28 Indizien, dass Putin nachgeben könnte – oder muss
Es ist zwar noch alles andere als Gewissheit, aber die Indizien mehren sich auffallend: Der russische Machthaber Putin scheint zwangsläufig zunehmend bereit, sich mit deutlich weniger als einem totalen Sieg zufrieden zu geben. Das ist nach vier Jahren blutigen Krieges und elf Jahren nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine überraschend, aber in vielerlei Hinsicht doch logisch.
- Erstmals hat Putin mit dem deutschen Altbundeskanzler Gerhard Schröder einen Vermittler vorgeschlagen, der im Gegensatz zu Donald Trump zu vernünftigen Aktionen imstande ist, zu dem Putin einerseits selbst volles Vertrauen hat, der aber auch im Westen und in Deutschland Ansehen genießt, vor allem, da nach ihm die Sozialdemokratie tief abgestürzt ist und auch beide Nach-Schröder-Bundeskanzler, Angela Merkel und Friedrich Merz, inzwischen als Versager dastehen.
- Die russische Armee ist zwar weiterhin zu großen Zerstörungen in der Ukraine durch Raketen und Drohnen imstande, hat aber den Verteidigungswillen der Ukrainer in keiner Weise brechen können.
- An der Front selber gelingt den Russen seit Jahr und Tag überhaupt kein Erfolg. Sie haben nur knapp ein Fünftel des ukrainischen Territoriums erobern können und in letzter Zeit gar nichts mehr. Zu diesem Fünftel gehören auch die schon 2015 in einer Überraschungsaktion besetzten Gebiete.
- Nach Angaben eines internationalen Kriegsbeobachtungs-Instituts haben die Russen im April netto sogar 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums wieder verloren.
- Die Ukraine ist immer öfter imstande, durch Drohnen tief im russischen Hinterland ebenfalls Zerstörungen an wichtigen Infrastruktur-Teilen anzurichten.
- Im Unterschied zur Ukraine ist nach vielen Indizien die Motivation der russischen Bevölkerung sehr niedrig, insbesondere seit sie auch weit weg von der Front immer öfter die ukrainischen Aktionen spüren muss.
- Die russischen Soldaten waren von Anfang an schlecht motiviert. Nur hohe Geldleistungen haben sie überhaupt in die Uniform gelockt. In dieser waren sie dann oft sadistischen Behandlungen älterer Soldaten ausgesetzt. Vorgesetzte lassen sich oft bestechen, damit man nicht in gefährliche Einsätze muss. Immer größer wird der Anteil zwangsverpflichteter nordkoreanischer Söldner, die von moderner Kriegsführung keine Ahnung haben.
- Es ist der Ukraine in einem unglaublichen und kollektiven Anfall von Kreativität gelungen, zur weltweit führenden Nation bei der Entwicklung neuer, vor allem autonomer Waffensysteme zu Land, Wasser und Luft zu werden, die sie rund um die Kernelemente KI, Drohnen und elektronische Gefechtsfeld-Kontrolle aus dem Weltraum gebildet hat.
- Diese verhelfen ihr inzwischen auch schon zu Exporteinnahmen und machen zunehmend unabhängiger von den zögerlichen USA und den schwachbrüstigen EU-Europäern.
- Eine wichtige Hilfe für die Ukraine bedeutet Elon Musk mit seinem Satellitensystem Starlink, der unabhängig von seinem einstigen Verbündeten und jetzigen Gegner Trump längst zu einem eigenständigen weltpolitischen Akteur geworden ist.
- Der finanzielle Beistand EU-Europas erweist sich als wichtige Hilfe für die Ukraine, mit dem der Ausfall der USA ersetzt worden ist.
- Durch die Neuwahl in Ungarn ist Russland ein wichtiger Verbündeter verloren gegangen, der auch durch den russlandfreundlichen Fico-Opportunismus in der Slowakei nicht an Bedeutung kompensiert werden kann. Außerdem hat der slowakische Regierungschef Fico – ganz im Gegensatz zu Ungarns Orbán – einen persönlichen Besuch in Kiew angekündigt.
- Der Golfkrieg hat Russland den wichtigen Waffenlieferanten Iran genommen.
- Die Unterbrechung der Straße von Hormus hat zwar die Ölpreise nach oben getrieben, aber Russland kann wegen des Bombardements russischer Ölanlagen durch die Ukraine die dadurch entstehenden zusätzlichen Einnahmemöglichkeiten kaum nutzen.
