Inge Schuster
Inge Schuster | 11. Oktober 2012

Reinhard Böhm, Autor im Science-Blog, ist tot

In einem am 9. Oktober erschienenen Nachruf bezeichnet „Der Spiegel“ Reinhard Böhm als österreichischen Vater der Klimaforschung sowie einen der bedeutendsten Klimaforscher der Welt und charakterisiert ihn in äußerst treffender Weise: „Seine kritische Haltung widersprach oftmals der gerade modernen Meinung zu Umweltthemen ... er sprach jeder Art ideologischer, voreingenommener Wissenschaft sein Misstrauen aus.” In unserem Blog soll Reinhard Böhm noch einmal gehört werden: seine Ansichten zur Klimahysterie, aber auch ganz allgemein zum Wissenschaftsbetrieb in Österreich.

Inge Schuster

Es ist nun gerade vier Wochen her, dass der letzte Beitrag von Reinhard Böhm „Spielt unser Klima verrückt – zur Variabilität der Klimaschwankungen im Großraum der Alpen“ im Blog erschienen und auf das – bis jetzt – größte Echo gestoßen ist. Am 9. Oktober erreichte uns die bestürzende Nachricht, daß Reinhard Böhm am Vortag plötzlich und völlig überraschend gestorben sei, an den Folgen eines Herzinfarkts, den er bei Feldmessungen auf den Gletschern des Sonnblickgebietes erlitten hatte.

Reinhard Böhm hat seit 1973 an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) gearbeitet, mehr als 150 Studien veröffentlicht – die meisten über Klima- und Gletscherforschung im Alpenraum – und damit die Klimaforschung auch international geprägt. Neben seiner Tätigkeit als höchstrenommierter Wissenschafter hat Böhm versucht, den aktuellen Stand seines Fachgebietes der Öffentlichkeit klar und verständlich zu vermitteln, jedoch immer auf wissenschaftliche Korrektheit bedacht. Demzufolge war das Konzept unseres Science-Blogs ganz nach seinem Geschmack, und er hat sofort zugesagt, Beiträge zu liefern.

Der Versuch, Reinhard Böhm seinen Verdiensten als Wissenschafter und Persönlichkeit entsprechend zu würdigen, gelingt vielleicht am besten, indem man ihn selbst nochmals zu Wort kommen lässt. Im folgenden finden sich Auszüge aus dem e-mail Verkehr mit ihm vor rund vier Wochen: aus den von ihm vertretenen Standpunkten und kritischen Betrachtungen tritt die Person Reinhard Böhms  als wahrer, gegen jede ideologische, voreingenommene Wissenschaft  ankämpfender Naturforscher klar zutage.

Neugier als Antrieb der Forschung

„Für mich ist Neugier der allein erstrebenswerte Antrieb zur Forschung, und nicht der heute gerade in meinem Fach so dominante „postnormale“ (nach Funtovicz und Ravetz), der in einer rein zweckgebundenen Forschung endet. In meinem Fach ist das schlicht „die Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe“, und das führt dann sehr schnell zu dem Zustand, dass nur noch öffentlich ausgetragene Hahnenkämpfe von „Alarmisten“ gegen „Abwiegler“ (letztere oft auch „Skeptiker“ genannt) erzeugt, und bei dem die „normale“ Forschung auf der Strecke bleibt.“

Sonnblick als immaterielles Kulturerbe und ist Naturwissenschaft unter Kultur einzustufen?

„Ich muss noch einige Texte schreiben, die notwendig sind, um den Sonnblick (bzw. dessen Klimadatensatz, um genau zu sein) in das „immaterielle Kulturerbe Österreichs“ aufzunehmen. Das ist eine auf den ersten Blick vielleicht etwas skurril erscheinende Idee unseres Direktors (bzw. eines Herrn vom Außenministerium, der in einer einschlägigen UNESCO-Kommission sitzt), die vielleicht nicht von Erfolg gekrönt sein wird: Etwas Naturwissenschaftliches als immaterielles Kulturerbe, inmitten von Dingen wie „Märchenerzähler“, „Spanische Reitschule“, „Ötztaler Mundart“ oder „Heiligenbluter Sternsinger“ zu plazieren, scheint einem gelernten Österreicher von vornherein als aussichtslos.

Gerade das hat mich aber auch gereizt, da für mich (ich glaube, da habe ich Ähnliches auch bei ihnen im Blog schon gelesen) dieser weitestgehende Ausschluss der Wissenschaft und ganz speziell der Naturwissenschaft aus dem, was man hierzulande unter „Kultur“ versteht, ärgert.

