sich diese im Laufe der Zeit entwickelten. Ein gutes Beispiel sind hier werkstoffkundliche Untersuchungen an metallischen Gegenständen und an zeitgleichen Schlacken – von der frühen Kupfermetallurgie bis zu den Verfahren der Eisenzeit. Diese geben ein profundes Bild über Lagerstätten, Bergbau und Verhüttung von Erzen (unter Feuerungstemperaturen, die durch die Verbrennung von Holzkohle erzielbar waren) und ebenso auch über den überregionalen Handel mit den Erzen und den Transfer des Know-Hows zu ihrer Bearbeitung.

Untersuchungen an Material organischen Ursprungs, beispielsweise an menschlichen Knochen und Zähnen, verwenden u.a. metrische und morphologische Methoden, bildgebende Verfahren, chemische Analytik und vor allem molekularbiologische Analysen alter DNA. Die letztere, auch als molekulare Archäometrie bezeichnete Fachrichtung, kann Auskunft geben über das biologische Geschlecht, Erbkrankheiten, Verwandtschaftsverhältnisse, populationsgenetische Zusammenhänge, Wanderungs-bewegungen und dgl.

Der beschriebene interdisziplinäre Zugang über die Grenzen von Einzelfächern kulturwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Gebiete hinaus, ebenso aber auch Kooperationen wissenschaftlicher Institutionen untereinander wirken sich auf derartige Forschungsarbeiten äußerst fruchtbar aus.Dies soll an Hand zweier Beispiele aus den Untersuchungen der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgezeigt werden. Beide Untersuchungen sind 2011 in Buchform erschienen (siehe unten).

Corpus Vasorum Antiquorum

Keramiken, die häufigsten Funde bei Ausgrabungen, überstehen Bodenlagerungen und geben Auskunft über praktisch alle Aspekte früheren menschlichen Lebens: des täglichen Lebens, der Politik, des Handels bis hin zur Kultur und Religion.

1919 gründete die Union Académique Internationale das Projekt Corpus Vasorum Antiquorummit dem Ziel, alle an Museen befindlichen antiken griechischen Vasen weltweit zu erfassen als Basis für weitreichende Forschungsarbeiten. Dem Projekt gehören heute 26 Länder an, die Sektion Österreich wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften betreut und hat bis jetzt fünf Bände CVA Österreich herausgebracht. Der letzte, 2011 erschienene Band (1) enthält 130 attisch rotfigurige Vasen des 5. und 4. Jh. v. Chr. – hauptsächlich Ölbehälter und Weinkannen - aus der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Diese Dokumentation resultiert aus einer Kooperation von ÖAW und dem Institut für Mustererkennung und Bildverarbeitung der Technischen Universität Wien und gilt als wegweisend durch den erstmaligen Einsatz moderner technischer Methoden wie 3D-Laserscanner zur Aufnahme von Gefäßfomen und Erstellung digitaler 3D-Modelle,Röntgenaufnahmen zur berührungsfreien Berechnung des Fassungsvolumensund Multispektralanalyse zur Bestimmung von Farbpigmenten. Abbildung 1.

Diese zerstörungsfreien Methoden offenbarten bisher unbekannte technische Details der Herstellung und Geheimnisse der Bemalung antiker Vasen, die das bloße Auge nicht sehen kann.

Abbildung 1: Dokumentation griechischer Vasen. Zerstörungsfreie Untersuchungen zu Form, Materialien und Techniken der Herstellung. Oben links: berührungsfreie Aufnahme der Gefäßformen mittels eines 3D-Laser- Scanner; oben rechts: Röntgenaufnahme(Computertomographie) zur Bestimmung des Fassungsvermögens ; unten: Multispektral-Analyse der Farbpigmente.

Byzantinische Tinten-, Tusche- und Farbrezepte

Dass das Schriftwesen von Byzanz herausragend war, ist allgemein bekannt. Aber die Frage, wie die byzantinischen Schreiber ihre Schwarztinten, Farbtinten und die Grundierungen für die Miniaturenmalerei zubereiteten, wurde kaum je erforscht.

