Sechs Sieger, sechs Verlierer
Der Friedensschluss zwischen den USA und dem Iran bringt ein sehr ambivalentes Ergebnis. Er hat die Weltpolitik durchgemischt und zeigt als Folge ebenso klare Verlierer wie auch Gewinner. Er ist trotz seines provisorischen Charakters wohl ein ziemlich dauerhafter Endpunkt, da neuerliche amerikanische Angriffe eher unwahrscheinlich sind, selbst wenn kein endgültiges Friedensabkommen zustandekommen sollte, wie es im Memorandum eigentlich versprochen wird.
Fangen wir mit den Siegern an.
- Da ist ganz klar das iranische Mullahregime an der Spitze zu nennen. Es hatte im Krieg zwar militärisch keine Chance, aber da die USA nicht den Einsatz von Landungstruppen gewagt haben, da sie nicht die Sicherheit der Schifffahrt in der Straße von Hoemus wiederherstellen konnten, stehen die Mullahs dennoch eindeutig als Sieger da, innen- wie außenpolitisch:
- Das Regime ist mächtiger als vor Ausbruch des Krieges, wo es durch die Massendemonstrationen ernsthaft angeschlagen war.
- Es kann sich trotz aller schweren Schäden propagndistisch als furchtlos, unbesiegbar und zäher Unterhändler verkaufen.
- Die Mullahs brauchen die Proteste der Massen nicht mehr zu fürchten.
- Sie können wieder ihr Öl verkaufen.
- Sie haben unfassbare 300 Milliarden Wiederaufbauhilfe zugesagt bekommen.
- Sie können Transitgebühren in der Straße von Hormus verlangen.
- Und sie haben gelernt, dass sie mit der Sperre dieser Straße ein sehr gutes Druckmittel in der Hand haben (das für sie selbst viel weniger gefährlich ist als die Drohung mit Atomwaffen, die man in Teheran für so wichtig gehalten hatte).
- An zweiter Stelle sind die Konsumenten in aller Welt, auch in Österreich, zu nennen. Sie profitieren von den zumindest mittelfristig (bis die Ausfälle der letzten Wochen kompensiert sind) fallenden Benzinpreisen. Damit wird das Leben an den Zapfsäulen erfreulicher. Damit wird die Inflation insgesamt geringer, die ja zuletzt durch den Krieg angeheizt worden ist (dass etliche Regierungen zur Dämpfung der Preise zusätzliche Schulden aufgenommen haben, die natürlich ebenso auf den jetzt jubelnden Bürgern lasten, nehmen diese vorerst kaum zur Kenntnis).
- Zu jenen, die von diesem Kriegsende etwas haben, gehört eindeutig die Ukraine. Ihr Gegner in Russland leidet unter den jetzt stark fallenden Ölpreisen (und zusätzlich unter den immer weiterreichenden ukrainischen Drohnenangriffen). Trump dürfte wenigstens in der Ukraine versuchen, am Ende des zweiten großen Krieges auf der Seite des Siegers zu stehen, und scheint dementsprechend zu agieren.
- Auch Europa kann sich vermutlich zu den Punktesiegern zählen. Denn die Amerikaner dürften gelernt haben, dass es in Konflikten besser ist, auf Verbündete zählen zu können. Erste Indizien deuten jedenfalls darauf hin, dass sie deshalb Europa wieder ernster nehmen.
- Ein Sieger ist auch China – ohne dass es sich anstrengen musste. Es bekommt wieder Energie und die ist billiger. Es kann im Ringen um die Weltposition Nummer Eins gleichzeitig befriedigt registrieren, dass sowohl Russland als jetzt auch die USA in ihren Machtansprüchen deutlich beschädigt worden sind.
- Und wenn man so will, kann man auch alle linken wie christlichen Pazifisten zu den Siegern rechnen, die stets der Meinung sind, es sei wichtiger, die Waffen schweigen, als dass ein Terrorregime verschwindet.
Fast spiegelbildlich stellt sich die Liste der Kriegsbeschädigten dar:
- An der Spitze steht da zweifellos Donald Trump: Er hat den Krieg im Alleingang (beziehungsweise zusammen mit Israel) begonnen, aber kein Mittel in der Hand gehabt, ihn zu einem siegreichen Ende zu bringen. Bei all seinen Angeber-Fähigkeiten hat er wohl keinen Weg mehr, um sich vor den Amerikanern als Sieger des Irankrieges darzustellen. Er musste vielmehr gegenüber der Angst der US-Bürger vor steigenden Treibstoffpreisen kapitulieren. Das wird auch seinen Gefolgsleuten bei den Kongress-Zwischenwahlen im November schwer schaden (es sei denn, er kann jetzt durch intensives Engagement noch rechtzeitig der Ukraine zu einem Sieg verhelfen und damit von der Iran-Niederlage ablenken – auch wenn das angesichts seiner bisherigen Putin-Liebe ziemlich grotesk wäre).
- Gleich dahinter sind die Bürger des Iran als zweifellos zahlenmäßig weitaus größtes Opfer des Krieges zu nennen. Ihnen bleibt jetzt nur tiefste Depression, da Trump die von ihm geweckten Hoffnungen geradezu zynisch verraten hat. Als minimaler Hoffnungsschimmer bleibt die Möglichkeit, dass die neuen Machthaber in Teheran innenpolitisch (von den Kopftüchern bis zu den Universitäten) liberaler als die getöteten Altmullahs sein werden.
- Nicht nur Trump, sondern auch die USA als Ganzes und insbesondere die US-Armee sind Leidtragende des Krieges und seines Ausgangs: Die Drohungen und Warnungen des einstigen Weltpolizisten werden künftig viel weniger ernst genommen als bisher. Das ist nicht gut für den Weltfrieden. Die USA haben dasselbe wie Russland in der Ukraine lernen müssen: Nur aus der Luft kann man einen Krieg nicht gewinnen. Genauso wenig, wenn man gegen fast die gesamte Weltöffentlichkeit steht.
- Ein Verlierer ist auch Russland. Zwar ist Iran ein Verbündeter. Aber dieser hat nicht durch russische Waffen gewonnen, sondern durch die Erpressung mit einer Sperre der Ölstraße durch Hormus. Gleichzeitig muss Russland damit fertig werden, dass jetzt die Öl- und Gaspreise sinken werden, was seine Schattenflotte viel weniger einträglich werden lässt.
- Israel hat zwar vorerst seine militärischen Ziele im Libanon erreicht und es wird nicht mehr täglich von Raketen beschossen. Aber es ist nicht nur fraglich, ob Iran wirklich dauerhaft auf Atomwaffen verzichtet, von denen sich Israel verständlicherweise bedroht fühlt, sondern Israel hat am Ende auch die Unterstützung seines amerikanischen Freundes weitgehend verloren, dem Israel nur noch lästig ist.
- Schließlich stehen auch die arabischen Golfstaaten jetzt auf der Verliererseite: Sie haben sich bisher auf die amerikanische Hilfe verlassen und stehen nun recht verlassen da. Sie könnten deshalb sogar eine Annäherung an den Iran versuchen, dem sie ja jetzt offenbar sogar eine große Summe Geldes quasi als Tribut zahlen, nur damit er seine Angriffe einstellt.
