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Langsamkeit kann eine Tugend sein

Langsamkeit kann eine Tugend sein

Manchmal, so ist man versucht zu denken, ist es ganz gut, dass Österreichs Mühlen langsamer mahlen. Denn dann könnte man anhand von Erfahrungen im Ausland Fehler vermeiden oder überflüssige Initiativen einfach unterlassen. Nur leider ist dem nicht so, wie sich auch jetzt wieder herausstellt.

Da ist einmal die Diskussion um das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Würde man nach Australien schauen, wo es schon Erfahrungswerte gibt, würde man sich vielleicht diese Gesetzes-Anstrengung sparen, weil sie wenig bis nichts bringt. Australien zeigt:

  • Erstens wird das Verbot ganz leicht umgangen – und zwar von mehr als der Hälfte der 14-Jährigen und mehr als zwei Dritteln der 16-Jährigen.
  • Zweitens ist der Anreiz, "dabei" zu sein riesengroß, vor allem dann, wenn viele Freunde auf diesen Plattformen aktiv sind – dagegen hilft kein Verbot.
  • Drittens werden Jugendliche, die sich tatsächlich von Instagram und Co fernhalten, von ihrer Peer-Group ins Out gestellt.
  • Und schließlich geben diejenigen, die sich ans Verbot halten, an, dass ihnen oft langweilig ist und sie schwerer Kontakt zu ihren Freunden aufrecht erhalten können.

Offensichtlich könnte man sich also diesen staatlichen Eingriff in die Erziehung von Kindern und Jugendlichen sparen. Denn es ist nichts anderes: Die Politik misstraut den Eltern, dass sie Grenzen setzen können oder wollen. Sie misstraut auch den Lehrern, die sehr wohl mit den Heranwachsenden über den Umgang mit TikTok, Instagram und Co diskutieren (sollten).

Lernen könnte auch ein Bildungsminister vom fortschrittlicheren Ausland, wenn er glaubt, Bildung im klassischen Sinn beschneiden zu müssen, um den Kindern "Künstliche Intelligenz" nahebringen zu müssen. Das kann eigentlich nur schief gehen, denn es handelt sich um eine Entwicklung, die so rasant verläuft, dass alles, was man heute glaubt, den jungen Menschen "beibringen" zu können, in spätestens einem halben Jahr ein Gruß aus der digitalen Steinzeit sein wird.

Der Bildungsminister vergisst auch, dass die junge Generation aus "digital natives" besteht: Die Jugendlichen sind mit allen digitalen Entwicklungen aufgewachsen, in sie hinein getaucht und kennen keinerlei Berührungsängste damit. Man probiert das Neue aus, bis man es beherrscht - und braucht weder jemanden, der es einem vormacht, noch "Gebrauchsanweisungen".

Noch viel schwerer aber wiegt der Umstand, dass mittlerweile die anfängliche Euphorie von starken Zweifeln durchsetzt ist: Die KI "halluziniert" oft – wenn sie auf eine Frage keine Antwort findet, füllt sie diese "Lücken" mit glaubhaft formuliertem Unsinn, weil sie darauf trainiert wurde, zueinander passende Wörter auszustoßen. Diese Desinformation muss man freilich erst erkennen können. Und schon deshalb, so betonen immer mehr Fachleute in Europa und den USA, muss es Ziel von Schulen und Universitäten sein, den jungen Menschen zu so viel Bildung, Wissen und kritischem Denken zu verhelfen, wie nur irgend möglich. Gerade im Zeitalter der KI müssen die Bildungsstandards höher geschraubt, statt unablässig herabgesetzt werden, wenn die künstliche Intelligenz ein Hilfsmittel für die natürliche Intelligenz sein soll – und nicht ein gefährlich schlechter Ersatz.

Ein zweites Nachdenken über einschlägige Lehrplanänderungen stünde dem Minister gut an.