Der Byzantinist Peter Schreiner und die Kunstwissenschafterin Doris Oltrogge haben jetzt 80 Rezepte ausgewertet, die aus 24 Handschriften in 11 Bibliotheken stammen (2). Diese Rezepte wurden fächerübergreifend philologisch, chemisch und technologisch analysiert und, um die Korrektheit der Rezepte zu überprüfen, rekonstruiert. Die Schreiber verwendeten eine Vielzahl damals gebräuchlicher und im Mittelmeerraum verbreiteter Zutaten, die zum Teil auch aus alchemistischer, naturphilosophischer Sicht zugefügt wurden. U.a. wurden auch zwei Rezepte für Geheimtinten entdeckt.

Abbildung 2.Byzantinische Tinten-, Tusche- und Farbrezepte. Handschriften der Anna Amalia-Bibliothek in Weimar und Buchdeckel.

 

Fazit

Kultur-und-Geisteswissenschafter gelangen heute mit Hilfe naturwissenschaftlicher Techniken der Materialanalyse – der Archäometrie - zu einem neuen Bild menschlicher Kulturentwicklung.

(1) Trinkl, Elisabeth, Corpus Vasorum Antiquorum. Österreich. Wien, Kunsthistorisches Museum. Band 5. Attisch rotfigurige Gefäße, weißgrundige Lekythen. Verlag der ÖAW, Wien 2011.

(2) Schreiner, Peter – Oltrogge, Doris, Byzantinische Tinten-, Tuschen- und Farbrezepte. Verlag der ÖAW, Wien 2011

 

Weiterführende Links:

Ernst Pernicka (Univ. Tübingen, führender Archäometriker und Leiter des Großprojekts Troja): Troja - der Schauplatz der Ilias - archäologisch und kulturhistorisch.http://www.youtube.com/watch?v=BTOZ1T034c0 (1:23:32)

Ancient Greek Pottery http://www.youtube.com/watch?v=QGR767DojYc&feature=topics (31:49)

 

Anmerkungen der Redaktion

Die Autorin

Sigrid Jalkotzy-Deger wird hier näher vorgestellt.

Leser-Kommentare
Deandra | 25. Mai 2013 19:00
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settembrini | 22. Juni 2012 10:22
Archäometrie - welch ein wunderbares Gebiet für einen alten Humanisten!

Welche Möglichkeiten unsere Geschichte, die Entwicklung unserer Kulturen erstmals nach objektiven Kriterien beschreiben zu können!

Früher - als auch Literaten und Denker die Ambition hatten die Natur zu verstehen - bestand ja zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften eine solide Brücke. Lückenhafte Bildung und bewußte Ignoranz unserer Zeit haben diese Brücke nahezu unpassierbar gemacht (vielleicht wird man von uns später als "nullaque mortales praeter sua litora norant" sprechen).

Interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Erforschung wie Leben entstand, sich entwickelte - bis hin zur (kulturellen) Entwicklung des Menschen, hat bereits fasziniernde Ergebnisse gezeitigt. Man sollte die Hoffnung auf eine allgemeine Renaissance interdisziplinären Denkens nicht aufgeben!
Brückenbenützungswilliger | 22. Juni 2012 10:50
"nullaque mortales praeter sua litora norant"

Ähm, hüstel, peinlich, peinlich, aber - ersparen Sie mir doch bitte gnädig ein Woche Mühe mit dem Stowasser. Würden Sie die deutsche Übersetzung geben, Herr Settembrini?
durga | 22. Juni 2012 14:14
@Brückenbenützungswilliger

"Würden Sie die deutsche Übersetzung geben, Herr Settembrini?"

Mit dem größten Vergnügen:

Frei übersetzt: Die Menschen hatten nicht über ihren Schüsselrand hinaus geblickt. (Wörtlich: Die Sterblichen kannten nichts außerhalb ihrer Gestade.)
durga | 22. Juni 2012 14:20
@settembrini

entschuldigen Sie, bitte, daß ich mich überaus voreilig mit der Übersetzung vordrängen mußte.