Heinz Engl
Heinz Engl | 10. November 2011

Gekürzte Fassung der Inaugurationsrede des Rektors der Universität Wien, Heinz W. Engl am 3.Oktober 2011

Ein Rektor übernimmt die Universität von seinem Vorgänger und hat die Verpflichtung, dieses Erbe pfleglich zu behandeln, weiter zu entwickeln und an den Nachfolger oder die Nachfolgerin zu übergeben. Diese Aufgabe erfülle ich gemeinsam mit meinem Team: Prof. Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Vizerektorin für Forschung und Nachwuchsförderung,  Prof. Heinz Faßmann, Vizerektor für Personalentwicklung und Internationale Beziehungen Prof. Christa Schnabl, Vizerektorin für Studierende und Lehre, Dr. Karl Schwaha, Vizerektor für Infrastruktur.

Universitäten sind Teil der Gesellschaft und orientieren sich damit einerseits an den Bedürfnissen dieser Gesellschaft in der jeweiligen Phase ihrer Entwicklung, haben aber andererseits eine starke Rolle bei der Weiterentwicklung dieser Gesellschaft. Um ihre Kernaufgaben in Forschung und Lehre (in Verbindung miteinander) wahrnehmen zu können, müssen sie bei der Gesellschaft, welche die Universitäten ja immer (bei uns hauptsächlich über den Staat) in der einen oder anderen Weise finanzieren wird, um Verständnis für ihre zentrale Rolle werben und auch davon überzeugen, dass die Universitäten die in sie investierten Mittel zum Wohle der Gesellschaft einsetzen (und dies natürlich auch tun).

Forschung und Lehre

Während in der Forschung für jede Universität klar sein sollte, dass diese nur auf einem international konkurrenzfähigen Niveau betrieben werden kann, muss sich jede Universität in der Lehre die Frage stellen, ob sie sich (etwas vereinfacht ausgedrückt) als Massen- oder als Eliteuniversität verstehen will. Die Antwort kann dabei für die meisten Universitäten keine eindeutige sein. Nur eine Handvoll Universitäten wie etwa Harvard können als ihre Aufgabe die reine Elitenausbildung sehen.

In Österreich war es lange so, dass alle tertiären Bildungseinrichtungen alle Aufgaben zugleich erfüllen sollten, und das in möglichst uniformer Qualität. Erst die Universitätsautonomie und die Einrichtungen von Fachhochschulen haben die Konkurrenz und die Ausdifferenzierung belebt, dieser Prozess wird sich gerade in Zeiten budgetärer Knappheit beschleunigen. Diese Ausdifferenzierung sowohl im Fächerspektrum im Sinne der oft beschworenen Schwerpunktbildung als auch in der Betonung einerseits der Grundlagen und andererseits der Anwendungsorientierung ist durchaus zu begrüßen. Für die Universität Wien ist es dabei wichtig, ihr breites Fächerspektrum und die besonderen damit verbunden Möglichkeiten zu interdisziplinären Programmen sowohl in der Forschung als auch in der Lehre zu erhalten und auch noch besser zu nutzen.

Universität und Fachhochschulen

Der aktuelle Hochschulplan fordert den Ausbau der Fachhochschulen. Von der ehemaligen Regierungsvereinbarung, nach der bis 2015 ein Drittel der Studienanfängerinnen und Studienanfänger an Fachhochschulen studieren sollten, sind wir derzeit weit entfernt. Ein Ausbau des Fachhochschulsektors, der nicht auf Kosten der Universitäten geht, sondern zusätzliche Möglichkeiten für tertiäre Bildung schafft, ist zu begrüßen. Das Grundprinzip, dass Fachhochschul-Studienplätze nur eingerichtet werden, wenn sie auch finanziert sind, sollte auch für die Universitäten gelten; auch davon sind wir weit entfernt. Die derzeitigen Überlegungen zu einer echten Studienplatzfinanzierung, verbunden mit einer Vollkostenfinanzierung der Forschung, geben Anlass zu Hoffnung.

