Benebelte Erben
Man erkennt den Zustand einer Gesellschaft daran, was sie bei ihren Kindern bereit ist zu akzeptieren. Unsere scheint es hinzunehmen, dass sich zwischen Schulhöfen, Parks und digitalen Hinterzimmern ein Drogenmarkt etabliert hat, der Jugendlichen nicht mehr mit Kameldung gestrecktes Haschisch verkauft, sondern chemische Verwüstung. Kokain billiger, Meth aggressiver, synthetische Substanzen unberechenbar – ein Fortschritt, wie ihn Dekadenz hervorbringt.
Das eigentlich Verstörende liegt jedoch tiefer. Diese Renaissance des psychedelischen Denkens verrät eine Müdigkeit gegenüber der Wirklichkeit selbst. Man möchte nicht mehr die Welt erkennen, sondern ihr entkommen – möglichst bunt. Die Droge wird Ersatzmetaphysik für geistlose Opfertypen. Wo Religion verdampft, Philosophie verdorrt und Tradition verachtet wird, bleibt oft nur das chemische Erweckungserlebnis. Der Trip als Behelfsreligion einer erschöpften Moderne.
Die Zahlen sprechen nüchterner als jede Moralpredigt. Österreich verzeichnete zuletzt 256 drogenbezogene Todesfälle jährlich, mit steigender Tendenz; rund ein Viertel betrifft Menschen unter 25. In Wien stiegen Drogennotfälle bei Minderjährigen binnen eines Jahres um fast dreißig Prozent. Gleichzeitig wächst der Kokainmarkt, Reinheit und Verfügbarkeit nehmen zu, die Polizei registrierte über 37.000 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz. Und doch reagiert das Land, als handle es sich um eine Randnotiz.
Natürlich geschieht diese Flutung nicht zufällig. Eine Kultur, die jede Grenze schleift und jede Selbstbeherrschung als Repression verdächtigt, landet zwangsläufig bei der Apotheose des Kontrollverlusts. Psychedelika passen perfekt in eine Zeit, die Nüchternheit für langweilig und Disziplin für autoritär hält. Man berauscht sich nicht trotz Orientierungslosigkeit, sondern wegen ihr.
Das eigentlich Verstörende ist nicht die Droge, sondern die Gleichgültigkeit ringsum. Jugendliche mit Suchterkrankungen warten monatelang auf Therapieplätze, während psychotherapeutische Versorgung chronisch unterdimensioniert bleibt. Man verwaltet Sucht, statt sie zu bekämpfen. Ein Staat, der für jede ideologische Spielerei Milliarden findet, zeigt bei Drogen-Prävention und Entzug eine bemerkenswerte Sparsamkeit.
Auf den Straßen wiederum herrscht jene eigentümliche österreichische Mischung aus Duldung und Ratlosigkeit. Dealer stehen mitunter an jeder U-Bahn-Station. Man kennt sie, man beobachtet sie, man verwaltet ihre Präsenz. Die Polizei ist apathisch und personell ausgedünnt; aber für die Bevölkerung sieht Ohnmacht aus wie Untätigkeit. Und wenn doch einmal zugeschlagen wird, folgt nicht selten Kuscheljustiz in jener weichgespülten Tonlage, mit der ein Staat Härte simuliert, ohne sie zu meinen. Resozialisierung ist zum Fetisch geworden, selbst dort, wo Abschreckung geboten wäre. Korruption und Feigheit zuständiger Amtsträger ist dabei leider nicht auszuschließen.
Die Politik? Beschäftigt sich lieber mit Rauchverboten als mit Kartellen, lieber mit Konsumkompetenz als mit Kriminalität. Sie behandelt die Drogenfrage wie ein pädagogisches Missverständnis, nicht wie eine Sicherheitsfrage. Dabei sind Drogen kein bloß individuelles Laster. Sie zerstören Urteilskraft, Familien, Schulkarrieren, sie finanzieren organisierte Gewalt und schaffen Milieus, aus denen kaum jemand elegant wieder auftaucht.
Besonders perfide ist die kulturelle Verklärung psychedelischer Stoffe. Aus Rausch wird "Bewusstseinserweiterung", aus Selbstschädigung eine "wundersame Reise". Die alte Verwahrlosung erscheint in therapeutischem Gewand. Jungen Menschen wird eingeredet, chemische Entgrenzung sei Erkenntnis. Welch absurde Botschaft an eine Generation, die eher Halt als Halluzination bräuchte.
Man hört oft, Jugend habe immer experimentiert. Mag sein. Aber früher galt das als Risiko; heute wird es von Teilen des Juste milieus ästhetisch geadelt. Das ist neu. Und gefährlich. Denn eine Gesellschaft, die den Rausch romantisiert, senkt die kulturelle Immunabwehr.
Anderswo dämmert immerhin, dass Drogenpolitik nicht aus Sozialromantik bestehen kann. In den USA wird – bei allen Einwänden – wieder über harte Maßnahmen gegen Kartelle gesprochen; Donald Trump macht daraus ein zentrales Sicherheitsthema. Ob man seinen Stil mag oder nicht: Er behandelt das Problem wenigstens als Bedrohung und nicht als Workshop-Thema.
Das wäre ein Anfang auch hier: aufhören, Drogen als Lifestyleproblem zu verniedlichen. Mehr Therapieplätze. Härtere Verfolgung von Dealern. Konsequente Urteile. Schutzräume für Jugendliche statt Ausreden für Täter. Vor allem aber die Rückkehr zu einer fast vergessenen Einsicht: nicht jede Entgrenzung ist Freiheit.
Denn es wird die Gefahr mit bemerkenswerter Eleganz relativiert. Psychische Entgleisungen? Einzelfälle. Abhängigkeitspotenzial? Missverstanden. Realitätsverlust? Vielleicht nur eine andere Form von Wahrheit. So redet eine Gesellschaft, die sich vor jedem Tabakrauch fürchtet, aber Halluzinogene als Instrument der Selbsterkenntnis adelt. Dieselben Milieus, die beim zweiten Glas Wein von toxischer Männlichkeit sprechen, feiern Pilzrituale im Wald als progressiven Akt.
Eine Zivilisation aber, die ihre Jugend benebelt und das für Liberalität hält, betreibt keinen Fortschritt, sondern Selbstauflösung mit bunten Farben. Und der Rausch, den man heute toleriert, steht morgen mit Sicherheit als gesellschaftliche Verwüstung vor der Tür.
Silvio Pötschner ist HNO-Facharzt und Gerichtssachverständiger.
