Die Rückkehr der Apokalypse
Es gehört zu den bemerkenswerten Leistungen der europäischen Politik, dass sie nach achtzig Jahren Frieden wieder Zustände geschaffen hat, unter denen die Möglichkeit eines Atomkrieges öffentlich diskutiert wird. Der Kontinent, der sich nach 1945 schwor, nie wieder zum Schlachtfeld der Weltgeschichte zu werden, verbringt seine Tage inzwischen damit, über Reichweiten von Raketen, Schutzräume und nukleare Abschreckung zu debattieren.
Fortschritt nennt man heute offenbar die Rückkehr zu Problemen, die man bereits einmal gelöst glaubte. Die Generation unserer Großeltern kannte die Angst vor dem Atomkrieg aus eigener Anschauung. Sie wusste, dass die Menschheit erstmals über die technische Fähigkeit verfügte, sich innerhalb weniger Stunden selbst auszurotten. Als Kinder lernten sie, unter Schultischen Schutz vor einer Explosion zu suchen, deren Feuerball ganze Städte verdampfen konnte. Es war eine absurde Übung, vergleichbar mit dem Versuch, sich bei einem Vulkanausbruch mit einem Regenschirm zu schützen. Doch sie erfüllte ihren Zweck: Sie erinnerte daran, dass der Frieden nicht selbstverständlich war.
Dann kam die große Entspannung. Die Sowjetunion kollabierte, die Mauer fiel, und der Westen erklärte die Geschichte für beendet. Kriege würden künftig durch Dialog ersetzt, Konflikte durch Konferenzen und Feindschaften durch Förderprogramme. Die Politik entwickelte eine fast religiöse Überzeugung, wirtschaftliche Verflechtung mache Kriege unmöglich. Wer gemeinsam Waschmaschinen produziert, so die Theorie, wäscht seine Schmutzwäsche im friedlichen Miteinander.
Leider zeigte die Wirklichkeit erneut ihre schlechte Angewohnheit, sich nicht an politische Wunschzettel zu halten. Heute stehen sich wieder Atommächte gegenüber. Russland verfügt über das größte Nukleararsenal der Welt und droht mit dessen Einsatz. Die Vereinigten Staaten besitzen genügend Sprengköpfe, um die Erde mehrfach unbewohnbar zu machen und lassen keinen Konflikt aus. China rüstet auf und schielt gierig nach Taiwan. Indien und Pakistan sitzen auf einem Konflikt, der jederzeit eskalieren könnte. Nordkorea betrachtet nukleare Drohungen als Form diplomatischer Höflichkeit. Israel bekommt mit dem Iran einen nuklear ausgerüsteten Todfeind. Und Europa, das sich jahrzehntelang sicherheitspolitisch an die Vereinigten Staaten angelehnt hat wie ein Student an seine reichen Eltern, entdeckt plötzlich die unangenehme Frage der Verantwortung für die eigene Verteidigung.
Besonders beunruhigend ist dabei die Leichtigkeit, mit der manche Politiker über militärische Eskalation sprechen. Menschen, die schon mit einer Pressekonferenz überfordert sind, diskutieren öffentlich über strategische Abschreckung. Minister, deren größte organisatorische Leistung bislang in der Einrichtung neuer Arbeitskreise bestand, äußern sich zu Szenarien, bei denen binnen Minuten Millionen Menschen sterben könnten. Die Diskrepanz zwischen Kompetenz und Verantwortung war selten größer.
Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht in der Dummheit oder Bosheit einzelner Akteure. Sie liegt in der Mechanik großer Konflikte. Die Geschichte zeigt, dass Kriege selten deshalb entstehen, weil jemand eines Morgens beschließt, die Welt anzuzünden. Meist sind es Missverständnisse, Fehleinschätzungen, Prestigeverluste und Eskalationsspiralen. 1914 begann mit einem Attentat und endete mit Millionen Toten. Niemand hatte den Weltkrieg geplant; er entstand aus einer Kette politischer Kurzsichtigkeit.
Atomwaffen verschärfen dieses Problem ins Unermessliche. Sie sind die einzigen Waffen, deren Einsatz nicht nur den Gegner, sondern den Sieger mit vernichten kann. Ihre Existenz beruht auf einem paradoxen Prinzip: Frieden entsteht dadurch, dass alle Beteiligten wissen, wie furchtbar ein Krieg wäre. Die nukleare Abschreckung funktioniert deshalb erstaunlich gut – solange alle Akteure rational handeln. Die Menschheitsgeschichte liefert allerdings nur begrenzte Hinweise darauf, dass Rationalität dauerhaft zu ihren herausragenden Eigenschaften gehört.
Besonders unerfreulich ist die Tatsache, dass die öffentliche Debatte zwischen zwei Extremen schwankt. Die einen erklären jede Warnung vor einem Atomkrieg zur Panikmache. Die anderen verhalten sich, als stünde der Einschlag unmittelbar bevor. Beide Sichtweisen sind bequem, weil sie das Denken ersetzen. Die Realität liegt dazwischen: Ein Atomkrieg ist nicht wahrscheinlich, aber er ist wieder vorstellbar geworden. Und schon diese Tatsache stellt einen historischen Rückschritt dar.
Vielleicht besteht die größte Tragik unserer Zeit darin, dass Europa nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eigentlich hätte gelernt haben sollen, wie zerbrechlich Zivilisation ist. Stattdessen verhält sich ein beträchtlicher Teil der politischen Klasse, als seien Wohlstand, Sicherheit und Frieden unantastbare Naturgesetze. Sie sind es nicht. Sie sind Ausnahmen. Seltene, kostbare und stets gefährdete Ausnahmen.
Der Atomkrieg bleibt deshalb die ultimative Erinnerung an die Grenzen menschlicher Selbstüberschätzung. Während Politiker von Werten, Einflusszonen und geopolitischen Interessen schwafeln, genügt im Ernstfall ein Knopfdruck, um all diese Debatten gegenstandslos zu machen. Unter einem nuklearen Feuerball gibt es keine Sieger, keine Verlierer, keine linken und rechten Positionen mehr. Es gibt nur noch Asche – und die stille Erkenntnis, dass die Menschheit wieder einmal bewiesen hat, dass technische Genialität und politische Weisheit nicht zwingend gemeinsam auftreten müssen.
Silvio Pötschner ist HNO-Facharzt und Gerichtssachverständiger.
