Toni Faber, Josef Grünwidl und der Vatikan
Keine kirchliche Personalentscheidung erregt auch in völlig kirchenfernen Kreisen so viel Aufregung wie die fürs kommende Jahr beschlossene Pensionierung des Wiener Dompfarrers Toni Faber mit 65 Jahren. Ist das doch ein Pensionsantrittsalter, das zwar für Normalsterbliche im real existierenden Schuldensozialismus geradezu spät ist, das in kirchlichen Ämtern aber total früh ist. Man denke etwa an Hartmann Thaler, der bis zu seinem Tod im 93. Lebensjahr als Pfarrer der Piaristenkirche Maria Treu fungiert hat, wo er schon in den Jahrzehnten vorher gerade durch seine Bescheidenheit zur weitaus wichtigsten Persönlichkeit für die Wiener Josefstadt geworden war. Das ist auch Faber in vielerlei Hinsicht für den 1. Bezirk geworden – auch wenn es dort noch viele andere Kirchen gibt, die Sonntag für Sonntag sehr voll sind, teils der Kirchenmusik, teils der klugen Predigten wegen. Wer die Causa Faber objektiv und seriös bewerten will, der sollte das jedenfalls auf zumindest vier Ebenen tun.
- die klassische Zölibatsdiskussion;
- die Kirche und die mediale Öffentlichkeit;
- die Wirkung des Toni Faber;
- Toni Faber und der neue Erzbischof.
Jede dieser Ebenen ist in sich brüchig – aber umso spannender.
Der Zölibat
Die Vorschrift, dass Priester der römischen Kirche ohne sexuelle Beziehung, Ehe und Familie leben sollen, ist zweifellos eine der am häufigsten gebrochenen Pflichten. Mehr oder weniger schlechte Witze über Pfarrersköchinnen sind Jahrhunderte alt.
Die Regel gilt aber weiterhin.
- Dabei findet sich im ganzen Neuen Testament keine noch so zarte Andeutung einer Zölibats-Notwendigkeit.
- Dabei waren die Priester des Alten Testaments keineswegs zur Ehelosigkeit verpflichtet.
- Dabei hat es auch in der Urkirche und im ersten Jahrtausend viele verheiratete Priester gegeben.
- Dabei gibt es wohl keine Vorschrift, deren Einhaltung so jenseits der menschlichen Natur liegt, wie der Verzicht auf sexuelle Kontakte.
- Dabei gibt es reihenweise christliche Religionsgemeinschaften, in denen Priester verheiratet sind, von den Anglikanern bis zu den Lutheranern.
- Dabei gibt es auch in den zahlenmäßig besonders großen Ostkirchen keinen generellen Zölibat (bis auf die Ordensgemeinschaften und Regeln, wer Bischof werden darf).
- Dabei hat die römisch-katholische Kirche problemlos verheiratete Priester aus all diesen Kirchen übernommen, die dann nach einem Übertritt weiterhin ihre Ehe ausüben durften.
- Dabei ist die Zölibatspflicht der häufigste Grund, warum zu wenige junge Männer zum Priesterberuf bereit sind.
- Dabei ist zumindest in Europa und Nordamerika im 20. Jahrhundert der häufigste Grund weggefallen, warum junge Männer früher überhaupt Priester geworden sind (Dieser Beruf war ja zweifellos die häufigste Möglichkeit für arme, aber talentierte Söhne gewesen, zu studieren und sozial aufzusteigen – beziehungsweise die Chance für zweite, dritte oder vierte Adelssöhne auf eine ehrenvolle Lebensperspektive, die keine Chance auf ein Erbe hatten, für die sich auch keine erbende Fürstentochter als Ehefrau gefunden hat).
- Dabei sind Verletzungen der Zölibats-Pflicht weitaus der häufigste Grund, warum Priestern Heuchelei vorgeworfen wird, warum Menschen sagen, dass ihnen die Kirche keine Vorschriften machen solle, würden sie doch Priester kennen, die den Zölibat "selber" nicht einhalten.
Als ob man die eigene Pflicht zur in fast allen Religionen und Weltanschauungen gebotenen Einhaltung der Goldenen Regel, der Zehn Gebote mit der theologisch nicht begründeten Pflicht anderer zum Zölibat aufwägen könnte.
Als ob nicht das Christentum von Anfang an gesagt hätte zu wissen, dass auch die Gerechtesten sündigen.
Im Grund ist aber dennoch völlig klar, warum die Kirche noch zögert, wirklich am Zölibat zu rütteln (nachdem sie schon mit wenn auch kleinem Erfolg den Diakonat für verheiratete Männer aufgemacht hat), obwohl sie rund eintausend Jahre ohne diese Pflicht ausgekommen ist. Für tief in den traditionellen Strukturen verhaftete Teile der globalen Kirche wäre das inakzeptabel und würde zu einer weiteren Abspaltung führen.