Kooperationen im akademischen Bereich

Innerhalb des universitären Sektors ist es wichtig, die richtige Balance zwischen Konkurrenz und Kooperation zu finden. So halte ich es durchaus für sinnvoll, wenn es am Wiener Standort in den Natur- und Lebenswissenschaften Studienangebote mit unterschiedlichen Schwerpunkten an mehreren Universitäten gibt, wenn zugleich die bereits begonnenen Kooperationen fortgeführt und verstärkt werden. Ein besonderer Schwerpunkt soll für uns dabei die Vertiefung der Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien in Projekten zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung sein. Das erfolgreiche Beispiel der Errichtung eines gemeinsamen High-Performance-Computing Centers zwischen der Technischen Universität Wien und der Universität Wien unter Beteiligung der Universität für Bodenkultur zeigt, dass wir durch Kooperation bei Planung, Anschaffung und Betrieb teurer Forschungsinfrastruktur durchaus mit der internationalen Konkurrenz mithalten können, diese Kooperation dafür aber auch notwendig ist.

Auch für die künftige Gestaltung der Lehramtsstudien wird die Beantwortung der Frage nach Konkurrenz und Kooperation, in diesem Fall mit den Pädagogischen Hochschulen, wichtig sein. Für die Universität Wien, die bereits jetzt die größte Lehrerausbildungsstätte Österreichs ist, ist die Lehramtsausbildung von zentraler Bedeutung. Ich glaube, dass es für das gesamte Bildungssystem in unserer Wissensgesellschaft wichtig ist, dass die künftigen Lehrerinnen und Lehrer während ihrer Ausbildung an der Universität mit aktuellen Entwicklungen in der Forschung zumindest in Berührung kommen. Ich hoffe, dass die Rahmenbedingungen der neuen Lehramtsausbildung bald politisch geklärt sind; wir werden uns dann den dabei auf uns zukommenden Herausforderungen gerne stellen.

Als (derzeit noch) Leiter eines großen Forschungsinstituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist mir bewusst, wie wichtig die Kooperation zwischen der Akademie und der Universität für beide Seiten und für die österreichische Forschungslandschaft insgesamt ist. In der Weiterentwicklung dieser Kooperation zwischen der Universität Wien und der Akademie sehe ich große Chancen für beide Seiten, gerade in budgetär schwierigen Zeiten.

Bolognaprozeß - Studium - Karriere

Die Universität hat, insbesondere in ihren Bachelor-Studiengängen, auch eine breite Bildungsaufgabe. Sie kann dieser allerdings nur nachkommen, wenn angemessene Betreuungsrelationen sichergestellt sind, was derzeit zumindest in einigen Studienrichtungen bei weitem nicht der Fall ist. Unter Betreuungsrelationen verstehe ich dabei nicht nur das Zahlenverhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden, sondern auch die Verfügbarkeit ausreichender Raum- und Laborkapazitäten. Gute Betreuungsverhältnisse sind gerade in der Anfangsphase des Studiums wichtig, und zwar insbesondere für solche Studierende, die von nicht so guten Schulen, aus bildungsfernen Schichten oder von einem Migrationshintergrund her kommen und damit möglicherweise Umstellungsschwierigkeiten haben. Es ist klar, dass wir (bei beschränkten Budgets, von denen man realistischerweise ausgehen muss) Zugangsregelungen brauchen werden, um gerade in der schwierigen und entscheidenden Anfangsphase des Studiums auch die nötige Förderung bieten zu können. Zugangsregelung muss dabei nicht unbedingt Zugangsbeschränkung heißen.

In seiner Inaugurationsrede vom 4. Februar 2000 hat Georg Winckler für das österreichische Studienrecht die Europäisierung des Bildungssystems im Sinne einer Konkretisierung der Bologna-Erklärung aus dem Jahr 1999 gefordert. Diese Vision ist inzwischen Wirklichkeit geworden, die Bologna-Umstellung an der Universität Wien ist weitgehend abgeschlossen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass weitere Schritte notwendig sind, um auch den Geist von Bologna in unser Studiensystem zu bringen. In manchen Studienrichtungen besteht für die Studierenden zu wenig Wahlfreiheit, die eigentlich charakteristisch für ein universitäres Studium sein sollte; die Spezialisierung und die Regulierung sind möglicherweise zu stark. Naturwissenschaften etwa leben heute mehr denn je von der Kooperation untereinander, die Disziplinengrenzen lösen sich auf. Der frühere Akademiepräsident und emeritierte Professor der Universität Wien Peter Schuster regte in einem Symposium im letzten Jahr die Einführung eines gemeinsamen „Bachelor of Science“-Studiums und eine Aufspaltung in die einzelnen Fächer erst während des Masterstudiums an. Nun ist so etwas möglicherweise im Detail schwer zu realisieren, aber Überlegungen in diese Richtung anstellen könnte man durchaus. Oder man könnte auch die Einrichtung von Studien überlegen, die nicht rein disziplinenorientiert sind, sondern zumindest in der Anfangsphase einen gesellschaftlich wichtigen Themenbereich von einer Disziplinen- und Methodenvielfalt her beleuchten. Eine Schwierigkeit dabei ist natürlich das Finden des richtigen Verhältnisses von Breite und Tiefe.

