"Österreich wird frei!“: Aus meinem Tagebuch, 15. Mai 1955
Wir sind frei! Österreich hat den Staatsvertrag! (So beginnt das Tagebuch der damals 17-Jährigen Autorin, das wir in der Originalversion hier wiedergeben).
Mit diesen, für uns so hoffnungsvollen Worten kann ich meine Aufzeichnung beginnen. Ich will kein Tagebuch im üblichen Sinne führen, sondern all jene Ereignisse, die mir als besonders bemerkenswert erscheinen und die mich beeindruckt haben, aufschreiben, um in späteren Jahren die schöne Zeit der Jugend wieder aufzufrischen.
Und der Staatsvertrag ist mir Anlass genug, dies Büchlein anzufangen.
Schon Donnerstag wurden die Verhandlungen über unser Schicksal abgeschlossen. Wir konnten es nicht fassen, als Freitag die Zeitungen verkünden: "Österreich wird frei!" Wird frei! Und als Pessimisten glaubten wir noch nicht recht daran. Doch schon nachmittags trafen McMillan, Pinay und Dulles in Wien ein. Nur Molotow kam erst Samstag. Zur Feier des Tages entließ man uns Samstag schon um 10 Uhr aus der Schule.
Und nun kam der Sonntag, der 15. Mai 1955, der somit als historischer Tag in die österreichische Geschichte eingegangen ist.
Wie schön, dass das alles im Mai ist: Das Kriegsende, der Staatsvertrag… und mein Geburtstag.
Um ½ 10 Uhr vormittags gingen wir aus dem Bundeskonvikt, um ja zeitig genug dort zu sein. Schon im I. Bezirk begleiteten uns die Menschenmassen. Wir (Ursel, Christl, Helga und einige andere) gingen in die Prinz-Eugen-Straße hinauf. Oben erfuhren wir, dass der Eingang in den Garten nur vom Rennweg gestattet sei. Wir stürmten wieder zurück und rundherum, bis wir endlich (ungefähr 15. Reihe) einen Platz vor dem Belvedere einnehmen konnten.
½ 12 Uhr: Feierliche Unterzeichnung des Staatsvertrages durch die Außenminister Russlands Molotow, Englands McMillan, Frankreichs Pinay, Amerikas Dulles und Österreichs Figl.
12 Uhr: Die Menge erwartet ungeduldig das Erscheinen der "großen Männer" auf dem Balkon des Belvederes. Die Glocken läuteten ¼ Stunde.
Endlich ging die Tür auf. Nun sollte der Augenblick kommen, wo wir den Ministern zujubeln. Sie erschienen auf dem Balkon, Figl zeigt freudestrahlend den Staatsvertrag mit den Unterschriften und Siegeln. Das Herz blieb uns fast stehen, so überwältigt waren wir; ich bin stolz, sagen zu können, einer solch bedeutungsvollen Handlung beigewohnt zu haben. Wir freuen uns, wir applaudieren, wir jubeln! Es ist soweit! Österreich ist wieder frei!
Am Nachmittag waren wir trotz des strömenden Regens wieder auf der Straße. Wir gingen in den Stephansdom, um einem feierlichen Te Deum, zelebriert von S. Excellenz Dr. Innitzer, beizuwohnen. Der Dom war mit Menschen gefüllt, man hatte kaum Raum zu atmen. Es regnete weiter! Aber Raab und Figl störte das nicht. So standen sie im Regenmantel auf der Tribüne und sprachen zu uns, zur Jugend, den künftigen Österreichern! "Hoch Figl!" erschallte es im Chore. Eine rot-weiß-rote Flagge wurde von der Spitze des Turmes gehisst, und die Bundeshymne wurde angestimmt. Noch nie habe ich so etwas Feierliches erlebt. Tränen kamen mir in die Augen voller Stolz und Patriotismus! Denn mein Österreich liebe ich!
Den Abschluss dieses herrlichen Tages bildete die Rathausbeleuchtung, die ein Erlebnis für sich ist.
Alles ist so eindrucksvoll! Die Menge schweigt. Etage um Etage wird hell, ein Walzer erklingt. Das ehrwürdige Rathaus zeigt sich von seiner schönsten Seite. Und wir können alles miterleben! Auf abenteuerlichem Wege schoben wir uns über die im Bau befindliche Opernkreuzung zum Hochstrahlbrunnen. Es war herrlich anzusehen. Die Farben des Wassers wechselten rasch, und ein Bild war schöner als das andere. Wir bestiegen den russischen Panzer, der den "Stalinplatz" schmückt (und dies nicht mehr lange tun wird!), um auch von oben einen Blick auf das herrliche Rot, Blau, Grün, Lila und Weiß der Wasserstrahlen tun zu können.
Um 11 Uhr fielen wir ins Bett, wir waren 11 Stunden auf der Straße. Aber trotzdem verging dieser Tag noch allzu schnell.
Hoffen wir nun, einer besseren und schönen Zukunft entgegengehen zu können. Möge das Wort "Krieg" nie wieder in Österreich eine Rolle spielen!
Dkfm. Mag. Ingrid Bauer war Lehrerin für kaufmännische Fächer und Datenverarbeitung sowie fast 30 Jahre Administrator in der HAK, wo sie selbst Schülerin war. Pension mit 65 Jahren. ("Ich hätte auch noch länger gearbeitet.") Daneben Hobbypianistin für klassische Musik.