Eine solche droht insbesondere deshalb, weil in der innerkirchlichen Diskussion der letzten Jahrzehnte die Zölibatsfrage mit der Frage eines Frauenpriestertums verknüpft worden ist. Würde dieses eingeführt, dann wäre die Kirchenspaltung sogar mehr als gewiss, wie etwa die Anglikaner erfahren mussten, als sie im 20. Jahrhundert begonnen haben, Frauen zu Priestern zu weihen.
Die Kirche und die Öffentlichkeit
Im Zeitalter der Massenmedien scheint es für die pastorale Wirkung des Glaubens immer mehr auf die charismatische Ausstrahlung, auf die Fernsehtauglichkeit, auf die kommunikativen Fähigkeiten eines Priesters oder eines Papstes anzukommen. Und diesbezüglich war und ist Toni Faber zweifellos hochbegabt. Er wirkt sympathisch, schaut gut aus, kann gut verständlich reden, fürchtet sich nicht vor Journalisten und Kameras, er hat ein in sich ruhendes positives Selbstbewusstsein, hat sich nicht in einen der ideologisch verkrampften (progressiven oder strukturkonservativen) Flügel der Kirche verirrt und hat keine Scheu vor den vielen gesellschaftlichen Einladungen, die einen Priester erreichen – besonders einen in einer so prominenten Position wie als Pfarrer des Doms –, sondern er scheint solche Events geradezu zu lieben. Zugleich hat auch die Seitenblicke-Gesellschaft Faber geliebt.
Und verschlungen.
Die Wirkung des Toni Faber
Diese skizzierten Fähigkeiten des Toni Faber hat zu seinem vielleicht größten Erfolg geführt: Niemand in der österreichischen Kirche hat so viele Nichtchristen oder aus der Kirche Ausgetretene wieder zurück in die Kirche geführt. Er war zumindest der weitaus bekannteste Pfarrer Österreichs und daher auch logische Anlaufadresse für jene, die den Weg zur Kirche suchen. Das hat Faber offensichtlich brillant gemacht.
Andererseits ist aber die Mischung aus öffentlicher und geradezu demonstrativer Nichteinhaltung des Zölibats und ständiger medialer Präsenz im Falle des Toni Faber toxisch geworden. Sowohl in Richtung jener am Rande der Kirche stehenden Menschen, die sich gerne über eine Heuchelei der Kirche mokieren wollen, wie auch in Hinblick auf die vatikanischen Behörden, die mit gewisser Berechtigung auf der Einhaltung der nun einmal geltenden Regeln beharren, und denen zweifellos der Nuntius (oder sonst jemand?) in großer Zahl Zeitungsberichte zugesandt hatte, die Faber beim Auftreten auf diversen Bällen mit priesterlichem Kollar und einer attraktiven Frau gezeigt haben.
Toni Faber und der neue Erzbischof
Damit entstand aber in Teilen der Kirche der Gesamteindruck: Er hat es übertrieben, das schadet der Kirche.
Damit ist der Dompfarrer auch für seinen neuen Chef, Erzbischof Grünwidl, zum Problem geworden. Dieser musste nach seinem charismatischen, aber entscheidungsschwachen Vorgänger zwangsläufig jetzt einmal klarmachen, dass nun er es ist, der – trotz seines bescheidenen Auftretens – das Sagen in der Diözese hat, der ernst zu nehmen ist. Damit musste er das Problem Faber angehen, unabhängig davon, welche Ratschläge er (vermutlich) von Rom bei seiner Bestellung erhalten hat, unabhängig davon, wie emotional das persönliche Verhältnis zwischen den beiden ist.
Gleichzeitig galt es aber im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen innerhalb politischer Parteien (siehe die Fälle Karas, Busek oder Fiedler in der ÖVP, Olah, Androsch und Doskozil in der SPÖ oder Steger, Haider und Riess-Passer in der FPÖ) eine für beide würdevolle Lösung zu finden, die beide das Gesicht wahren lässt, die der Kirche nicht schadet. Das scheinen Grünwidl wie Faber zumindest vorerst durch das zufällig im nächsten Jahr anstehende gesetzliche Pensionsantrittsdatum Fabers geschafft zu haben – obwohl dieses innerkirchlich rechtlich völlig irrelevant ist, obwohl der 63-jährige, also fast gleichaltrige Grünwidl (sofern seine Gesundheit hält) mindestens bis zum 75. Lebensjahr im Amt bleiben wird.
Ob dieser etwas fadenscheinige Versuch einer würdevollen Lösung aber auch wirklich halten wird, werden wir in den nächsten Monaten und Jahren sehen. Viele, nicht zuletzt die Medien, werden versuchen, das zu verhindern. Es wird daher vor allem für die beiden Herren eine gewaltige Herausforderung.