Nicht jeder Bachelor-Studierende soll und will Wissenschafter werden, ein eigenes Berufsbild für Absolventen der Bachelorstudien ist zum Teil noch zu entwickeln. Es wäre dabei ein wichtiges Signal, wenn endlich der Bund auch Absolventen von Bachelorstudien als Akademikerinnen und Akademiker anerkennen würde.

Eine große, noch zu wenig realisierte Chance des Bologna-Systems sehe ich in der vertikalen Mobilität. Um ein Beispiel aus meinem eigenen Fachbereich zu bringen: Natürlich wird es auch weiterhin sinnvoll sein, nach einem Bachelorabschluss in Mathematik ein Masterstudium in Mathematik oder in Computational Science zu beginnen. Es schafft aber völlig neue Kompetenzfelder, wenn man etwa ein Masterstudium in Bioinformatik einrichtet, das (mit entsprechenden Eingangsmodulen) von Bachelorstudien wie Mathematik, Informatik, Physik, Chemie oder Biologie aus zugänglich ist. Wir werden gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur und der Medizinischen Universität Wien in diese Richtung gehen. Auch in anderen interdisziplinären Feldern, etwa der Internationalen Entwicklung, könnte man in diese Richtung denken.

In der letzten Zeit wurde manchmal der Zustrom von Studierenden aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, für derzeitige Probleme verantwortlich gemacht. Ich möchte betonen, dass internationale Mobilität ein Grundpfeiler des europäischen Bildungsraums ist und bleiben muss. Wir wollen ein attraktiver Studienort für internationale Studierende sein, insbesondere im Master- und Doktoratsstudium. Die Universität Wien hat das Doktoratsstudium in den letzten Jahren neu strukturiert und in Richtung klarer Forschungsorientierung weiterentwickelt. Es muss ein Schwerpunkt in den nächsten Jahren (sowohl der Universität Wien als auch des FWF) sein, die Finanzierung von Doktoratsstudien deutlich zu verbessern. Doktorandinnen und Doktoranden leisten heute einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt der Forschung, das Doktoratsstudium muss als der erster Schritt einer wissenschaftlichen Karriere und damit als Beruf anerkannt und auch behandelt werden.

In der weiteren Entwicklung einer wissenschaftlichen Karriere bestand bisher ein grundlegender Unterschied zwischen den USA und dem System in Österreich und Deutschland: Charakteristisch für die USA sind die frühe Selbständigkeit und auch die Mobilität junger Forscherinnen und Forscher. Diese frühe Entlassung in die Selbständigkeit ist natürlich eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. Die Universität Wien hat begonnen, ihre Karriereentwicklung in diese Richtung umzustellen. Dies kann aber nur funktionieren, wenn auch verstärkt kompetitive Mittel für den Aufbau von Forschungsgruppen zur Verfügung stehen. Den jährlich etwa sechs diesem Zweck dienenden START-Preisen des FWF stehen mehr als dreißig analoge Forschungsprofessuren des Schweizerischen Nationalfonds gegenüber. Die angekündigte Erhöhung der Mittel des European Research Council (ERC) ist für diesen Bereich von besonderer Bedeutung. In dieser entscheidenden Phase der Karriereentwicklung müssen auch spezielle Frauenfördermaßnahmen ansetzen und bestehende Programme, etwas des FWF, verstärkt werden.

Grundlagenforschung – angewandte Forschung

Auf dem Weg über die Doktoratsausbildung komme ich damit vom Studium nochmals zur Forschung. Der eben veröffentlichte Hochschulplan definiert als Aufgabe der Universitäten die Grundlagenforschung, als Aufgabe der Fachhochschulen die angewandte Forschung. Wenn man dem auch in der Grundtendenz zustimmen kann, so überzeugt mich insbesondere meine eigene Erfahrung als Professor für Industriemathematik davon, dass die beiden Bereiche schwer voneinander zu trennen sind. Angewandte Forschung kann nur auf Basis hochwertiger Grundlagenforschung wirklich erfolgreich sein. Auch und gerade für die Wirtschaft, die sich die benötigte Expertise auf dem internationalen Forschungsmarkt besorgen kann, sind nur Forschungspartner wirklich interessant, die die nötige Basis in der Grundlagenforschung aufweisen können. Mehr denn je gilt der Satz von Max Planck „Dem Anwenden muss Erkennen vorausgehen“.

