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Die Angst vor der Genschere – oder: Der Mensch fürchtet, was er längst tut

Die Angst vor der Genschere – oder: Der Mensch fürchtet, was er längst tut

Es gehört zu den seltsamen Marotten der modernen Gesellschaft, sich vor genau jenen Dingen zu fürchten, die sie im Alltag längst mit stoischer Gelassenheit betreibt. Die Gentechnik ist ein Paradebeispiel dieser gepflegten Doppelmoral: Im Labor gilt sie als teuflisches Spiel mit der Schöpfung, im Supermarkt hingegen als unsichtbarer Helfer des Wohlstands.

Der aufgeklärte Bürger von heute lehnt "Genfood" mit dem Eifer eines mittelalterlichen Inquisitors ab – um anschließend eine Banane zu schälen, deren genetische Geschichte so wenig natürlich ist wie ein Barockgarten im Urwald. Die Natur, die man zu verteidigen vorgibt, existiert in dieser Form seit Jahrhunderten nicht mehr. Sie wurde gezüchtet, gekreuzt, selektiert – kurz: vom Menschen frisiert wie ein Pudel für die Ausstellung. 

Die romantisierte Natur, sie hat nie existiert.

Der Widerstand gegen Gentechnik speist sich aus der Vorstellung einer reinen, unberührten Natur. Tatsächlich ist unsere Landwirtschaft seit Jahrtausenden ein einziges Großexperiment. Der heutige Weizen hat mit seinem wilden Vorfahren ungefähr so viel gemeinsam wie ein Formel-1-Wagen mit einem Ochsenkarren. Nur: Damals nannte man es Züchtung und fühlte sich dabei wie ein tüchtiger Bauer, heute nennt man es Gentechnik und gruselt sich vor Dr. Frankenstein. Der Unterschied liegt weniger in der Sache als im Image. 

Besonders reizvoll wird es, wenn dieselben Menschen, die genmanipulierte Pflanzen verteufeln, völlig ungerührt Insulin spritzen, das mithilfe genetisch veränderter Bakterien produziert wurde. Hier endet die moralische Empörung abrupt an der Grenze des eigenen Blutzuckerspiegels. Was den eigenen Körper rettet, ist Fortschritt; was den Maisertrag steigert, ist Hybris. Die Logik folgt dabei keinem Prinzip, sondern lediglich der unmittelbaren Betroffenheit. 

Die größte Ironie besteht darin, dass Gentechnik vor allem dann akzeptiert wird, wenn man sie nicht sieht. Waschmittel, Impfstoffe, Textilien – alles Ergebnisse moderner Biotechnologie. Doch sobald das Etikett "genetisch verändert" sichtbar auf einer Verpackung prangt, setzt eine reflexhafte Abwehr ein, als hätte man es mit radioaktivem Spinat zu tun. Offenbar ist nicht die Technik das Problem, sondern ihre Ehrlichkeit. 

Die eigentliche Tragikomödie begann allerdings dort, wo die Gentechnik das Gewächshaus verließ und die Weltpolitik betrat. Covid erinnerte daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur Nutzen, sondern auch Risiken produziert. Die Laborhypothese, einst als Ketzerei verfolgt, wird inzwischen in seriösen Kreisen diskutiert. Zugleich wurden die mRNA-Impfstoffe nicht nur als medizinisches Werkzeug präsentiert, sondern als hypermoralisch überladenes Sakrament. Wer berechtigte Fragen stellte, galt rasch als Häretiker. Geblieben ist Misstrauen gegen die Wissenschaft und gegen jene Funktionäre, Journalisten und Experten, die Wissenschaft mit Unfehlbarkeit verwechselten.

Die Angst vor der Gentechnik sagt weniger über die Technologie aus als über den Menschen selbst. Sie zeigt einen Zeitgenossen, der die Früchte des Fortschritts gern genießt, aber ungern an dessen Entstehung erinnert wird. Der den Wandel liebt, solange er unsichtbar bleibt, und ihn fürchtet, sobald er ein Gesicht bekommt.

So steht er da, der moderne Konsument: mit Bio-Siegel im Einkaufswagen, Smartphone in der Hand und Insulin im Kühlschrank – und ist fest überzeugt, auf der Seite der Natur zu stehen. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so selbstgerecht oberlehrerhaft vorgetragen würde. 

 

Silvio Pötschner ist HNO-Facharzt und Gerichtssachverständiger.