Deshalb werde ich die nächsten zwei oder drei Tage wohl speziell damit verbringen, die nötigen Bewerbungslisten mit Argumenten zu füllen, warum ein Klimadatensatz, der auf einem 3100m hohen Berggipfel seit 1886 praktisch ohne Lücken erzeugt worden ist, ein Kulturgut darstellt. Wäre später evt. auch ein Thema für science-blog (?).“

Zum Science-Blog:

“Ich bin gern bereit, auch künftig mit Ihnen bzw. dem Science-Blog zusammen zu arbeiten. Ich lese übrigens auch des Öfteren darin, was meistens ein Gewinn und ein Genuss ist. In die Rolle eines Kommentators anderer Beiträge bin ich (noch) nicht hineingewachsen - übrigens auch nicht in anderen Blogs, z.B. den von mir sehr geschätzten www.klimazwiebel.blogspot.com , den ich Ihnen auch empfehlen kann. Nicht zuletzt deshalb, da dort u.a. oft die Debatte „normale vs. postnormale“ Wissenschaft geführt wird. Daran hat mich bei Ihnen im Science-Blog z.B. der Artikel über die Neugier als Forschungsantrieb (im Juli, Peter Schuster) erinnert.”

Von den Gletschern und von den Eisbären

Reinhard Böhm hat mir den sarkastischen, humorvollen und überaus lesenswerten Artikel „Von den Gletschern und von den Eisbären“ zugeschickt („Ich schieße gleich noch einen älteren Artikel nach, den ich anlässlich der Rauriser Literaturtage 2007 in einer Literaturzeitschrift unterbringen konnte (da damals auf unseren Vorschlag das Thema „Literatur trifft Wissenschaft“ das Thema war).“)

Darin charakterisiert sich der Autor in treffendster Weise selbst: „Trotzdem nehme ich mir heraus, in der Wissenschaft auf Exaktheit zu bestehen, Zweifel immer zu zulassen, sie aber, genauso wie Übertreibungen im Dienste der guten Sache, nachzuprüfen und aufzuzeigen.“

Ich hoffe, ich verletze kein Copyright, wenn ich abschließend einige Absätze aus diesem Artikel anführe:

„Wir haben sie alle schon gesehen, die beeindruckenden Bildvergleiche von Alpengletschern aus der Anfangszeit der Freiluftfotografie im späten 19. Jahrhundert und den  kümmerlichen Resten des „ewigen Eises“ auf modernen Aufnahmen – eines Eises, das so ewig nicht mehr zu sein scheint.

Wenn dann noch in den Hochglanzbroschüren von Umweltorganisationen oder im Fernsehen zur Universumzeit eine Eisbärenmutter mit zwei Kindern – meistens haben diese sogar Namen, damit wir uns mit ihnen besser identifizieren können – im nördlichen Eismeer schwimmt, und weit und breit kein Eis zu sehen ist, dann, spätestens dann ist wohl dem letzten Zweifler klar, dass wir knapp vor der größten Katastrophe dieses Jahrhunderts stehen, die über die Menschheit gerade hereinbricht. Der berühmte Eisbär, der von einer Eisscholle zur anderen springt, hat ja für den Klimawandel beinahe den Kultstatus erreicht, den das Ivo-Jima Foto der Soldaten mit der amerikanischen Flagge für das US Marine Corps hat.

Was ist denn so schlecht daran, den Gletscherrückgang, das kalbende Polareis und die Eisbären dazu zu benützen, Betroffenheit zu erzeugen, um die Menschen zu einer Umkehr zu bewegen? Gehen die Gletscher denn nicht zurück, kalbt das Polareis denn nicht, ist es denn unwahr, dass die Eisbären zunehmend Schwierigkeiten bekommen, auf dem Packeis Robben zu killen?............................