Die Gründung der Treibacher Chemischen Werke durch Carl Auer von Welsbach zeigt, dass erfolgreiche Grundlagenforschung manchmal wirtschaftliche Umsetzung auch kurzfristig nach sich ziehen kann. Meist aber ist der Zeitraum zwischen Grundlagenforschung und wirtschaftlicher Umsetzung wesentlich länger. Ich möchte hier ein Beispiel aus meinem engeren Fachgebiet anführen, das mit Johann Radon, einem bedeutenden Wiener Mathematiker, der 1954 auch Rektor der Universität Wien war, zu tun hat. Dazu möchte ich drei scheinbar unzusammenhängende Fragestellungen formulieren:

  1. Nur für Mathematiker verständlich: Kann man eine Funktion von zwei Variablen aus den Werten aller ihrer Linienintegrale rekonstruieren?
  2. Stellen Sie sich ein Geländemodell, etwa eines Gebirges, vor. Nehmen wir an, wir könnten für jeden zweidimensionalen Schnitt durch dieses Gebirge orthogonal zur Grundfläche jeweils das Gewicht bestimmen. Kann man aus diesen Daten die Form des Gebirges rekonstruieren?
  3. Kann man aus der Schwächung von Röntgenstrahlen in alle oder viele Richtungen durch einen Körper die Dichteverteilung innerhalb dieses Körpers rekonstruieren?

Alle drei Fragen sind in ihrem mathematischen Kern völlig äquivalent. Während die erste Frage eine rein mathematische und die zweite eine ziemlich unnötige Denksportaufgabe ist, stellt die dritte Frage das dar, was in der Computertomographie stattfindet. Die Antwort auf die erste Frage, die Johann Radon 1917 ohne jede praktische Motivation gesucht, gefunden und auch publiziert hat, liefert daher auch die Basis für die Antwort auf die dritte Frage und damit die Grundlage für die mathematischen Algorithmen der Computertomographie und aller darauf aufbauender moderner medizinischer Bildgebungsverfahren. Diese Verfahren haben die medizinische Diagnostik revolutioniert und eine Milliardenindustrie geschaffen.

Viele Ergebnisse der Grundlagenforschung werden nie irgendeine Umsetzung finden, können auch in Irrwege führen. Natürlich lässt sich das aber nicht im Vorhinein feststellen; auch deshalb ist neugiergetriebene Grundlagenforschung einerseits als Selbstzweck, als Erfüllung eines Erkenntnistriebs, andererseits aber gerade für eine erfolgreiche spätere Umsetzung notwendig. Dies heißt trotzdem nicht, dass alles und jedes in der Forschung ohne Rechtfertigung und Motivation gefördert werden kann. Instrumente zur Entscheidung über Förderungen sind entsprechende Evaluierungsverfahren, die allerdings nicht in der Verkürzung auf wenige quantitative Indikatoren bestehen können, sondern auf inhaltlicher Begutachtung, also Peer-Review, aufbauen müssen.

Ausblick

Es ist die Aufgabe eines Rektorats, auch neue, zukunftsträchtige Forschungsrichtungen und vor allem fächerübergreifende Kooperationsmöglichkeiten zu identifizieren, Impulse von den Forscherinnen und Forschern der eigenen Universität und externer Ratgeber aufgreifend. Die einzigartige fachliche Breite verbunden mit hochwertiger disziplinärer Forschung an der Universität Wien bietet die Chance, in einigen Bereichen auch weltweit führend sein zu können. Dies zeigen auch Erfolge unserer Wissenschafterinnen und Wissenschafter bei europäischen Forschungsprogrammen und –preisen. Die weitere Stärkung der Universität Wien als europäische Forschungsuniversität mit weltweitem Ansehen ist ein Ziel dieses Rektorats.

