Vorsicht! Thukydides-Falle
Thukydides und kein Ende
Auch die Philosophen haben sich oft und gern mit besagter Falle beschäftigt. Und da der berühmte General und Historiker der Griechen selbst ein anerkannter politischer Denker war und bleibt: umsomehr.
Da die besagte "Falle" jedoch der unausweichlichen Anerkennungslogik unter Menschen folgt, kann sie nicht nur in der Realität der politischen Weltgeschichte, sondern bereits in jeder Schulklasse, in jeder Fakultät und Firma und auch unter "modebewussten" schönen Frauen aufgespürt werden.
Als "Falle" wurde sie von und unter Historikern und deren Nachbetern entdeckt, weshalb ihre nachfolgende Echo-Karriere oft nur die eines vermeintlich gelungenen Bonmots sein konnte. Ein Bonmot, das an das wissenschaftlich gemeinte Bonmot von den Schläfern erinnert, die, hätten sie nur nicht geschlafen, ganz leicht den Beginn des Ersten Weltkrieges hätten verhindern können.
Damit die besagte Falle erfolgreich zuschnappen kann, müssen allerdings gewisse günstige Voraussetzungen gegeben sein, die wiederum durch günstige Gesamtentwicklungen Realität geworden sein müssen. Die Handlungsräume der innerhalb der Falle Interagierenden müssen einer relativ "unipolaren" Welt angehören, sie müssen einen ideellen zentralen Mittelpunkt besitzen oder anstreben: die schönste Frau, den besten Manager, den besten Mannschaftssportler auf seinem zugewiesenen Posten.
Ein anderes Beispiel: In einer Musiker-Meisterklasse (jedes Instruments und jeder Singstimme) profilieren sich nach einiger Zeit unter vielleicht dreißig Mitbewerbern zwei als allerbeste. Diese müssen, und das ist entscheidend, als beste verbindlich, also unter verbindlichen Regeln anerkannt sein. (In moderner Kunst, die ohne Regeln vorwärtstürmt, spielt der Dünkel der Kuratoren den nicht mehr regelbasierten Ersatzkaiser.)
"431"
Auf der Bühne der politischen Weltgeschichte hatte sich das versammelte Ensemble der Bedingungen um 431 zur relativ unbedingten Bedingung geschürzt. Sparta oder Athen lautete die Losung der Weltgeschichte. Alle anderen Stadtstaaten der hellenischen Hemisphäre mussten oder durften mitkämpfen.
Also war gegeben: 1.) Unipolarität - eine gemeinsame und begrenzte Welt. 2.) Eine verbindlich abgeschlossene Vorauswahl - eine Selektion auf Leben und Tod, und 3.) Eingriffe besserwissender oder machtkonkurrierender Außenwelten waren zur Stunde nicht möglich.
"431" hatte Glück: der Überfall der Perser lag 50 Jahre zurück, und der spätere Überfall der Römer lag noch im Talon der damaligen Weltgeschichte. (Das Imperium der Roma Aeterna erreichte erst um das "biblische Jahr Null" das triumphale Ende seiner italischen Selektionsgeschichte.)
Wir nachgeborene Besserwisser fragen selbstverständlich: Aber vielleicht hätten die damaligen Kandidaten der Falle nur etwas mehr und länger "miteinander reden" sollen, "peloponnesisch" vielleicht, und danach wären sie friedlich heimgekehrt und hätten auf ihr gegenseitiges Abschlachten verzichtet? (Ähnlich wie man heute auf die Machthaber der Putin-Demokratie in Moskau nur genügend lange einreden müsste, um sie von ihrem nächsten Triumph abzuhalten. – (Ausgiebig berichtet Thukydides über das Vermittlungs-Gerede in Korfu, Korinth usf.)
Zahlreiche Alternativen zur "Thukydides-Falle" scheint die Geschichte der Menschheit anzubieten. Beispielsweise das christliche Urprinzip: Wer unter Euch der Erste sein möchte, der nehme seinen Stuhl und platziere sich als Letzter in der Reihe. (Wonach es unter "Geistlichen" keine ungeistlichen Kämpfe um geistliche Ämter geben sollte, weil unter ihnen keine Kämpfe um Anerkennung tobten.)
Einen vollständigen Ausstieg aus den Selektionsgemetzeln der berühmt-berüchtigten Falle scheint eine andere Alternative zu eröffnen. In einer multipolaren Welt, die offensichtlich auf einer fiktiven Wunsch-Wunderkugel mit mehr als zwei Polen basiert - gerät die Falle des Generals in unlösbare Probleme: Soll sich Trump von den Lügenbaronen und Massenmördern des gottesstaatlichen Iran endlos in den Wind stellen lassen, oder soll er ihnen ("völkerrechtswidrig") letztes Saures geben, oder soll er sich - wie Biden in Afghanistan - mit vollen Hosen aus dem Staub machen?
Von der Thukydides- zur Bibel-Falle
Nachdem das Edikt Konstantins des Großen von 313 dem Christentum freie Religionsausübung gewährt und Theodosius I. das Christentum zur Staatsreligion erheben hatte, stellten sich andere Fallen ein, die auch einen Thukydides hätten verzweifeln lassen.
Denn kaum 500 Jahre später, um das Jahr 1080, hatte ein Papst, dessen trauriger Name nicht vergessen wurde, in den Geschichten des Alten Testaments herausgefunden, dass Gott den dringenden Wunsch hege, das Heilige Grab zu Jerusalem endlich doch unter das Eigentumsrecht der römisch-katholischen Christenheit zu verfügen, obwohl diese mittlerweile im westlichen Europa angekommen war.
Wie sich Thukydides, dem Götter und vergötterte Menschen-Heroen geläufig waren, zu den Manien des frühchristlichen Reliquienkultes gestellt hätte, ist wohl noch weniger erforschbar als die Geometrie einer multipoligen Kugel.
Wie auch immer, Faktum bleibt bis heute: Eine Bibel-Falle hatte die Thukydides-Falle abgelöst.
Eine noch nicht diverse und noch nicht queere Falle, weil die Bibel noch bis vor Kurzem (wie schon seit 2000 Jahren davor in jeder Art der Christenheit) als das Buch aller Bücher und als das Erste und Letzte Wort Gottes in hohem und höchstem Ansehen stand.
Die vordiverse biblische Falle war noch ganz anderer Art, sie ist noch heute unter dem Namen Bibelstechen bekannt.
Doch dieser Methode hat sich der traurige Papst gewiss nicht bedienen müssen, um zu seinem unfehlbaren Urteil zu gelangen, das ihm erlaubte, den aktuellen Willen Gottes zu verlautbaren. Denn die Gründe des Papstes und seiner höchsten Berater, die bald zu einem mehrhundertjährigen Krieg zwischen "Orient und Okzident" führen sollten, mussten dem Heiligen Geist der Bischöfe und ihren berufenen Kongregationen zur unumstößlich richtigen, vulgo heiligen Entscheidung vorgelegt werden.
Mit einem Wort: sie waren hieb- und stichfest gewesen, weil sie unter einer unübersehbaren Vielfalt kodifizierter Gottesworte das einzig richtige fanden, das in eine gottselige Zukunft führte.
Die Glaubenslage der Kirche war tragisch. Hatte schon die jüdische Schwesterreligion gleich zu Beginn einen Gottesmord begangen, hatte sich nun die andere abrahamitische Schwesterreligion eines Grabraubes schuldig gemacht, das Weitere ist bekannt. Sparta besiegte Athen, und die christlichen Armeen holten sich mehr als blutige Nasen.
Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.
