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Der Besuch des alten Herrn

Der Besuch des alten Herrn

Genau 70 Jahre ist es her, dass Friedrich Dürrenmatt eines der klügsten Theaterstücke geschrieben hat. Eine alte Dame besucht ihr einstiges Heimatdorf und bietet eine Milliarde für die Ermordung ihres ehemaligen Liebhabers, der sie sitzengelassen hat, als sie von ihm schwanger geworden war. Zuerst wird ihr Vorschlag empört abgelehnt, dann aber wird der Mann von den Dorfbewohnern aus Geldgier ermordet. Dieser "Besuch der alten Dame" und sein Einblick in den menschlichen Charakter kommen einem am Ende des Besuches von Donald Trump in Peking unwillkürlich in den Sinn – nur ist in diesem Fall nicht der Besucher jener Akteur, der ein widerliches Angebot macht, sondern er ist vielmehr jener, dem es gemacht wird. Und der es allen Anzeichen zufolge voller Geldgier annimmt.

Auf dem Spiel steht dabei nicht nur ein Mann, der sich einst schlimm verhalten hatte, und dessen Leben nun gegen viel Geld verlangt wird, sondern Objekt des "Deals" sind 23 Millionen Menschen in Taiwan, die sich gar nichts zuschulden kommen haben lassen, und die dennoch ihre Freiheit verlieren sollen, nur um die nationalistische Eroberungsgier der kommunistischen Nachbarn in Peking zu befriedigen – und den USA wirtschaftliche Vorteile zukommen zu lassen.

Taiwan ist heute eine lebendige Demokratie, ein erfolgreicher Rechtsstaat, der von seinen Bürgern geliebt wird, von denen kein einziger mehr – trotz teilweise gemeinsamer Sprache – unter die Herrschaft der Festland-Kommunisten kommen will, die seit mehr als sieben Jahrzehnten den Inselstaat bedrohen. Taiwan hat deshalb eine sehr starke Verteidigungsarmee aufgebaut, die aber wohl dennoch gegen die mehr als 60 Mal so zahlreichen Festlandchinesen keine Chance hat, die ihnen wie eine Würgeschlange langsam die Luft nimmt und die immer aggressivere Provokationen setzt.

Dennoch wagt es China gegen den Willen der USA bisher nicht, Taiwan anzugreifen. Die Streitkräfte der Taiwanesen könnten ihnen allzu schmerzhafte Gegenschläge versetzen. Daher verlangt China von den USA, dass es Taiwan ganz fallenlässt, dass Amerika den Taiwanesen keine Waffen mehr verkauft, dass der amerikanische Starlink-Besitzer Elon Musk ihnen vor allem die so wichtige Unterstützung durch Weltraum-Navigation entzieht. Von aktiver Verteidigung Taiwans durch die amerikanischen Streitkräfte ist ohnedies schon lange keine Rede mehr.

Gleichzeitig sind freilich einige andere Staaten Südostasiens, wie Japan, Südkorea, Philippinen, auch Australien sehr an der Unabhängigkeit Taiwans interessiert. Hat sich doch China auch ihnen gegenüber aggressiv verhalten und mit üblen Tricks (etwa dem Anlegen künstlicher Inseln mitten im Meer) und unter dem Druck seiner Flotte ein großes Stück des zwischen diesen Staaten liegenden Ozeans angeeignet. Aber entscheidend für das Schicksal Taiwans dürften trotzdem die USA sein.

China hat Donald Trump nun ganz offensichtlich klargemacht, dass es für die Vereinigten Staaten die ersehnten wirtschaftlichen Vorteile nur dann gibt, wenn sie Taiwan fallen lassen. Diktator Xi Jinping will durch die Eroberung Taiwans als großer Herrscher und Hersteller der territorialen Einheit Chinas in die Geschichte eingehen – ganz ähnlich übrigens wie Wladimir Putin durch die Eroberung der Ukraine. Taiwan wie die Ukraine sind Länder, die einst vom jeweiligen großen Nachbarn kontrolliert worden sind, die sich aber seit der Unabhängigkeit exzellent entwickelt haben, und deren Bewohner deshalb keineswegs unter die Herrschaft des einzigen Dominators zurückwollen.