Österreich hatte seit Mitte des 20. Jahrhunderts mindestens vier verschiedene Universitätsorganisationsmodelle, von einer Gremienuniversität mit direkter staatlicher Steuerung zu einer nun autonomen Universität mit klaren internen Entscheidungs- und Verantwortungsstrukturen. Expertenorganisationen wie eine Universität benötigen für ihr Funktionieren, dass die Expertise der an der Universität Tätigen in die Entscheidungsfindungsprozesse eingebracht werden kann. Um dies verstärkt zu ermöglichen, sind die Mechanismen der internen Kommunikation in alle Richtungen zu verbessern. Bei einer großen und komplexen Universität wie unserer ist dies leichter gesagt als getan, das Rektorat wird diesem Aspekt aber große Aufmerksamkeit widmen. Gerade in schwierigen Zeiten, die uns möglicherweise bevorstehen, werden wir die Universität nur gemeinsam mit allen ihren Angehörigen, denen ihr Gedeihen ein Anliegen ist, voranbringen können. Ich lade Sie herzlich ein, diesen Weg gemeinsam mit dem Rektorat zu beschreiten.

 

Über den Autor

Univ.Prof.Dr. Heinz Engl ist Mathematiker, Träger zahlreicher  hoher Auszeichnungen und derzeitiger Rektor der Universität Wien. Engl ist seit 1988 Ordinarius für Industriemathematik an der Universität Linz, seit 2002 Wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzzentrum Industriemathematik (IMCC, Linz) und seit 2003 Leiter des Johann Radon Instituts (Computational and Applied Mathematics) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Forschungsgebiete: Inverse und inkorrekt-gestellte Probleme, Industriemathematik

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Leser-Kommentare
Franz Kerschbaum | 17. November 2011 15:26
@durga: Genau um den Virus "Forschungsdrang" gings mir! Diese jungen Leute sind auch wirklich stolz und motiviert zum Weitermachen (Ph.D.) wenn Sie sich auf der Arbeit wiederfinden! "Independent research" ist das natürlich (noch) nicht.
Franz Kerschbaum | 17. November 2011 09:44
@durga Forschung während der Masterarbeit kommt zumindest in kleineren Naturwissenschaftlichen Fächern (dort kenn ich mich aus) sehr wohl vor. Publikation (vielleicht halt nicht als Erstautor) in internationaler Zeitschrift ist die Regel und nicht die Ausnahme. Eine Frage der Betreuenden, wie gut sie wohl definierte Arbeitspackete definieren können, die in der zur Verfügung stehenden Zeit abschliessbar sind. Dabei ist die wissenschaftsnahe Ausbildung in vorangehenden Praktika und Seminaren natürlich Voraussetzung. Im Massenfach wirds da schwer, das ist mir klar.
durga | 17. November 2011 14:57
@FK

Da ich auch eine beträchtliche Zahl an Diplomanden in meinem (biochemisch/analytisch/biologisch ausgerichteten) Labor betreute, kann ich meine Erfahrung und die meiner Kollegen wiedergeben.

Wenn man möchte, daß der Diplomand innerhalb eines sehr kurzen halben Jahres ausreichend Material für eine Diplomarbeit sammelt, kann die Aufgabenstellung nicht wirklich "ins Neue" gehen. In einem einigermaßen anspruchsvollen Fach braucht der Student vorerst einige Wochen um sich - wenn auch nur oberflächlich - in die Materie einzulesen. Wenn er dann experimentell zu arbeiten beginnt, kann hier überdies vieles schief gehen und zeitintensiv wiederholt werden müssen (wenn er z.B. mit Zellkulturen arbeitet und diese - aus welchem Grund auch immer - insteril werden, kann es oft Wochen dauern, bis er einen neuen Versuch machen oder einen alten reproduzieren kann).

Fazit: Es war uns immer klar, daß wir nur solche Themen ausgeben konnten, die ein möglichst kleines Risiko für Mißerfolg boten, d.h. zu bereits im eigenen Labor etablierten - methodischen/mechanistischen - Grundlagen eine geringfügige Erweiterung in Aussicht stellten. Auch wenn die Ergebnisse dieser Arbeiten publiziert wurden, kann man das Ganze noch nicht unter Forschung einreihen.
Allerdings war es möglich Studenten mit dem Virus "Forschungsdrang" zu infizieren.
Franz Kerschbaum | 15. November 2011 18:48
Eine Hoffnung gebende Antrittsrede!

Ein Punkt, der mir besonders wichtig ist: Im Rahmen der laufenden Gesamtschuldebatte und der damit einhergehenden Infragestellung der Ausbildung der dann dort Lehrenden darf es nicht zu einer weiteren Trennung zwischen Forschung und Lehre kommen. Nur forschungsnah ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer können die Jugendlichen die Faszination eines wissenschaftlichen Studiums vermitteln.
inge schuster | 16. November 2011 13:52
@FK

ich stimme vollkommen zu.

