Im Gesundheitsmuseum
Österreich leistet sich ein Gesundheitssystem wie ein Barockschloss: reich verziert, teuer im Unterhalt – und dahinter erstaunlich viel Leerlauf. Man zählt die Betten wie früher Adelstitel, hält sich Spitäler wie Devotionalien und verwechselt Dichte mit Qualität. Das Resultat ist eine kuriose Gleichzeitigkeit: viele Häuser, viele Ärzte – und dennoch viele Dauerkranke, endlose Wartezeiten und jede Menge Ratlosigkeit.
Die Republik gleicht einem Archipel aus Zuständigkeiten. Der Bund predigt Strukturreform, die Länder verteidigen ihre Kliniken wie Trutzburgen, die Patienten wollen alles gratis, damit mehr Geld für Wunderpillen aus dem Internet bleibt. Wer ein Spital schließt, verliert Wähler; wer keines schließt, verliert Geld – und am Ende verliert der Patient Zeit und Geduld. Also bleibt alles, wie es ist: ein Netz, historisch gewachsen, medizinisch nur noch bedingt begründbar. Man operiert an Standorten, die eher der Landkarte als der Evidenz verpflichtet sind, und wundert sich anschließend über stagnierende Qualität.
Gleichzeitig zieht es die Ärzte in die Städte wie Motten ins Licht. Dort locken Infrastruktur, Spezialisierung und planbare Arbeitszeiten. Am Land hingegen wartet die Romantik der Unterversorgung: viel Verantwortung, wenig Kollegium, noch weniger Nachwuchs. Die Politik reagiert darauf mit Förderungen, die wirken wie Trostpflaster auf offene Brüche.
Das System vergütet zudem die falschen Dinge. Menge schlägt Sinn: Ein Eingriff bringt Erlös, ein vermiedener Eingriff bringt dem verantwortungsvollen Therapeuten wenig außer einem guten Gewissen. Gesprächsmedizin ist ein Hobby für empathische Ärzte mit schwach ausgeprägtem Selbsterhaltungstrieb. Prävention wiederum ist die ungeliebte Verwandte, die man zu Sonntagsreden einlädt und werktags ignoriert. Der chronisch Kranke wandert durch Stationen wie ein Tourist ohne Reiseführer: vom Hausarzt ins Spital, vom Spital zurück in die Unklarheit des Spezialistentums, dazwischen Papier, Codes und das tröstliche Gefühl, dass irgendwo schon jemand zuständig sein wird – nur eben nicht konkret.
Effizienz wäre möglich, hätte man den Mut zum Offensichtlichen.
- Erstens: Konzentration statt Folklore. Komplexe Leistungen gehören in wenige, gut ausgestattete Zentren mit ausreichenden Fallzahlen; Routine kann dezentral bleiben – allerdings standardisiert. Qualität entsteht nicht aus Postleitzahlen, sondern aus Erfahrung.
- Zweitens: einheitliche Steuerung. Wer bezahlt, soll auch entscheiden – derzeit bezahlen viele, entscheiden tun aber noch mehr. Eine klare Verantwortungskette könnte das föderale Pingpong beenden, bei dem jeder den Ball sieht, aber niemand ihn spielen will.
- Drittens: Vergütung nach Ergebnis statt nach Aktivität. Wenn gute Versorgung darin besteht, Komplikationen zu vermeiden und Aufenthalte zu verkürzen, dann muss genau das honoriert werden. Digitale Infrastruktur könnte helfen, ist bislang aber eher Ankündigung als Werkzeug: Die Daten existieren, nur selten benutzerfreundlich gebündelt.
- Viertens: Primärversorgung stärken. Teams statt Einzelkämpfer, längere Öffnungszeiten, klare Gatekeeper-Funktion – damit das Spital wieder Ort der Notwendigkeit wird und nicht der bequemste Eingang ins System. Selbstbehalte als Lenkungsinstrument werden sich dabei kaum vermeiden lassen.
Und schließlich das flache Land. Wer dort Versorgung will, muss sie attraktiv machen – nicht mit bunten Broschüren, sondern mit realen Anreizen: flexible Modelle, Telemedizin als Verlängerung der Zentren in die Fläche, verlässliche Vertretungsnetze. Ärzte ließen sich durchaus dorthin bringen, wo sie gebraucht werden, wenn man endlich aufhörte, ihnen dort das Leben schwerer zu machen als anderswo. Die nachrückenden Generationen in den Gesundheitsberufen haben Lebensentwürfe, die in der Gesundheitspolitik noch immer behandelt werden wie ein peinliches Betriebsgeheimnis.
Das alles ist weder neu noch revolutionär. Es scheitert an einer politischen Ökonomie, die das Bestehende belohnt und Veränderung fürchtet. Österreich kann sich sein System leisten, weil es noch reich ist; es sollte sich ein besseres leisten, solange es das noch kann. Bis dahin bleibt die Fassade glänzend – und der Betrieb dahinter eine Art museales Gepränge: beeindruckend, teuer und erstaunlich improvisiert.
Silvio Pötschner ist HNO-Facharzt und Gerichtssachverständiger.