- Die immer entscheidender werdende Großmacht China spürt zunehmend – insbesondere im Handelsverkehr und in der Energieversorgung – die Folgen beider Kriege, obwohl Peking anfangs noch glauben konnte, als unbeteiligter Dritter zu profitieren. Daher übt China jetzt hinter den Kulissen zweifellos wachsenden Druck auf Moskau und Teheran aus, dass die Kriege beendet werden.
- Putin muss auch seiner eigenen Bevölkerung gegenüber zunehmend Schwäche zugeben. Optisch am sichtbarsten wurde diese dadurch, dass er bei seiner "Siegesparade" (die an das Ende des zweiten Weltkriegs erinnern soll) aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen mitten in Moskau kein schweres Gerät mitführen ließ, sondern dieses nur auf Videowänden zeigte.
- Überdies bat er über seinen amerikanischen Freund Trump für diesen Tag die Ukraine um einen Waffenstillstand, dem die Ukraine sicher nicht ohne amerikanische Gegenleistungen zustimmte.
- Signifikant ist auch ein Rückgang der öffentlichen Zustimmung zu Putin bei Meinungsumfragen um acht Prozentpunkte, den selbst die staatliche Meinungsforschungsagentur zugegeben hat (wozu noch kommt, dass im heutigen Russland viele nur ungern zugeben, dass sie Putin eigentlich ablehnen).
- Putin selbst macht sich aus Sicherheitsangst oder wegen seiner abnehmenden Popularität erstaunlich rar. Die Zahl seiner öffentlichen Auftritte hat sich seit 2024 jedenfalls halbiert.
- Das dürfte auch mit dem Schock zusammenhängen, dass es israelisch-amerikanischen Drohnen gelungen ist, in einem Überraschungsangriff den iranischen Führer Khamenei zu töten und seinen Nachfolger und Sohn zu verletzen.
- Putin hat daher seine manischen Bemühungen intensiviert, seinen Aufenthaltsort geheimzuhalten.
- Zumindest nach einigen Geheimdienstberichten fürchtet er noch mehr als einen ausländischen Angriff auf seine Person einen Putsch unzufriedener Gruppen im Kreml. Dabei ist freilich unklar, ob die Gefahr von jenen ausgeht, die noch schärfer Krieg führen wollen, oder von wirtschaftsnahen Kreisen, die sich immer stärker nach Frieden sehnen.
- Das allgemeine Vertrauen, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln, ist in der russischen Bevölkerung sogar um 20 Punkte allein seit Jahresbeginn auf 41 Prozent gefallen.
- Noch überraschender ist, dass solche Umfragen mit bedrückendem Ergebnis überhaupt veröffentlicht werden. Möglicherweise will dadurch ein Teil des Machtapparats indirekt Kritik am Militär oder gar Putin ausdrücken.
- Eine Verschlechterung der Stimmung ist auch daran abzulesen, dass angeblich aus Sicherheitsgründen Telegram, Russlands populärstes soziales Netzwerk, und das mobile Internet abgedreht worden sind.
- Großes Erstaunen löste auch aus, als die prominente russische Influenzerin Victoria Bonya mit 13 Millionen Abonnenten, die normalerweise über Mode und Kosmetik spricht, plötzlich scharfe Kritik an Putin formulierte: "Wladimir Wladimirowitsch, die Leute fürchten sich vor dir, ich fürchte mich nicht." Sie listete eine lange Liste von Unzukömmlichkeiten auf: Ölverschmutzung im Schwarzen Meer, die Überflutungen in Dagestan, die Zwangsabnahme von Rindern in sibirischen Dörfern und die Internet-Restriktionen.
- Das wirklich Sensationelle war, dass die Influenzerin nicht abgedreht wurde, sondern dass im Gegenteil einige Offizielle bestätigten, dass die Klagen nicht unberechtigt sind.
- Erstaunlich toleriert wird auch der Kreml-nahe Rechtsanwalt Ilya Remeslo, der seit einiger Zeit beinharte Kritik an Putin als "Kriegsverbrecher und Dieb" äußert. Er ist zwar eine Zeitlang in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, aber dann wieder freigelassen worden und setzt seither seine Kritik fort.
Nichts davon ist Garantie, dass Putin stürzt oder nachgeben wird. Aber die Wahrscheinlichkeit ist eindeutig gewachsen. Und die Zukunft der Ukraine wird offenbar nicht primär an der Front und nicht durch die wichtigmacherischen Aktionen Donald Trumps entschieden, sondern durch die Entwicklungen im Kreml selbst.
Und wir dürfen um ein paar Prozent optimistischer sein.
PS: Ein weiteres kleines Indiz: Die Anbiederung von AfD und FPÖ an Putin ist zuletzt deutlich leiser geworden.