Allerdings meine ich, daß man in der Lehre auch unsere elektronischen Möglichkeiten berücksichtigen sollte. In den USA sind es die Besten unter den Besten, die hervorragende, leicht verständliche Vorlesungen ins Netz stellen.

Der Vorteil für Studenten: sie können jederzeit Teile einer Vorlesung wieder hören und mit den dazu gelieferten links weitere wertvolle Informationen einholen.

Der Vorteil für die Lehrenden: Wenn sie einen Teil der Lehre elektronisch übermitteln, gewinnen sie mehr Zeit zur Diskussion mit Studenten aber auch für eigene Forschungsaktivitäten, die sonst leicht der Ausrede - "die Vorlesungen lassen mir ja leider keine Zeit - zum Opfer fallen.
brechstange | 14. November 2011 15:18
Grundlagen ohne Anwendung, Anwendung ohne Grundlagen ist eine Sackgasse und die Aufteilung Universität und FH zeigt uns, wie sehr die Politik in die Universitäten ohne Verstand hineinregiert bzw. hineinregieren möchte.

Dasselbe gilt für die Sektoren einer Volkswirtschaft, ein Dienstleistungssektor ohne Sekundär- und Primärsektor trocknet jede Volkswirtschaft aus.
durga | 15. November 2011 14:47
Da seriöse Grundlagenforschung prinzipiell ins Neuland führt, können aber müssen ihre Ergebnisse nicht zur direkten Anwendung führen. Es sollten aber die Voraussetzungen vorhanden sein um aus der Grundlagenforschung resultierende Innovationen umzusetzen.

Die Aufteilung Uni - FH sehe ich nicht so problematisch. Ich unterrichte seit mehreren Jahren an einem naturwissenschaftlich/technisch ausgerichtetem Studiengang der FH. Zahlreiche unserer Studenten haben nach der Diplomarbeit eine Doktorarbeit an einer unserer Wiener Unis gemacht, die sich in (z.T. hohem)Anspruch und Qualität kaum von den Arbeiten der Uni-Absolventen unterscheidet.
brechstange | 15. November 2011 19:04
Ein unmittelbarer Zusammenhang von Grundlagen zu Anwendung ist selbstverständlich nicht unbedingt notwendig, auch gar nicht möglich, wenn Neuland betreten wird. Doch mA nach ergeben sich durch Anwendung Anregungen für eine Grundlagenforschung und auch umgekehrt, die dem Forscher hilfreich sein können.
Auf jeden Fall ist eine Einschränkung bzw. Konzentration auf wenige Bereiche mE wenig sinnvoll, gelten sollte die Versuch-Irrtum-Forschung (trial-error) in großer Zahl, denn gerade aus Vielfalt entsteht Erfolg und Stärke.
ViennaCodePoet | 16. November 2011 21:14
Meine Worte...

Wir schreiben das Jahr 2030... circa dann wird man flächendeckend erkannt haben welch verheerender Irrtum die FHs waren....

Ich will das auch im Detail nicht mehr begründen müssen... die Tragödie nimmt ihren Lauf.... wer es nicht sieht bzw. erkennt schaut nicht scharf genug hin, bzw. denkt nicht scharf genug mit...

Es ist ein freies Land und NICHT denken ist noch nicht verboten.
durga | 17. November 2011 00:58
@VCP

was finden Sie eigentlich an FHs so schlecht?

Ich kann das natürlich nur von der naturwissenschaftlichen Seite her beurteilen, finde aber, daß viele Vorlesungen an der FH aktuellere Inhalte haben als an den Unis und auch die Zusammenstellung der Fächer viel mehr Freiraum bietet.

Forschung während der Masterarbeit findet an Unis ebensowenig statt, wie an FHs. (selbsständige Forschungsarbeit innerhalb eines halben Jahres? Lächerlich!)

Die Durchlässigket FH-Uni macht es aber möglich, daß FH-Absolventen ihre Doktorarbeit an einer Uni machen können und damit Forschung kennenlernen können.
darwin | 11. November 2011 15:48
Endlich gibt es für die Wiener Uni einen Rektor, der nicht nur rechnen kann, sondern auch in der Lage sein sollte erfolgreiche Strategien zur Lösung komplexer Probleme anzubieten!

Nach seiner eher farblosen Funktion als Vizerektor, finde ich in seiner Inaugurationsrede recht klare Töne, wie er die Uni positionieren möchte.

Danke für das Bekenntnis zur Grundlagenforschung!