Der Zusammenhang scheint einfach und klar.  Eis schmilzt, wenn es wärmer wird, und die Gletscher und das polare Meereis gehen zurück. Damit werden die Jagdgründe des Eisbären immer kleiner, und er ist vom Aussterben bedroht. Warum also bin ich Nörgler immer noch skeptisch und schließe ich mich noch immer nicht so ohne weiteres der Mehrheit der Klimaexperten an, von denen manche schon vor Jahren gemeint haben „geforscht ist nun genug, der Fall ist klar! Nun ist es Zeit zu handeln!“ Bin ich vielleicht wirklich einer von diesen Climate Sceptics? – eine Bezeichnung übrigens, die von einfacheren Gemütern gerne als Totschlagargument eingesetzt wird, wenn es bei ihnen für echte Argumentation nicht reicht. Interessant, dass wir in der Klimadebatte schon so weit sind, Skeptizismus tatsächlich als etwas Negatives einzustufen – für mich ist er jedenfalls immer noch eines der Fundamente für wissenschaftlichen Fortschritt, und einer der Hauptantriebe überhaupt, Wissenschaftler zu sein. Aber ich bin ja auch einer, der gerne Sätze mit mehr als fünf Wörtern schreibt, bei denen man sich konzentrieren sollte, wenn man sie liest.

Darüber hinaus bin ich der Ansicht, dass man sich in der Wissenschaft spezialisieren muss, um auf irgendeinem Gebiet auf der Höhe der Zeit zu sein – schon wieder so eine veraltete Verschrobenheit von mir, wo doch heute jeder weiß, dass Vernetzung, die Zusammenführung des Detailwissens das Gebot der Stunde sind! Da dieser mir gefühlsmäßig auch sympathische, aber unendlich schwierig zu erfüllende Anspruch zur Interdisziplinarität gerne in die Untiefen der Banalität abgleitet, möchte ich mich hier ganz bewusst auf Sachverhalte beschränken, die in das Arbeitsgebiet der kleinen Forschungsgruppe fallen, in der ich arbeite: die Rekonstruktion des Klimas der Vergangenheit und die Gletscher.

Zurück also zum Gletscherrückgang, einem der führenden heiligen Kühe des Klimawandelmarketings. Dieser Kuh habe ich selbst viel Futter gegeben. Seit jetzt schon mehr als 25 Jahren fotografiere ich im Herbst die Gletscher der Goldberggruppe hier im Talhintergrund von Rauris, immer von denselben Standorten aus, bis hinauf zum Herzog Ernst zum Alteck und zur Wasserfallhöhe. Manche davon wurden schon seit 1896 von meinen Vorgängern benutzt. Vergleiche der alten Aufnahmen mit meinen eigenen habe ich wiederholt dazu herangezogen, um den Gletscherrückgang zu illustrieren. Ich selbst bin immer wieder beeindruckt von seinem enormen Ausmaß, wenn ich etwa im leeren Gletscherbett des Kleinfleißkeeses stehe und 150 Höhenmeter über mir die Seitenmoräne der Gletscherzunge sehe, die vor 150 Jahren noch bis dort hinauf gereicht hat. ....................................

Es erinnert mich auch daran, dass es jetzt höchste Zeit ist, den nötigen Hinweis darauf zu geben, dass ich nicht von der Erdölindustrie bezahlt werde ... dass ich nicht anzweifle, dass sich die untere Atmosphäre erwärmt und weiter erwärmen wird, und dass ich sogar selbst zu dem Wissen darüber im Rahmen meiner Möglichkeiten beigetragen habe. Trotzdem nehme ich mir heraus, in der Wissenschaft auf Exaktheit zu bestehen, Zweifel immer zu zulassen, sie aber, genauso wie Übertreibungen im  Dienste der guten Sache nachzuprüfen und aufzuzeigen. Das Thema Klimawandel ist mir jedenfalls zu ernst, um es den Marketingstrategen von privaten Umweltorganisationen, der Kernkraft- und der Versicherungslobby zu überlassen.“

Wer sich ein ausführliches Bild von der entspannten, ja schmunzelnden Art Reinhard Böhms machen möchte, die aber keinen noch so kleinen Spielraum für Ungenauigkeit jedweder Art zuließ, dem sei sein Buch "Heiße Luft - nach Kopenhagen" anempfohlen, das auf der Webseite des Austria Forum als freies e-Book online abrufbar ist.

 

Weiterführende Links:

CV mit vollständiger Liste der Publikationen (PDF-Download; ZAMG)

Kondolenzbuch (ZAMG)

Nachrufe:

ZAMG

Der Spiegel

ORF

Foren:

Klimazwiebel

Wetterzentrale.de

Science-Blog:

Dr. Reinhard Böhm - CV

Spielt unser Klima verrückt? Zur Variabilität der Klimaschwankungen im Großraum der Alpen

Signal to noise - Betrachtungen zur Klimawandeldiskussion