Während aber die Ansprüche Russlands auf die Ukraine von kaum jemandem unterstützt werden – außer dem Diktator in Belarus und einigen Rechtsaußenparteien – hat sich die freie Welt Schritt für Schritt von Taiwan entfernt und aus den diversesten Gründen Peking vorgezogen. Dabei war zweifellos die wirtschaftliche Stärke Chinas – neben der diffusen Drittwelt-Ideologie der Linken – das wichtigste Argument, westliche Opportunisten zu überzeugen. Auch Österreich hat unter Bruno Kreisky diesen Schritt getan.

Man kann sicher sein, dass auch gegenüber Trump die "Argumente" Pekings überzeugend gewesen sind, die man ihm bei seinem jetzigen China-Besuch vorgesetzt hat:

  1. Dazu gehören mindestens über 680 Milliarden Dollar an amerikanischen Staatsanleihen: Wenn Peking die auf den Markt werfen sollte, hätte das verheerende Wirkung auf den Dollar und die amerikanische Kreditwürdigkeit.
  2. Dazu gehört die fast monopolartige Kontrolle Chinas über viele strategische Rohstoffe, die – auch – von den USA vor allem für moderne Technologie von den Handys über Drohnen bis zu Flugzeugen gebraucht werden. China hat neben vielen intensiv abgebauten eigenen Lagerstätten und solchen in Drittweltstaaten vor allem die weltweit einzigen Raffinerie-Kapazitäten für etliche Produkte. Das ist eine Position, die es beinhart als Erpressungsmittel einsetzt.
  3. Dazu gehört die Tatsache, dass China sowohl für die Kriegsherrn in Moskau wie auch die in Iran der weitaus wichtigste Partner ist, also höchstwahrscheinlich als einziges Land Trump zu einem baldigen positiven Ende des Irankrieges verhelfen könnte, das der amerikanische Präsident so dringend braucht.
  4. Von Tesla bis Apple wollen weiterhin große amerikanische Konzerne in China ihre Produkte verkaufen.

Das alles dürften für Trump überzeugende Argumente gewesen sein.

Da vergisst man leicht,

  • dass China eine der schlimmsten Diktaturen der Welt ist;
  • dass es schon jetzt zwei sich nach Eigenständigkeit sehnende Nationen brutal unterjocht hält (Tibetaner und Uiguren);
  • dass es eine große Menge politischer Gefangener hält;
  • dass es auch die Religionsfreiheit schlimmer unterdrückt als etwa Russland;
  • dass es mit zwangsweise entnommenen Organen von Gefangenen verbrecherische Geschäfte macht;
  • dass es jahrzehntelang durch Export der Leistungen seiner billigen Arbeitskräfte und der Ergebnisse von Zwangsarbeit an die westlichen Konsumenten den größten finanziellen Reichtum erringen konnte, den irgendein Land besitzt;
  • dass China wirklich alle Produkte, die es einst gekauft, hemmungslos und ohne Rücksicht auf geistiges Eigentum kopiert und dann umgekehrt die einstigen Lieferanten mit deren Ideen und seinen Billigarbeitskräften in Grund und Boden konkurriert hat;
  • dass chinesische Geschäftsleute gezielt und mit politischer Zustimmung westliche Unternehmen bei gemeinsamen Investitionen übers Ohr gehauen haben;
  • dass China durch die Finanzierung von Dumping-Exporten nach Europa und Amerika, durch die interne Überschuldung vieler Regionen und Städte und durch die katastrophale Immobilienkrise in Wahrheit große wirtschaftliche Probleme hat;
  • dass China sein gleichsam – als Vorbild für Taiwans Zukunft gegebenes – Versprechen eiskalt gebrochen hat, dem früher unter den Briten blühenden Hongkong nach dem Motto "ein Land zwei Systeme" seine innere Demokratie und den Bürgern ihre Freiheiten zu belassen;
  • und dass China durch seine rapide Überalterung (als Folge der einstigen Einkindpolitik) unter Zeitdruck steht.

Da kann sich die Welt nur fürchten, wenn Trump in Peking nun jubelt, dass China und die USA eine "fantastische" gemeinsame Zukunft hätten.