Berlin: Fasse es, wer es kann!
20. September 2026. Wahlen zum Abgeordnetenhaus der deutschen Bundeshauptstadt Berlin. Die postkommunistische "Linke" steigert ihren Stimmenanteil von 12 auf fast 26 Prozent und wird stärkste Fraktion. Wer es fassen kann, der fasse es.
Nach dem Kriegsende 1945 wurde der östliche Teil Deutschlands zur sowjetisch besetzten Zone (nur West-Berlin blieb ein freies Einsprengsel). 1949 erklärte die (kommunistische) Einheitspartei dieses Gebiet zum eigenen Staat DDR.
Die Revolte am legendären "Siebzehnten Juni 1953" wurde niedergeschlagen, und selbst der in Ostberlin lebende kommunistische Dichter Bert Brecht spottete, das Regime solle sich ein anderes Volk wählen.
Weil der DDR-Diktatur die "Republikflüchtlinge" in Massen davonliefen, ging in Deutschland von Nord nach Süd der "Eiserne Vorhang" in Form von mörderischen Stacheldraht- und Elektrozäunen nieder. In Berlin wurde am 13. August 1963 der kommunistische Ostteil durch die berüchtigte "Berliner Mauer" abgetrennt, an der jeder abgeknallt wurde, der sie überwinden wollte, was zahllose menschliche Tragödien zur Folge hatte.
Ein österreichischer Journalist stand vier Monate später, im Dezember 1961, davor – und dahinter. In seiner Reportage schrieb er: "Die Dächer der angrenzenden Häuser sind mit Stacheldraht abgeriegelt, die Fenster zugemauert; tote Augen starren nach Westberlin." Die Stadt habe auf ihn gleichzeitig aufgewühlt und gelähmt gewirkt. Familien, Freundschaften, Wirtschaft, Kultur waren zerrissen worden.
Die Möglichkeit, als Österreicher auch hinter die Mauer zu schauen, wollte er sich als junger und neugieriger Pressemann nicht entgehen lassen. Sein Bericht verdient ein längeres Zitat:
"Auf eine Fahrt mit der leeren S-Bahn folgte eine skurrile Grenzkontrolle. Ein uniformierter ,VoPo‘ (Volkspolizist) stand im Freien auf dem Gehsteig. Aus einem textilverhangenen Fenster einer ebenerdigen Wohnung ragte ein Arm, der mir meinen Reisepass abnahm und nach zwanzig Minuten retournierte. Ich überquerte am einst so belebten Alexanderplatz leere Flächen, die den Eindruck von Schussfeldern machten und auch solche waren.
Auf den werbefreien Plakatflächen war zu lesen: ,Wer die DDR angreift, wird vernichtet’. Die bedrückende Atmosphäre, optisch von Doppelposten mit umgehängten Kalaschnikows dominiert, habe ich nur eine Stunde ausgehalten. Bei der Ausreise aus der ,DDR’ wurde ich dreimal gefilzt.
Am Bahnhof fragte ich eine ältere Uniformierte nach dem Bahnsteig des Zugs nach West-Berlin. Sie erstarrte. Ihr Augen waren in eine unbekannte Ferne gerichtet und sie stammelte mehrmals: ,Nach West-Berlin, nach West-Berlin…‘ Sie wird da drüben wohl liebe Menschen gehabt haben.
Sie riss sich zusammen und zeigte mir den Weg. Ich war wieder der einzige Fahrgast der S-Bahn. Bei der Ankunft im Westen wusste ich, wie Freiheit schmeckt."
Dass in Berlin jetzt eine relative Mehrheit der postkommunistischen "Linken" zustande kam, fasse, der es fassen kann.
Die "DDR-Diktatur des Proletariats" hatte eigentlich schon mit der Einrichtung der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) begonnen, deren letzter Berliner Parteichef der kommunistischen SED, Günter Schabowski, nach der "Wende", dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer volksdemokratischen Satelliten 1989, glaubwürdig eingestand, dass sein Motiv als Politiker die Legitimierung der Diktatur des Proletariats gewesen sei; er setzte selbstkritisch und selbstironisierend fort, dass dazu "das Volk parieren musste, was immer wir ihm auftrugen oder vorsetzten, denn wir waren die einzigen, die wussten, was gut für das Volk sei."
Ein erschütterndes Stimmungsbild zur Berliner Mauer zeichnet ein (gekürztes) Zitat aus John LeCarrées weltweit berühmt gewordenem Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam":
Ein britischer Spion sollte, von seiner Freundin begleitet, in der DDR einen heiklen Auftrag erfüllen und danach über die Mauer wieder zurückgeschleust werden.
"Zwei Minuten", flüsterte er. Sie starrte geradeaus auf die Mauer. Der Scheinwerfer des Wachtturms kam langsam auf sie zu und hielt unmittelbar vor ihnen an. Leamas sah auf die Uhr. "Fertig?" fragte er. Sie nickte. Plötzlich stieß er an den rauhen, harten Beton. In den Stein waren Eisenklammern, ähnlich den Kletterhaken, geschlagen. Laemas ergriff den obersten und zog sich schnell hoch, bis er den Scheitel der Mauer erreicht hatte. Er legte sich flach auf die Mauer, ergriff ihre ausgestreckten Hände und begann sie langsam nach oben zu ziehen.
Plötzlich schien die Welt in Flammen aufzugehen; von überall her, von oben und beiden Seiten vereinigten sich mächtige Lichtstrahlen und trafen sie mit unbarmherziger Genauigkeit. Dann schossen sie.
Er hörte eine Stimme von der Westseite auf englisch rufen: "Spring, Alec, spring!" Er hielt die Hand über seine Augen und sah an der Mauer hinunter. Schließlich entdeckte er sie. Sie war tot.
Sie schienen zu zögern, bevor sie schossen. Schließlich gaben sie zwei oder drei Schüsse auf ihn ab.
So war es, 1963 und die Jahre danach.
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Evangelium nach Matthäus (Kapitel 19, Vers 12): Wer es fassen kann, der fasse es.
Willi Sauberer, Schüler Hugo Portischs, war ab 1961 Mitarbeiter von Alfons Gorbach, Josef Klaus und Hermann Withalm und von 1971 bis 1994 Chefredakteur einer kleinen Salzburger Tageszeitung. Der konservative Publizist schreibt vorwiegend über gesellschaftspolitische, zeithistorische und lokal-geschichtliche Themen.
