Tschernobyl und der 1. Mai: die Geschichtsbeugung
Für die durch und durch grüngestrickten ORF-Redaktionen war in den vergangenen Tagen der 40. Jahrestag von Tschernobyl Anlass zu zahllosen Sendungen, in denen halt all das wiederholt wurde, was man schon sehr oft gehört hat. Dabei hätte es viel Wichtigeres und Aktuelleres aus Österreich und der Welt gegeben. Nur jenen Aspekt, der 1986 aus österreichischer Sicht der empörendste gewesen war, habe ich mit keiner Silbe hören können. So wie er auch in Aufwärme-Beiträgen in früheren Jahren nicht angesprochen worden ist. Was neuerlich zeigt, dass die Linke nicht nur in Hinblick auf die Zwischenkriegszeit, sondern auch auf die Zeit nachher extrem eifrig und erfolgreich beim Umschreiben der Zeitgeschichte ist.
Aber zurück zu den Tschernobyl-Tagen vor 40 Jahren. Damals war nicht mehr Kreisky im Amt, sondern die rot-blaue Regierung Sinowatz-Steger. Diese war aber schon in der Agonie ihrer letzten Tage (nicht zuletzt wegen des Kampfes von Jörg Haider gegen den damaligen FPÖ-Chef und Vizekanzler Steger und gegen die für die FPÖ todverheißende Regierung mit der SPÖ). Und in dieser Agonie wollte die SPÖ keinesfalls ihre Aufmärsche zum 1. Mai gefährden, obwohl am 26. April in der Sowjetunion durch grobe Fahrlässigkeit des Bedienpersonals (und als Folge eines noch fahrlässigeren Kraftwerks-Designs) ein Kernkraftwerk explodiert war.
Noch wichtiger: Am 4. Mai war der erste Durchgang der Präsidentschaftswahlen angesetzt, die dann Kurt Waldheim trotz oder wegen der schmutzigen SPÖ-Wahlkampagne triumphal gewann (so wie auch noch 40 Jahre später hat die SPÖ schon damals geglaubt, dass die Nazi-Denunziations-Karte sticht – und seither nichts dazugelernt, denn Waldheim war ebensowenig ein Nazi, wie es die Identitären sind).
In jenen für die Innenpolitik dramatischen Tagen wollte man nicht durch beunruhigende Meldungen die Schlusskundgebungen für den bei den Umfragen bereits deutlich zurückliegenden SPÖ-Kandidaten Steirer gefährden. Daher sandte das Gesundheitsministerium total beruhigende Signale aus, während anderswo schon Panik ob der nuklear aufgeladenen Luftströmung von Tschernobyl Richtung Westen geherrscht hat und vor längerem Aufenthalt im Freien gewarnt worden ist.
Während der ORF sich 40 Jahre später darum kümmert, ob heute noch in irgendwelchen Schwammerln Spuren von Radioaktivität zu finden ist, so wird mit keinem Ton darauf eingegangen, dass damals in Österreich grob fahrlässig keinerlei Warnung vor längerem Aufenthalt im Freien herausgegeben worden ist.
Ich erinnere mich jedenfalls ganz genau an den eigenen Schrecken, da ich am Vormittag jenes 1. Mai mit meinen Kindern auf der Wiener Jesuitenwiese Fußballspielen gewesen bin und erst nachher die überaus kritische Situation jener Stunden erfahren habe.
Gewiss: Wir haben keinerlei Kurz- oder Langfristfolgen jenes 1. Mai registriert. Gewiss: Auch die medizinischen Auswirkungen in ganz Österreich sind letztlich irrelevant geblieben.
Aber ebenso gewiss ist, dass man das damals nicht wissen konnte. So etwa der gewiss unverdächtige "Standard" lange nachher: "Am 29. April erreichten die radioaktiven Partikel in der Luft Österreich, sie drangen vom niederösterreichischen Weinviertel ins gesamte Bundesgebiet vor. Kurz darauf setzte im Alpenvorland starker Regen ein, der große Mengen Radioaktivität auf die Erde spülte. Österreich gehörte aufgrund der Wetterbedingungen zu den am stärksten von der Kontamination betroffenen Regionen in Mitteleuropa."
Und gewiss ist auch, dass danach auf totale Hysterie geschaltet worden ist, als Informationen nicht mehr zurückgehalten worden, sondern ins Gegenteil übertrieben worden sind. So hat der seit Studententagen mit mir befreundet gewesene damalige SPÖ-Klubobmann Peter Kostelka monatelang nicht einmal mehr österreichische Milch getrunken, sondern sich Milchpulver aus Kanada schicken lassen. So haben viele Österreicher Jodtabletten zu schlucken begonnen, was gar nicht ungefährlich ist.
Das damalige Verhalten der Regierung, des Gesundheitsministers Franz Kreuzer und der SPÖ sowie des damaligen ORF lässt sich aber durch die inzwischen festgestellte medizinische Folgenlosigkeit für Österreich nicht rechtfertigen. Nach damaligem Wissensstand der meteorologischen Experten ist es eindeutig grob fahrlässig gewesen. Nach deren damaligem Wissensstand hätte schon vor dem ersten Mai eine allgemeine Warnung herausgegeben werden müssen, sich nicht längere Zeit im Freien aufzuhalten. Und nach ihrem damaligen Wissensstand hätte die SPÖ die Mai-Feiern und öffentlichen Kundgebungen absagen müssen.
Diese Fahrlässigkeiten können auch durch die spätere Anti-Atom-Hysterie der SPÖ moralisch nicht wettgemacht werden.
Aber sehr wohl geht das ganz offensichtlich in Hinblick auf Medien wie den ORF, mit denen man vieles, insbesondere die Zeitgeschichte wieder geradebiegen und wettmachen kann …
Ich schreibe bisweilen Kolumnen auf der Nachrichten- und Meinungsplattform Exxpress.
