Eine Lehre, die nicht gezogen wird
Was geht uns England an? Diese Frage ist gar nicht so unwichtig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Und da soll gar nicht erst wieder auf die bösen Folgen des Brexit hingewiesen werden. Die Lektion, die uns die Inselbewohner gerade erteilt haben, ist vielleicht zeitgeistig. Aber bei näherem Hinsehen auch sehr ernst.
Es lohnt sich, den Fall des Cambridge-Professors Jason Arday genauer zu betrachten, der eine akademische und eine menschliche Tragödie ist.
Da war ein englisches Migrantenkind aus Ghana, das es schaffte, mit nicht einmal 40 Jahren zum "jüngsten schwarzen Professor" der ehrbaren Elite-Universität Cambridge aufzusteigen. Eine akademische Berufung, die der zeitgeistigen DEI-Bewegung – Diversity, Equality and Inclusion, also Vielfalt, Chancengleichheit und Inklusion – sozusagen die Krone aufsetzen sollte.
Der junge Mann behauptete auch, einen bewundernswerten Hintergrund zu haben: Ein autistisches Kind, das erst mit elf Jahren sprechen und mit 18 lesen und schreiben lernte, legte dann einen akademischen Überflug hin, der ihn in die schwindelnden akademischen Höhen beförderte. Bis sich plötzlich herausstellte, dass seine Doktorats- und Forschungsarbeiten weitgehend Plagiate, sein Lebenslauf übertrieben und die Karriere eigentlich durch nichts gerechtfertigt waren. Die Medien, die gerade erst ihren Star bejubelt hatten, schalteten bei Aufkommen der Tatsachen blitzschnell auf Verurteilung. Als der Druck zu groß wurde, trat Arday zwar von seiner Professur zurück, doch der veröffentlichte Aufruhr ging weiter. Bis der von seiner Umgebung als besonders liebenswert und freundlich geschilderte Mann Selbstmord beging.
Tragisch ist aber nicht nur das Ende – tragisch ist vielmehr der Anfang dieser Geschichte.
Und genau dieser Anfang geht uns auch in Österreich an.
Man kann sich natürlich wünschen, dass nicht – wie auch bei uns, wo es eigentlich gar nicht anders möglich ist – nur die "weißen, alten" Männer Karriere machen. Doch wenn man diesem Wunsch dringend nachhelfen will, sollte man sehr vorsichtig sein.
In England wie in den USA führte man DEI als Ei des Columbus ein, was zur Folge hatte, dass bei Berufungen und Besetzungen von Chefetagen immer öfter in erster Linie die Hautfarbe entscheidet – obwohl es doch nur um die Qualität der Bewerber gehen sollte.
Hierzulande muss man zwar nicht unter Bewerbern verschiedener Hautfarbe wählen, dafür geht es um die "Gendergerechtigkeit". Wenn es im Bund zwei gleich qualifizierte Bewerber gibt – auch wenn das eigentlich nur theoretisch möglich ist –, dann muss die Frau zum Zug kommen. Auch die Aufnahmetests für Medizinstudenten wurden einige Zeit für Mädchen anders, nachsichtiger, bewertet, da unglücklicherweise (?) immer mehr Burschen als Mädchen bestanden. Erst ein Sturm der Entrüstung gegen diese "umgekehrte Diskriminierung" aus "genderspezifischen" Überlegungen hat diese Ungerechtigkeit wieder beseitigt. Qualität zeigt sich bei dem selben Test für alle recht deutlich (auch wenn es nur eine Momentaufnahme ist) – und deshalb war es einfach, auf die ungerechte Bevorzugung hinzuweisen. Als (Über-)Kompensation hat die MedUni jetzt eine eigene, ans Rektorat angeschlossene Abteilung für DEI, die als Kernaufgabe Chancengleichheit, Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit im universitären Alltag strategisch und operativ umzusetzen hat. Sie erstellt auch einen regelmäßigen Gleichstellungsbericht, der quantitative Daten zu den Geschlechterverhältnissen an der Universität liefert ("Gender-Monitoring") und organisiert die "Regenbogengruppe", eine Plattform für LGBTQIA+-Universitätsangehörige. Immerhin fünf akademische Mitarbeiter kümmern sich dort um die Gendergerechtigkeit. Und alle anderen staatlichen österreichischen Universitäten sind mittlerweile ebenfalls dazu verpflichtet, solche Stabstellen zu unterhalten.
Als naiver Betrachter der Universitätslandschaft fragt man sich oft, welchen Beruf man als Absolvent der "Genderstudies" ergreifen kann – na bitte, da gibt es ein reiches Betätigungsfeld in den Stabstellen der Unis. Geld genug muss für diese hehre Aufgabe, die die Bedeutung des Forschungsstandorts und der Lehre doch in ungeahnte Höhen treibt (oder doch nicht?), da sein - auch wenn Vater Staat sparen muss.
Wenn der Staat also Geschlecht über Qualität stellt, wenn er Studienplätze und Posten nach dem Prinzip "Hauptsache, Frau" vergibt, dann kann man sagen: Okay, wenn man glaubt … Allerdings wird es mehr als problematisch, wenn sich sowohl unser Staat als auch die EU mit Vorgaben zur "Gendergerechtigkeit" in Privatunternehmen einmischen. Mit 30. Juni hat Österreich die "Women-on-Boards"-Richtlinie der EU umgesetzt, durch die ab 1. Jänner nächsten Jahres bei allen Entsendungen in den Aufsichtsrat börsennotierter Unternehmen 40 Prozent Frauen, bei großen nicht börsennotierten Unternehmern 30 Prozent Frauen sein müssen. Über diesen eigentlich unglaublichen Eingriff in privates Eigentum tröstet nicht hinweg, dass sich die österreichische Regierung für staatliche und staatsnahe Unternehmen eine "Zielquote" von 50 Prozent verordnet hat.
Geschlecht schlägt Qualität und Qualifikation. Das ist Quote.
Da dürfen wir uns wohl darauf vorbereiten, dass die nächste EU-Richtlinie nicht lange auf sich warten lassen wird, die auch noch Quoten für nicht-binäre, fluide und sonstige Angehörige der 6 bis 64 anderen "Geschlechter" aufoktroyiert.
Statt dass man auf das alte Kriterium der Qualität zurückgreift – was man spätestens aus dem tragischen Fall Arday lernen könnte.
